Interview

Grada Kilomba: „Es geht um Bilder und die Macht von Bildern.“

In der Veranstaltungsreihe KOSMOS² am Maxim Gorki Theater in Berlin präsentieren Künstler ihre Arbeit, die geflüchtet sind. Jede Veranstaltung setzt einen Schwerpunkt auf Literatur, Tanz oder Aktivismus. Grada Kilomba kuratiert und moderiert die Events, die auch live im Internet übertragen werden. MiGAZIN hat mit ihr im Vorfeld der nächsten Veranstaltung „KOSMOS² Labor#9: Party“ am 2. Juli 2016 gesprochen.

MiGAZIN: Warum heißt die Veranstaltungsreihe KOSMOS² [1]?

Grada Kilomba: Der Name bezieht sich auf die KOSMOS-Vorlesungen, die Alexander von Humboldt nach seinen Exkursionen in Zentralamerika in der Sing-Akademie, dem heutigen Maxim Gorki Theater, hielt. Diese Reisen wurden oft vom Spanischen Königshaus finanziert. In seinen KOSMOS-Vorlesungen beschreibt und kategorisiert er die sogenannte „Neue Welt“ im Sinne des kolonialen Diskurses und bezeichnet sein Wissen als universell. Die Sing-Akademie, das heutige Maxim Gorki Theater, war und ist umgeben von sehr vielen kolonialen Denkmälern. Das Humboldt-Forum wird gerade ohne Reflektion und Kritik aufgebaut, dass Humboldt an dem kolonialen Projekt mitwirkte.

Worum geht es bei KOSMOS²?

In KOSMOS² wollen wir kritisch mit dieser Vergangenheit umgehen und andere Diskurse an diesem Ort eröffnen, der von so vielen Humboldt- und Kolonialdenkmälern umgeben ist. In KOSMOS² produzieren wir neue Wissens- und Machtkonfigurationen, indem wir alternative Diskurse zeigen. Es wird so viel über Flüchtlinge gesprochen, dass das Wort schon eine Identität schafft und vergessen wird, dass dahinter Menschen stehen, die Biografien, Expertisen und Kompetenzen haben. Die Menschen kommen als Künstler, nicht als „Flüchtlinge“, und erzählen uns von ihrer Arbeit.

Grada Kilomba ist Autorin und interdisziplinäre Künstlerin mit Wurzeln in São Tomé und Príncipe, geboren in Lissabon. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten in Deutschland und Ghana postcolonial studies und hat an der Freien Universität Berlin promoviert. Ihre Arbeit zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie einen hybriden Raum schafft, in dem die Grenzen zwischen akademischer und künstlerischer Sprache ineinanderfließen. Dafür bedient sie sich verschiedener Formate, von Text über szenische Lesung, Videos und Performance. Ihr Buch „Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism“ [2] erschien 2008 im Unrast-Verlag.

Warum ist der Zugang von alternativem Wissen zu Theatern, Kulturinstitutionen und dem akademischen Bereich so schwer?

Grada Kilomba: In KOSMOS² wollen wir reflektieren, was normalerweise als Wissen anerkannt wird und von wem. Welches Wissen gesehen und gelesen wird und welches nicht. Wer Zugang zu welchem Wissen und zur Wissensvermittlung hat. In KOSMOS² wollen wir die Grenzen für Künstler und ihr Wissen öffnen, damit ihr Wissen gesehen wird. Wir wollen alternative Diskurse und neue Wissens- und Machtkonfigurationen schaffen.

Wie finden Sie die Künstler?

Grada Kilomba: Wir stehen in Kontakt mit Künstlern, Communities, NGOs, Organisationen und Gruppen. Wir suchen nach Filmemachern, Künstlern, etc. Leider kommt es vor, dass wir Künstler einladen und sie aufgrund der „Residenzpflicht“ nicht kommen können. In seltenen Fällen fehlt uns die offizielle Erlaubnis, dass Künstler die Grenzen überqueren dürfen. Sie müssen einen Antrag stellen, um von Italien nach Deutschland oder von Bayern nach Berlin reisen zu können, um als Gast an einer Performance teilzunehmen. Dieser Prozess ist manchmal sehr schwierig. Das zeigt auch die Schwierigkeit des Zugangs und die Unsichtbarkeit von bestimmtem Wissen.

Wie ist es möglich, Wissen zu dekolonialisieren? Wie kolonial sind die Theater, Künste und der akademische Bereich in Deutschland?

Grada Kilomba: Meine Arbeit und die Arbeit von vielen Künstlern zielt darauf ab, Wissen zu dekolonialisieren. Es ist auch eine experimentelle Arbeit mit neuen und alternativen Formen als die der kolonialen Wissensproduktion. Ich möchte hybride Räume und Formen schaffen. Ich denke, dass die Theater, Künste und akademische Institutionen sehr koloniale Strukturen haben. Das koloniale Projekt ist eng mit dem Zentralismus der europäischen Politik verbunden. Das fing mit der Sklaverei und dem Kolonialismus an. Sie erfanden Objekte, welche beschrieben und kategorisiert wurden. Über das „Andere“ wurde als Objekt gesprochen und dieses Wissen wurde als objektiv und universell bezeichnet. Alternative Diskurse und das Wissen von marginalisierten Gruppen werden als nicht relevant angesehen. Die koloniale Wunde ist eine Wunde, die nicht behandelt wird und die nie behandelt wurde.

Geht es bei der Wissensproduktion auch um politische Macht?

Grada Kilomba: Ja. Es zeigt, dass der Zugang zu Wissen und wer etwas als Wissen anerkennt, überhaupt nicht neutral ist. In der gängigen Wissensproduktion wird das politische Interesse einer dominanten Gruppe repräsentiert. Das zeigt die Machtverhältnisse und das Ungleichgewicht von Macht. Wenn wir Zugang zu alternativem Wissen haben, realisieren wir, dass Wissen sehr stark mit Macht und mit Konstruktionen von Rasse und Geschlecht verbunden ist. Bestimmte Gruppen mit bestimmten Biografien haben keinen Zugang, um ihr Wissen zu vermitteln.

In der letzten Veranstaltungen KOSMOS²#Literature fragten Sie ihre Gäste, warum sie schreiben. Warum schreiben Sie?

Grada Kilomba: Das ist eine Frage, die mich immer beschäftigt hat. Ich glaube, ich schreibe, um mich besser zu verstehen. Ich bin umgeben von so vielen Diskursen, die nicht ich sind und wenn ich schreibe, dann komme ich zu mir selbst. Ich werde ich selbst.

Wie werden Stereotypen produziert?

Grada Kilomba: Es geht um Bilder und die Macht von Bildern. Ich denke, dass Rassismus durch Wörter und Bilder funktioniert. Und solche Bilder werden durch Wörter und Stereotypen produziert. Es geht um die politische Funktion von Stereotypen. Stereotypen schaffen Identitäten. Ich denke, dass die Reaktionen nach den Ereignissen in Köln ein gutes Beispiel dafür sind, was es heißt, Gruppen als „Andere“ zu erfinden. Die rape culture ist kein Import. Die rape culture wurde von keiner Gruppe importiert. Die sexuelle Gewalt war immer hier. Ich denke, dass Rassismus eine Bevölkerungsgruppe für die Probleme verantwortlich macht, die die weiße Gesellschaft nicht schafft zu lösen. „Andersheit“ zu produzieren, das bedeutet, das „Andere“ zu erfinden und zu produzieren. Das Andere repräsentiert alle Aspekte, die die weiße Gesellschaft nicht sein möchte. Das zeigt sich durch Projektionen von exotisch bis sexuell auf das sogenannte „Andere“.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Grada Kilomba: Im Herbst bin ich mit meiner Arbeit auf der BIENNIAL in São Paulo in Brasilien.