KiTa

Wenn Kinder Leichen im Meer malen

An die Betreuung in einer Kita müssen sich Flüchtlingskinder meist erst gewöhnen. Viele von ihnen sind traumatisiert. Mit sogenannten Brückenprojekten sollen die Startchancen der Jungen und Mädchen im Vorschulalter verbessert werden.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie in anderen Kindertagesstätten auch, nur deutlich bescheidener ausgestattet: eine Rutsche, ein Kaufmannsladen, ein paar Bauteppiche mit Autos. Es ist eins der acht neuen Brückenprojekte des Diakoniewerks Essen, die Flüchtlingsunterkunft „Am Funkturm“. Seit März ist sie ein Ort zum Atemholen und Ankommen für Kinder aus Syrien und dem Irak, aus Bangladesch und Somalia.

Die 25 Mädchen und Jungen im Vorschulalter tollen in der Kita herum und erobern sich jeden Winkel des Raumes, der noch die nüchterne Schmucklosigkeit des früheren Bürogebäudes atmet. Aber das macht ihnen offensichtlich nichts aus, sie haben schon ganz anderes erlebt. Traumata, die hin und wieder unter dem vertrauten Blick der Betreuerinnen erkennbar werden.

___STEADY_PAYWALL___

„Anfangs haben die Jungs nur mit Autos gespielt und die Mädchen nur mit Puppen, aber dann haben sie auch die Bücher und Stifte entdeckt und sich getraut Neues auszuprobieren,“ berichtet Betreuerin Vasiliki Tsipeli von den ersten zwei Monaten. „Sie mussten uns erst vertrauen lernen, solche Betreuung wie bei uns in Kitas außerhalb des Hauses gibt es ja in arabischen Ländern nicht“, sagt die junge griechischstämmige Frau, die sich in Kinderpsychologie spezialisiert. Einer der größeren Jungen habe nachmittags einmal das Meer gemalt mit weitem Strand. Und im Meer schwamm ein totes Kind. „Er hat viele Tote gesehen, das bringen die Kinder alles hierher mit,“ sagt Tsipeli.

Brückenprojekt in NRW

Um die Startchancen für Flüchtlingskinder im Vorschulalter zu verbessern, gibt es mittlerweile in ganz Nordhein-Westfalen eigens für sie niedrigschwellige Brückenprojekte [1]. Offiziellen Angaben zufolge werden derzeit mehr als 6.600 Kinder in 800 solcher Maßnahmen betreut.

„Sie erleichtern die Eingewöhnung, die Kinder erhalten erste pädagogische Förderung und erlernen spielerisch die Sprache“, sagt Landesfamilienministerin Christina Kampmann (SPD) am Dienstag beim Besuch der Übergangseinrichtung „Am Funkturm“. „Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, die wir bei der Integration von Gastarbeitern gemacht haben.“ Das gelte auch für die Einbeziehung von Frauen, die durch die Betreuung ihrer Kinder mehr für die eigene Entwicklung tun könnten. 2016 habe das Land 20 Millionen Euro für Brückenprojekte zur Verfügung gestellt.

Dass die Ministerin auf ihrer sommerlichen Tour durch Nordrhein-Westfalen zuerst das Brückenprojekt des Diakoniewerks Essen besucht hat, ist für Geschäftsbereichsleiter Ulrich Leggereit eine Anerkennung der kirchlichen Flüchtlingsarbeit insgesamt. „Angesichts der Flüchtlingssituation mussten wir alle konzeptionell völlig umdenken“, sagt er. Denn der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gelte auch für Flüchtlingskinder, allein in Essen sind es derzeit rund 900.

Für Leggereit geht es bei den Angeboten immer auch um die ganze Familie, um Ausflüge oder Nachbarschaftsfeste etwa: „Wir wollen, dass die Menschen aus der Isolation herauskommen und in der Wirklichkeit unserer Stadt ankommen. Dazu sind die Kinder, die die Sprache so schnell lernen, selbst eine wichtige Brücke.“ (epd/mig)