Winter auf Lesbos

Schlamm und Kälte als Abschreckung für Flüchtlinge

Ärzte ohne Grenzen warnen angesichts des bevorstehenden Winters vor einer humanitären Katastrophe in Griechenland. Das zweite Jahr in Folge hätten Flüchtlinge nahezu keinen Schutz vor dem Wetter. Abschreckung durch Schlamm und Kälte sei zutiefst zynisch.

Tausende Flüchtlinge auf griechischen Inseln sind nach Angaben von „Ärzte ohne Grenzen“ [1] dem Winter schutzlos ausgeliefert. Männer, Frauen und Kinder lebten in kleinen Sommerzelten in völlig überfüllten Lagern im Matsch, erklärte das Hilfswerk am Mittwoch in Berlin. Es fehle an fließendem Wasser und sanitären Anlagen. Aria Danika, Projektleiterin von „Ärzte ohne Grenzen“ auf Lesbos, sagte: „Die Lage auf der Insel war bereits schrecklich, jetzt ist sie zum Verzweifeln.“

Dem Hilfswerk zufolge leben im Lager Moria auf Lesbos mehr als 7.000 Menschen, obwohl es nur für 2.300 Menschen gedacht ist. Jeden Tag kommen dort durchschnittlich 70 weitere Flüchtlinge an. Im vergangenen Jahr sind in dem Lager fünf Menschen infolge der schlechten Zustände gestorben. Auf der Insel Samos sind 1.500 Flüchtlinge in einem Lager untergebracht, das für 700 Menschen ausgelegt ist.

Danika zufolge nimmt „Ärzte ohne Grenzen“ auf Lesbos durchschnittlich zehn Patienten mit akutem psychischen Leiden auf. Darunter seien auch viele, die bereits versucht hätten, sich umzubringen oder sich selbst zu verletzen.

Hilfsorganisation: Abschreckung durch Schlamm und Kälte

Die Hilfsorganisation forderte Griechenland und die EU auf, die Menschen auf das Festland zu bringen. Deutschland solle seinen Einfluss geltend machen. „Familien, die gerade so dem Krieg entkommen sind, zur Abschreckung in Schlamm und Kälte festzusetzen, ist zutiefst zynisch und hat mit europäischen Werten nichts zu tun“, sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von „Ärzte ohne Grenzen“ in Deutschland.

Das im März 2016 geschlossene Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass alle Bootsflüchtlinge, die über die Ägäis nach Europa kommen, in die Türkei zurückgeschickt werden, wenn sie keine Chance auf Asyl haben. Dennoch sitzen Tausende Flüchtlinge auf den Inseln fest. (epd/mig)