Essay

Einwanderung – (wirklich) herausfordernd für alle?!

Über den Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel, “Wir schaffen das!“, wurde viel diskutiert. Nicht besprochen wurde jedoch die Frage, wer zu diesem „Wir“ gehört und wer weshalb nicht. Eine Aufforderung zu konsequentem Mitdenken. Von Nina Simon

“Wir schaffen das!“. Dieser Satz von Angela Merkel vom Sommer 2015 ist im Diskurs um die häufig als „Flüchtlingsstrom“, „-welle“ oder „-krise“ 1 [1] bezeichnete Einwanderung von Menschen nach Deutschland ein populäres Motto all jener, die sich als Teil der in diesem Kontext entstandenen „Willkommenskultur“ begreifen. Dabei wird selten darüber nachgedacht, wer denn eigentlich zu diesem „Wir“ gehört und wer weshalb nicht. Gerade dies ist jedoch notwendig, wenn ein ernsthaftes Interesse an einer Auseinandersetzung mit (migrations)gesellschaftlichen Fragen besteht und somit auch der „Herausforderung Einwanderung“ konstruktiv begegnet werden soll.

Ein solches Nachdenken kann durch inklusive rassismuskritische Bildungsarbeit angeregt werden, weil diese alle und nicht nur die vermeintlich „zu Integrierenden“ adressiert. Für die scheinbar „Integrierten“ mag dies zunächst ungewöhnlich, gar unbequem sein und somit möglicherweise Abwehr(-reflexe) hervorrufen 2 [2]. Wenn künftig allerdings von einem reflektierten „Wir“ ausgegangen werden soll, ist es unabdingbar, eine solch kritisch-(selbst-)reflexive Perspektive zu erwerben und konsequent mitzudenken.

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Wie dies aussehen könnte, versucht dieser Text exemplarisch anhand dreier Aspekte aufzuzeigen, die dem Versuch gewidmet sind, Alltägliches der Selbstverständlichkeit(en) zu berauben. Ein solches Vorgehen soll unter anderem ein Erkennen kultureller Konstruktionen ermöglichen und ein Bewusstsein für die Macht vorherrschender Diskurse befördern.

1. „Die Anderen“ und ihre „Kultur“

In einem ersten Schritt wird Alltägliches der Selbstverständlichkeit(en) beraubt, indem die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“ sowie das vorherrschende Verständnis von „Kultur“ problematisiert wird. Rassismus ist ein System, das dazu dient, Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und zu legitimieren 3 [3]. Es ist also nicht nur auf individueller, sondern zugleich immer auch auf institutionell-struktureller und medial-ideologischer Ebene zu verorten. Ein zentraler Bestandteil dieses Systems ist die Unterscheidung zwischen einem „Wir“ und einem „Nicht-Wir“, also einem „Wir“ und einem „die Anderen“. Die dadurch hervorgebrachte Differenz ist dabei eine (wiederholt) konstruierte, die in enger Verbindung mit gesellschaftlicher Macht steht: Nur der sozialen Gruppe, die über Macht verfügt, gelingt eine Durchsetzung ihrer Konstruktion(en) der jeweils „Anderen“.

Edward Said erläutert in seinem Werk „Orientalism: Western Concepts of the Orient“, dass dabei allerdings nicht nur „Andere“ zu solchen gemacht werden, sondern zeitgleich stets auch ein „Wir“ konstruiert wird: „Wir“ sind zivilisiert, „die Anderen“ wild, „wir“ sind rational, „die „Anderen“ hingegen emotional. Die Hervorbringung einer „westlichen“ Identität ist somit Ergebnis des Ausschlusses des „Rests“, also „der Anderen“ 4 [4].

Da wir alle in gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse involviert sind, ist auch Rassismus ein System, das alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft, wenn auch auf unterschiedliche Weise: Während sich weiße Menschen – also „Wir“ – in diesem System in einer privilegierten Position befinden, werden all jene als „Andere“ Konstruierte durch dieses rassistisch diskriminiert. Im Kontext der „Herausforderung Einwanderung“ wird dabei häufig von „kultureller Differenz“ gesprochen: Unter „anderen Kulturen“ werden dabei meist statische Nationalkulturen verstanden, die als nicht veränderbar und die Menschen determinierend verhandelt werden. Selten wird dabei berücksichtigt, dass auch „Kultur“ eine Konstruktion darstellt, die es beständig zu hinterfragen gilt. Vielmehr wird „Kultur“ auf diese Weise zu einem Ersatz für „Rasse(-Konstruktionen“) 5 [7]: Gruppen werden definiert, es wird ihnen eine „Kultur“ zugeschrieben, die „Kulturen“ werden hierarchisiert. Ohne ein Nachdenken über den hybriden Konstruktcharakter von „Kultur(en)“ werden so Rassismen reproduziert und die „Herausforderung Einwanderung“ bleibt Aufgabe „der Anderen“, wird also kein Projekt aller.

2. Balance reloaded: Wer balanciert was?

In einem zweiten Schritt wird über Ungleichgewichte nachgedacht: Über konstruierte Ungleichgewichte und über tatsächlich bestehende. Ein Nachdenken über tatsächlich bestehende ist schwieriger, weil es der Bereitschaft der mächtigen „Wir“-Gruppe bedarf, sich mit den für sie daraus resultierenden Privilegien auseinanderzusetzen.

Wenn im Kontext der „Herausforderung Einwanderung“ von Balance gesprochen wird, ist dieser Begriff nicht unabsichtlich gewählt: Balance ist dann notwendig, wenn ein Ungleichgewicht besteht, wenn also balanciert werden muss, was als unvereinbar propagiert wird. „Demokratie und Rechtsstaat“ versus „kulturelle Vielfalt“ werden häufig als einer Balance bedürfend verhandelt. Die Vorstellung von „kultureller Vielfalt“ entspricht dabei meist dem erwähnten dominanten Kulturverständnis. Dies trägt nicht nur dazu bei, die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „den Anderen“ aufrechtzuerhalten, sondern ist auch immer dann von Bedeutung, wenn von tatsächlich einer Balance bedürfenden, weil real existierenden, Ungleichgewichten abgelenkt werden soll.

Ein solch real existierendes Ungleichgewicht lässt sich mit Blick auf die ungleich verteilte gesellschaftliche Macht erkennen: Welchen Gruppen wird Sprechen und damit auch Gehört-Werden (ver-)(un-)möglich(t)? Welche Gruppe kann also „ihre Geschichte(n)“ selbst erzählen und für welche Gruppen wird erzählt? Auch im Kontext der „Herausforderung Einwanderung“ besteht hier ein Ungleichgewicht in Bezug auf die erzählten (und über mediale Diskurse verbreiteten) Geschichten. Chinua Achebe bezeichnete das anzustrebende Gleichgewicht als „Balance of Stories“ 6 [8] und Chimamanda Ngozi Adichie erläutert in ihrem Vortrag „The Danger of a Single Story“ die Macht (nicht) erzählter Geschichte(n): Wie Geschichten erzählt werden, wer Geschichten erzählt, wann sie erzählt werden und wie viele Geschichten erzählt werden, hängt entscheidend davon ab, wer über die Macht verfügt, diese zu generieren 7 [9].

3. Betrifft: alle: Inklusive rassismuskritische Bildungsarbeit

Was kann nun getan werden, um der „Herausforderung Einwanderung“ konstruktiv zu begegnen? Inklusive rassismuskritische Bildungsarbeit scheint hierfür geeignet, weil es mit ihr gelingen kann, alle zu adressieren, ohne dabei die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionierungen auszublenden: Während Integration eine nicht-reflektierte Form des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen bezeichnet 8 [10], basiert Inklusion auf einem reflektierten Gemeinsamsein und dem gemeinsamen Bearbeiten 9 [11] – hier der „Herausforderung Einwanderung“ – , das (dabei) Differenz nicht negiert 10 [12]. Ein zentrales Prinzip inklusiver Ansätze ist die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität zur Steigerung der gesellschaftlichen Teilhabe aller.

Rassismuskritische Bildungsarbeit ist in zweierlei Hinsicht als inklusiv zu verstehen: Zum einen beinhaltet sie eine Kritik an Machtverhältnissen, zum anderen bezieht sie systematisch die (Handlungs-) Kompetenzen derjenigen mit ein, die durch diese Verhältnisse diskriminiert werden. Allerdings läuft inklusive Bildungsarbeit, also auch rassismuskritische, häufig Gefahr, den Diskriminierten eine Opferrolle zuzuschreiben und nur diese Gruppierung als Adressat zu begreifen – ähnlich wie im Integrations-Diskurs: Als „zu integrierend“/„zu inkludierend“ wird die jeweils diskriminierte Gruppe betrachtet – die privilegierte fühlt sich nicht angesprochen. Rassismus wird so zum Problem der rassistisch Diskriminierten erklärt.

Allgemeiner: Ungleiche Machtverhältnisse werden zum Problem der (dadurch) weniger Mächtigen deklariert. Wird Inklusion aber als etwas verstanden, das alle Mitglieder einer Gesellschaft betrifft, darf auch Rassismus nicht nur als Lebensrealität jener, die Rassismuserfahrungen machen, verstanden werden. Analog dazu muss die „Herausforderung Einwanderung“ alle und nicht nur „die Anderen“ herausfordern. Für die „Wir-Gruppe“, bedeutet das unter anderem auf Rassismus basierende Privilegien kritisch zu reflektieren.

Deshalb müssen (Bildungs-) Konzepte entwickelt werden, die es allen ermöglichen, den Unterschied zwischen Integration und Inklusion zu begreifen. Andernfalls bleibt es bei der „Wir-Gruppe“ bei einer (häufig unbewussten) Inszenierung von Dominanz, wohingegen „die Anderen“ in einem Stadium verharren, das die Verinnerlichung rassistischer Denk- und Handlungsweisen beinhaltet. Damit leisten beide Gruppen ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der (ungleichen) Machtverhältnisse, jedoch keinen zu deren Verschiebung. Eine solche allerdings ist notwendig, wenn der „Herausforderung Einwanderung“ konstruktiv begegnet werden soll. 11 [13]

Keine Schuldzuweisung, sondern Verantwortung

Damit die „Herausforderung Einwanderung“ für alle Mitglieder einer Gesellschaft eine Chance wird, ist einem macht- und in diesem Zusammenhang vor allem rassismuskritischen Nachdenken, beispielsweise auch über Zugehörigkeitsordnungen und Repräsentationsverhältnisse, ein zentraler Stellenwert einzuräumen. Mit inklusiver rassismuskritischer Bildungsarbeit kann es gelingen, mit in der Gesellschaft unterschiedlich positionierten Menschen zusammen zu arbeiten, ohne ihre unterschiedlichen Positionierungen auszublenden. Damit kann zu einem reflektierten „Wir“ gelangt werden, das unter anderem dem Ausspruch „Wir schaffen das!“ eine andere Färbung als bisher verleiht.

Eine große Herausforderung besteht dabei darin, dass ein solches Vorgehen Gefahr läuft, von der „Wir-Gruppe“ als kollektive Schuldzuweisung verstanden zu werden 12 [14]. Stets daran zu erinnern, dass machtkritische Ansätze nicht auf Schuldgefühle, sondern auf Verantwortungsübernahme abzielen, stellt ein schwieriges, aber durchaus lohnenswertes Vorgehen dar – um nicht zu sagen: das mit der größten Aussicht auf (Lern-) Erfolge für alle (!).

Selbstverständlich gilt dies auch im Kontext der „Herausforderung Einwanderung“ nicht ausnahmslos für die hier ins Zentrum gerückte Machtasymmetrie, sondern auch für alle anderen sowie deren komplexes Zusammenspiel. Im besten Falle gelingt es also im Rahmen einer solchen kritischen Reflexion mögliche Ansatzpunkte auch für weitere, nicht minder komplexe gesellschaftliche „Herausforderungen“ zu gewinnen.

  1. Beachtet werden sollte hier die häufig einer Wassermetaphorik entlehnte abwertende Semantik
  2. s. Helms, Janet E./Carter, Robert T. (1990): Development of the White Racial Identity Inventory. In: Helms, Janet E: Black and White Racial Identity. Theory, Research and Practice. Westport. 67-80. [15]
  3. s. Rommelsbacher, Birgit (2009): Was ist eigentlich Rassismus?, online verfügbar: http://www.birgit-rommelspacher.de/pdfs/Was_ist_Rassismus.pdf
  4. s. Said, Edward (1991): Western Concepts of the Orient. (New edition). London [16]
  5. s. Leiprecht, Rudolf (2004): Kultur – Was ist das eigentlich?, online verfügbar [17]
  6. s. Achebe, Chinua (2000): „Today, the Balance of Stories.“ Home and Exile, Oxford [18]
  7. s. Adichie, Chimamanda Ngozi (2009): The danger of a single story, online verfügbar [19] (inkl. Untertitel in versch. Sprachen)
  8. s. Hinz, Andreas (2002): Von der Integration zur Inklusion – terminologisches Spiel oder konzeptionelle Weiterentwicklung? In: Zeitschrift für Heilpädagogik 53 (9), 354-361 [20]
  9. s. Feuser, Georg (1998): Gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand. In: Hildeschmidt, Anne/Schnell, Irmtraud (Hg.): Integrationspädagogik. Weinheim, München, 19-36
  10. s. Prengel, Annedore (2006): Pädagogik der Vielfalt. 3. Aufl. Wiesbaden [21]
  11. Wie ein solches Setting aussehen kann ist nachzulesen in; Boger, Mai-Anh u. Nina Simon (2016): zusammen – getrennt – gemeinsam. Rassismuskritische Seminare zwischen Nivellierung und Essentialisierung von Differenz, In: Espahangizi, Kijan u.a. (Hrsg.): movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung. Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft, Jg, 2, Heft 1/2016, online verfügbar [22].
  12. s. Messerschmidt, Astrid (2010): Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus. In: Broden, Anne/Mecheril, Paul (Hg.): Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft. Bielefeld, 41-58 [23]