Gelichter

Es sei Krieg

Nachdem ich mich beim letzten Mal etwas zurückgehalten habe, erkläre ich heute den Krieg. Denen, die dort Politik machen. Den Kriegsgewinnlern. Den kalten Kriegern und denen, die ganz heiß drauf sind. Denen, die dem IS auf den Leim gehen.

Man muss Ihnen noch vieles erklären, weil sie so wenige Dinge verstehen. Zuforderst aber muss man Ihnen den Krieg erklären, den sie führen.

Europa befindet sich im Krieg: diese allzu naheliegende Erkenntnis – Waffen aller europäischen Herren Länder morden seit Jahrzehnten im nahen Osten – wird dieser Tage als Reaktion auf die Attentate von Paris verkauft. So weit, so borniert. Als habe es in der Vergangenheit keine feigen Drohnenterror gegeben, gegen unschuldige Zivilisten, jederzeit und überall. „Jeder Zivilist hat das Potenzial zum Kollateralschaden“ ist die Wahrheit in Obamas USA.

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Insbesondere die Floskeln dieses Friedensnobelpreisträgers Barack Obama klangen daher nach purem Hohn, als der seine Sichtweise zu den Attentaten von Paris verkündete, sprach er doch im Grunde das aus, was Islamisten und Kritiker gleichermaßen seit Jahren über seinen Drohnenkrieg sagen. Als befinde er sich in einer moralisch exponierten Lage, die ihm dieses Urteil erlaubt.

Ja, Europa führt Krieg. Der Westen führt Krieg. Europa und der Westen, soweit man das überhaupt trennen kann, führen Krieg in vielen Ländern, insbesondere in der arabischen Welt. Bei Drohnenangriffen zum Beispiel sterben rund 25 Unschuldige für jeden einzelnen, den man für schuldig hält. Ohne Gerichtsverfahren freilich, einfach nur deswegen, weil er sich in der Umgebung von Menschen aufhält, die man ebenso für schuldig hält. Oder weil er sich sonstwie verdächtig verhält. Und das sind übrigens nur die offiziellen, i. e. „geschönten“, Zahlen.

Menschen sterben also jeden Tag und zwar in einem Krieg, den der Westen in der Fremde führt, auch das ist ein wichtiger Teil der Wahrheit. Ein Krieg, den man tausende Kilometer entfernt führt, kann nämlich kein Verteidigungskrieg sein. Selbst wenn die Mär von der präventiven Verteidigung gepflegt wird. Und für einen solchen ist die Heimatfront entscheidend: Ihrerseits angegriffen rücken die Menschen von allein zusammen, die Alternative dazu ist Propaganda.

In einem asymmetrischen Krieg, der von einer hochgerüsteten Armee gegen einen weit unterlegenen, kaum gerüsteten Gegner geführt wird, führt der Weg, diese Heimatfront zu destabilisieren nicht über teure Marschflugkörper oder Panzer, sondern über Attentate wie die in Paris. Dieser Terrorismus ist, wie Sir Peter Ustinov einst kommentierte „ein Krieg der Armen gegen die Reichen.“ Er fuhr fort: „Der Krieg ist ein Terrorismus der Reichen gegen die Armen“.

Das die Kriegsrhetorik sich daher vor allem in Durchhalteparolen ergeht, im Wunsch, sich nicht beeindrucken zu lassen und weiterzumachen wie immer, ist verständlich, nur so kann der Krieg fortgesetzt werden. Der Tenor der Medien zeigt aber erfreulicherweise, dass die Begeisterung der Zivilbevölkerung, sich tiefer in diesen Krieg zu stürzen, eher mäßig ausgeprägt ist. Von Krieg zu reden, war womöglich ein voreiliger Schritt der kriegsführenden Parteien.

Man kann also von Terror sprechen, als Politiker muss man das vielleicht auch, wenn man über die Ereignisse von Paris redet. Tatsache ist: Wir befinden uns bereits sehr lang im Krieg und wir sollten nicht überrascht sein, wenn der Terror des Krieges auch an unsere Tür klopft. Wir sollten uns lieber an die wenden, die diesen Krieg begonnen haben. Und der Ursprung dieser Kriege liegt meist in Waffenlieferungen, Ausbildungsmissionen und anderen undurchdachten „Friedensmissionen“.

Tatsache ist auch: die Welt ist zersplittert in viele kleine Teile, doch diese Teile passen noch zusammen. Ich weiß es, denn ich sah sie auseinanderbrechen. In Afghanistan und in Pakistan. In Paris und Madrid. In Mölln und Solingen. In New York City. In Paris. Und in Ramstein.