Leitkult

Stellungnahme zu den Leitkultur-Thesen von Innenminister de Maizière

Mit einem Beitrag in der Bild am Sonntag will Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit einigen Thesen über eine Leitkultur zu einer Diskussion einladen. Einige sind dieser Einladung gefolgt. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Mit diesem Beitrag soll ebenfalls der Einladung entsprochen werden, mitzudiskutieren. Von Murat Kayman

Das ministerielle Thesenpapier zeigt in Form und Inhalt die Schwierigkeit, kulturelle Gewohnheit und Eigenart einer Bevölkerung als Leitungsanspruch zu formulieren und dabei intellektuell konsequent zu bleiben. Denn natürlich sind historische Verantwortungen und bisherige Lebensgewohnheiten nie frei von Brüchen, Rissen und Unzulänglichkeiten. Wieso dies nicht als Wahrheit akzeptiert werden kann, sondern eine nationale Idealerzählung konstruiert werden muss, zeigt sich in der eigentlichen Funktion des Beitrages als Abgrenzung und Selbstvergewisserung im Verhältnis zu Neuankömmlingen. Dass hier eine Bevölkerung von mehr als 90 % einer Minderheit von 10 % ausdrücklich näher definieren und erzählen will, was als gut und richtig zu gelten hat, sagt mehr über die Suche der 90% aus, als über einen unterstellten Mangel der 10%.

Bereits der sprachliche Einstieg ist holprig [1]. Er kann es auch gar nicht anders sein. „Was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet“ will de Maizière ergründen. Dabei schwingt natürlich unausgesprochen und im weiteren Verlauf des Textes eher mittelbar ausgedrückt die Selbstvergewisserung mit, dass das, was „uns“ ausmacht und von anderen unterscheidet, gut ist. Besser ist.

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Die beiden wesentlichen Assoziationstrigger, die diese Selbstvergewisserung legitimieren sollen, sind „Burka“ und „Ehrenmorde“. Die Andeutung dieser beiden Begriffe, ihre fragmentarische Erwähnung reicht bereits aus, um den Lesern klar zu machen, worum es hier geht. Nämlich darzustellen, warum wir „besser“ sind und andere sich „verbessern“ müssen. Der Gedanke, dass Neues und bisher Fremdes auch „gut“, in Teilen gar „besser“ sein könnte, als das, was wir als Eigenart definieren, ist diesem Diskussionsbeitrag völlig fremd.

Zu dem „Wir“ kann deshalb denklogisch nur jemand werden, der so wird, wie wir schon sind. Warum jemand nicht Staatsbürger sein oder werden kann und damit zu dem, was „uns“ ausmacht, noch etwas Gutes und Schönes hinzufügt, bleibt unbeantwortet. Die 10 Thesen des Beitrages sind dann auch so idealisierte Erzählungen vom kollektiven „Wir“, dass sich diese Frage auch niemandem stellt.

Dabei begibt sich de Maizière erneut in einen Widerspruch, wenn er zwar betont, dass es nicht um die Kategorien von „besser oder schlechter“ geht, wenn „Lebensgewohnheiten im Ausland anders“ sind. Es sei letztlich „die Mischung, die ein Land einzigartig macht und die letztlich als Kultur bezeichnet werden kann“. In dieses Verständnis von „Mischung“ wird aber das, was neue Staatsbürger als kulturelles Potential mitbringen, nicht eingebunden. „Das Erfahren eines anderen Kulturkreises“ ist für de Maizière nur auf Reisen möglich. Eine Aufnahme von Elementen anderer Kulturkreise in den eigenen und damit die Veränderung der eigenen Kultur findet in dieser Vorstellung keinen Platz. Kultur bleibt etwas Statisches, etwas, das als unveränderbar und tunlichst nicht zu veränderndes imaginiert wird. Ein solches Konzept von idealisierter Kultur muss an der Wirklichkeit scheitern:

Zu den zehn Thesen

1.: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Wir zeigen unser Gesicht.

Wer tut das nicht? Eine überwältigende Mehrheit unserer Gesellschaft lebt mit den gleichen sozialen Verhaltenscodes. Dazu gehört auch, dass wir beim Bäcker oder im Zugabteil eben nicht unseren Namen sagen und alle Anwesenden mit Handschlag begrüßen. Was als „Norm“ üblich ist und was nicht, lernt man nebenbei. Das ist die prägende Kraft der Lebenswirklichkeit, ohne dass jemand angeleitet werden muss. Und es gehört selbstverständlich zu unserer Lebenswirklichkeit, dass es Menschen gibt, Ausnahmen, die für sich aus höchstpersönlichen guten Gründen sich diesen Normen verweigern. Ein orthodoxer Rabbiner kann unter Umständen einen Handschlag verweigern. Das ist nicht Ausdruck einer ablehnenden, respektlosen Haltung. Es ist einfach ein anderes Verständnis von Respekt und gesellschaftlicher Norm. All jenen, die sich solchen gesellschaftlichen Normen verweigern, ist bewusst, dass ihr Verhalten als Irritation wahrgenommen wird. Um diese abzumildern, entwickeln sie Ersatzgesten, die deutlich machen: „Es geht mir nicht um die Verweigerung von Achtung, sondern um die Einhaltung einer Norm, die ich für mich persönlich als verpflichtender erachte, als die herrschenden Gewohnheiten im zwischenmenschlichen Umgang.“ Dies wiederum mit einer gelassenen Haltung zu akzeptieren, wäre Ausdruck eines tieferen Verständnisses dafür, dass unsere Gesellschaft sich auch solchen Menschen gegenüber öffnet, die sich im Rahmen des rechtlich zulässigen anders verhalten. Warum sollte es unter den Gesichtspunkten der Handlungsfreiheit, des Persönlichkeitsrechts und der Menschenwürde nicht ebenso guter Ausdruck unseres gesellschaftlichen „Wir“ sein, diese Vielfalt zu akzeptieren? Und warum soll Menschen der Zugang zum staatsbürgerlichen „Wir“ verschlossen bleiben, nur weil sie nicht der Norm entsprechen?

Aber um solche grundsätzlichen Erwägungen geht es gar nicht. Nahezu niemand in Deutschland trägt eine Burka. Sich davon explizit öffentlich abzugrenzen, ist Ausdruck einer Ersatzhandlung. Die Abgrenzung erfolgt in der Assoziationsleistung der Leser von weit mehr, als nur der Burka. Es geht darum, mittelbar zu signalisieren, dass „wir nicht Islam sind“.

2.: Allgemeinbildung als ein Wert für sich.

Weshalb das prägend für Deutschland sein soll, bleibt offen, bleibt bloße Behauptung. Allein das politische Abgrenzungsspiel mit dem Assoziationsraum „Islam“ mittels einem unter deutschen Muslimen praktisch gar nicht vorkommenden Phänomen „Burka“ macht deutlich, dass Politik – gerade zu Wahlkampfzeiten – auch darauf vertraut, dass Allgemeinbildung vielleicht doch nicht so prägend für Deutschland ist.

3.: Leistungsgedanke als deutsches Prinzip. Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit.

Christian Anton Mayer, bekannt unter dem Pseudonym Carl Amery, schrieb zu den „preußischen Tugenden“: „Ich kann pünktlich zum Dienst im Pfarramt oder im Gestapokeller erscheinen; ich kann in Schriftsachen ‚Judenendlösung‘ oder Sozialhilfe penibel sein; ich kann mir die Hände nach einem rechtschaffenen Arbeitstag im Kornfeld oder im KZ-Krematorium waschen.“ Oskar Lafontaine sagte zu „[…] Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. […] Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Gerade wenn de Maizière im darauffolgenden 4. Thesenpunkt unser historisches Erbe betont, darf er den Leistungsgedanken nicht von der historischen Erfahrung trennen, in der Menschenvernichtung mit deutscher Gründlichkeit betrieben wurde. Wo unsere wirtschaftliche Leistung auch darin bestand, aus menschlichem Haar Garnfüßlinge für U-Boot-Besatzungen zu fertigen.

Wenn wir dieses Erbe als historische Verantwortung verstehen, müssen wir uns auch heute noch fragen, ob unsere wirtschaftliche Leistungskraft dieser Verantwortung gerecht wird. Wir gehören zu den weltweit größten, leistungsstärksten Waffenexporteuren. Warum macht es für uns offensichtlich einen Unterschied, ob wir mit der Waffe in der Hand unsere Nachbarn überfallen oder ob wir anderen Leuten massenweise Waffen verkaufen, mit denen sie ihre Nachbarn überfallen?

Und warum stört uns, dass ein Bundespräsident folgende Worte sagt: „[…] Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg. […] Es wird wieder sozusagen Todesfälle geben. Nicht nur bei Soldaten, möglicherweise auch durch Unfall mal bei zivilen Aufbauhelfern. […] Man muss auch um diesen Preis sozusagen seine am Ende Interessen wahren. […]“

Warum stört es uns, dass Horst Köhler diese Sätze gesagt hat und nicht die Tatsache, dass unsere „Leistungswirklichkeit“ eben auch diese Folgen hat? Warum war die Konsequenz dieser Sätze der Rücktritt Horst Köhlers und nicht die Veränderung unserer Wirtschaftspolitik und unseres „Leistungsgedankens“?

4.: Wir sind Erben unserer Geschichte.

Das ist richtig. Das gehört dazu, wenn man Deutscher ist oder wird. Aber „das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte“ ist eine schlechte Formulierung. Wir sollten aufhören, in Kategorien von „Bekenntnissen“ zu reden. „Bekenntnis zu unserer Geschichte“, „Bekenntnis zum Grundgesetz“. Bekenntnis ist einfach. Bekenntnis ist bequem, weil abschließend. Bekenntnis erzwingt keine Konsequenz. Es reicht aber nicht, zu bekennen. Wir müssen wissen, erkennen, handeln. Wir tragen Verantwortung. Sich zu dieser Verantwortung zu bekennen, ist nicht genug, wie im vorausgehenden Punkt aufgezeigt. Wir müssen auch konsequent handeln. Tun wir das? Bei der Aufklärung des NSU-Komplexes? Bei der gesellschaftlichen Ächtung und behördlichen Verfolgung von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte oder Moscheen? Was kommt nach dem Bekenntnis?

5.: Wir sind Kulturnation.

Wir spielen Musik. Selbst im KZ. Aber nicht als Überlebenshilfe. Eigene Musik der Lagerinsassen haben wir bestraft. Musik durften nur Häftlingsorchester spielen. Singen mussten Insassen zu ihrer Erniedrigung und um ihren Lebenswillen zu brechen. Zum Beispiel bei Hinrichtungen oder um Nazi-Größen zu unterhalten. Auf dem Weg zur Zwangsarbeit haben wir singen lassen. Bei der Ankunft von Deportationszügen an der Selektionsrampe haben wir Häftlingsorchester spielen lassen, damit die Menschen abgelenkt und arglos in die Gaskammern marschieren. Wir haben, wie in Treblinka, vor den Gaskammern klassische Musik spielen lassen, damit die Todesschreie übertönt werden. Kulturnation zu sein, hat uns nicht davor bewahrt, in Begleitung von Marschmusik und Operetten in die Barbarei herab zu sinken.

6.: Religion als Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.

Einverstanden. Wir haben in Europa und gerade in Deutschland lange in den Eingeweiden unseres Nächsten gewühlt, um zu entdecken, dass wir trotz unterschiedlicher Konfessionen in Frieden miteinander leben können. Vor zwei Weltkriegen hat uns das auch nicht bewahrt. Und wenn wir heute vor dem Hintergrund dieser historischen Erfahrungen darauf hinweisen, dass unser Land christlich geprägt ist, hat darin ein ministrierender Senegalese immer noch keinen Platz, der ihn vor Ausfällen aus höchsten politischen Kreisen bewahrt – ohne dass damit die politische Karriere etwa beendet wäre.

Die Grundlage dafür, dass wir im religiösen Frieden leben, soll der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben sein. Auch damit einverstanden. Aber warum muss uns auch im Jahre 2015 dann immer noch das Bundesverfassungsgericht daran erinnern, dass unsere parlamentarischen Gesetzgeber die christliche Religion nicht vor anderen Religionen privilegieren dürfen? Warum nehmen wir es hin, dass Urteile des Bundesverfassungsgerichts zu eben solchen Privilegierungen in Bayern offenbar nicht wirklich umgesetzt werden müssen? Warum lassen wir uns dann immer noch Gesetze einfallen, mit denen wir eine ganz bestimmte Religion und ihre Glaubensangehörigen benachteiligen? Warum nehmen wir es als schicksalhaft hin, dass Menschen, die sichtbar einer anderen Religion als dem Christentum angehören, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche benachteiligt werden?

7.: Minderheitenschutz gehört zu unserer Zivilkultur des Konsenses.

Auf dieser Piste ist es nicht nur ein bisschen rutschig geworden. Da ist so einiges nicht mehr in der Spur. Wenn wir unterschiedliche Lebensformen akzeptieren, sollten wir die Ablehnung ganz bestimmter Lebensformen nicht mit identitätsstiftenden Abgrenzungsslogans in der Boulevardpresse feiern. Wir mögen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt verknüpfen. Aber wir verknüpfen immer mehr die Vorstellung von Heimat, von Deutsch-Sein, von christlichem Abendland mit Gewalt. Offen. Auf der Straße. Bei Montagsspaziergängen. Wir sollten auch diese Phänomene als bewussten Austritt aus einem große Konsens markieren und nicht als Besorgnis anständiger Bürger, denen gerade ein bisschen die Nerven durchgehen, weil Kriegsflüchtlinge in die Nachbarschaft ziehen.

Wir sollten deutlich machen, dass es nicht dem Wohl des Staates dienlich ist, die mörderische Türkenjagd eines NSU nur mit angezogener Handbremse aufzuklären. Denn sonst droht, bei all den vernichteten Akten, den Hinweisen auf behördliches Versagen, ja vielleicht sogar Mitwisserschaft bei den Mordtaten die Vorstellung von Staatsräson immer mehr mit Gewalt verknüpft zu werden.

8.: Aufgeklärter Patriotismus.

Dazu muss es gehören, sich Verharmlosungen der deutschen Geschichte zu verbieten. Wir hatten nicht bloß Probleme mit unserem Patriotismus. Und „all das“ ist auch nicht vorbei. Wenn de Maizière schon Brechts Kinderhymne zitiert, sollte er aus guten Gründen sich nicht nur auf die vierte Strophe beschränken. In der zweiten und dritten Strophe des gleichen Werkes heißt es:

„Daß die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein.“

All das hat Gründe. Und wir müssen heute unverändert nachdrücklich betonen, dass Einigkeit eben nicht Homogenität bedeutet, sondern Einigkeit in Vielfalt. Dass Recht nicht bedeutet, dass wir andere aufgrund ihrer Religion benachteiligen, sondern Gleichheit aller Bürger vor dem Recht. Und dass Freiheit nicht bedeutet, dass der Staat Freiheit als Gegenleistung gewährt, sondern jedem Bürger gegenüber bedingungslos dazu verpflichtet ist.

9.: Als Deutsche sind wir immer auch Europäer.

Europäische Identität darf nicht bloß Gegenstand von Sonntagsreden sein. Sie muss sich insbesondere auch dann bewähren und beweisen, wenn es Probleme gibt. Die Würde einer ganzen Nation wochenlang durch den Kakao der BILD zu ziehen und der eigenen Bevölkerung das Vertrauen in die europäische Identität und Solidarität mit dem griechischen Beelzebub auszutreiben, ist das Gegenteil von „Als Deutsche sind wir immer auch Europäer“. Von christlicher Prägung eines solchen Umganges mit gesellschaftlicher Not ganz zu schweigen.

10.: Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen.

Unser kollektives Gedächtnis kann nicht bloß idyllische Retrospektive bleiben, will sie Bindungswirkung für die gesamte Gesellschaft entfalten. Sie muss erkennen und akzeptieren, dass die Ambivalenz, die Herausforderung in der politischen Auseinandersetzung um das deutsche „Wir“, nicht im Monopol derer konserviert wird, die dieses Recht am lautesten für sich reklamieren. Um es mit Tucholsky zu sagen: „[…] Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich „national“ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: „Im Namen Deutschlands …!“ Sie rufen: „Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.“ Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land.

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns […]; man hat uns mitzudenken, wenn „Deutschland“ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

Was folgt nun aus dieser Stellungnahme?

Jeder Versuch, so etwas wie eine „Leitkultur“ zu definieren, muss scheitern. Allein der Begriffsbildung ist eine Spannung, ein innerer Widerspruch immanent, der nicht aufzulösen ist. Das gelingt auch dem Minister nicht, der sich in der Aufzählung von Abgrenzungen und Idealisierungen verliert, die letztlich in dieser Zusammensetzung auch willkürlich ist. Kultur, im Wortsinne der „cultura“ als etwas von Menschen Gestaltetes verstanden, ist so vielfältig und facettenreich, dass eine Übernahme, eine Aneignung nur in dem Maße gelingen kann, wie diese Kultur ganz selbstverständlich von Mitmenschen vorgelebt wird.

Und nur das kann Kultur. Nicht definiert, nicht angeordnet, nicht durchgesetzt, sondern nur vorgelebt werden. Allein der Versuch einer Kanonisierung mittels Boulevardpresse ist das Gegenteil eines selbstverständlichen Vorlebens. Und wenn ursprünglich Nichtdeutsche etwas vorleben, das sich gut anfühlt, das selbstverständlich als erstrebenswert wahrgenommen wird, verändert sich auch das, was als deutsche Kultur wahrgenommen wird. Sonst würden wir uns auch heute noch unter Freunden nur mit Namen vorstellen und die Hand zur Begrüßung reichen, statt uns zu umarmen und links und rechts auf die Wange zu küssen.

Was den Begriff der „Leitkultur“ und seine Diskussion im öffentlichen Raum so interessant macht, ist seine Funktion und seine Bedeutung im politischen Kontext. Er offenbart, wie überfordert wir in Deutschland immer noch sind, wenn es um die Herausforderungen einer globalisierten Welt, einer mobilisierten Weltbevölkerung und das Verständnis Deutschlands als Einwanderungsland geht. Wir möchten leiten. De Maizière weist diesen Anspruch von sich und will nur eine „Richtschnur“ anbieten. Aber er spielt damit auf der Klaviatur seiner Parteikollegen und der Bewahrer eines unveränderlichen, idealisierten so aber nie existenten Deutschlands. Sie wollen kulturell leiten, also anführen, beherrschen, den Ton angeben, der Kopf sein, die Zügel in der Hand halten, dirigieren, führen, lenken, präsidieren, gebieten, das Kommando haben, die erste Geige spielen, befehligen, kommandieren. Das setzt eine Gewissheit voraus, die an Hybris grenzt und macht deutlich, dass es weniger um Kultur, als um die Frage nach gesellschaftlicher Macht, dass es um einen „Leitkult“ geht.

So ist auch bemerkenswert, wie der ministerielle Beitrag auf der eigenen Internetseite des BMI beschrieben wird, nämlich als Diskussionsbeitrag zur Frage, „was uns im Innersten zusammenhält“. Dieses Goethe-Zitat stammt ursprünglich jedoch nicht aus dem Kontext von Gewissheit. Das Zitat ist nicht Ausdruck einer selbstverständlichen Haltung, einer selbstgewissen Identität. Sein ursprünglicher Verwender will nichts vorleben, das er als Erhaltenswert versteht.

Vom Minister ist nicht überliefert, ob er seine zehn Thesen nachts in einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer, unruhig auf seinem Sessel am Pulte verfasst hat. In eben jener Szene hadert Goethes Faust mit sich und dem, was er bislang zu wissen glaubte:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

Wem sich Faust bei dieser Suche verschrieben hat und wie die Geschichte ausgeht, sollte allen Staatsbürgern bekannt sein. Dass dieses Drama Stichwortgeber für die Suche nach einer einenden kulturellen „Leitung“ werden konnte, irritiert umso mehr.