Junge Deutsche in vielen Kriegen

Vor IS-Rückkehrern haben wir Angst, vor rechtsextremen Ukraine-Rückkehrern nicht?

Seit sich Islamisten aus Deutschland der ISIS anschließen, stehen Medien und Politiker Kopf hierzulande. Dabei ist das Phänomen weder neu noch einmalig, wie ein Blick in die Ukraine oder in die jüngere Geschichte zeigt.

Deutsche Kämpfer an ausländischen Fronten machen Schlagzeilen. Und damit meine ich nicht die deutschen Bundeswehrsoldaten im Hindukusch, im Kosovo oder in Mali. Nein, ich meine die Kämpfer, die sich ohne Auftrag oder Wissen unserer Regierung auf den Weg machen, um irgendwo in der Welt als Freiwillige an Kampfhandlungen teilzunehmen.

Wie der deutsche Elitesoldat, der sich im Oktober 2014 mitsamt seiner Bundeswehr Gefechtsausrüstung auf den Weg machte in die Ukraine, um die dortigen prorussischen Separatisten zu unterstützen. Oder Alexej Relke , ebenfalls deutscher Staatsbürger, der als erster EU-Bürger in der Ukraine angeklagt wurde, weil er sich den Separatisten angeschlossen hatte.

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Aber auch auf der ukrainischen Seite stehen deutsche Kämpfer. Das berüchtigte rechtsextreme Asow Bataillon kann sich über mangelnden Zulauf aus der EU nicht beklagen. Unter den Ausbildern der Freiwilligen sollen sich auch Deutsche befinden. Ein Ausbilder ist Schwede, Mikael Skillt, 37, ehemaliger Scharfschütze und Mitglied der Nationalgarde in Schweden. Als Motivation, warum er in der Ukraine ist, nennt er gegenüber The Telegraph [1] das Leid und die Tapferkeit auf dem Maidan. Die hätten seine Kriegerseele geweckt. Er wolle mit seiner Erfahrung helfen.

Dass sein Bataillon Asow von Amnesty International beschuldigt wird, Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zu begehen, scheint kein großes Thema zu sein. Das gleiche gilt allerdings auch für die prorussischen Separatisten. Beiden Seiten werden von Amnesty International Misshandlungen und Massenexekutionen vorgeworfen. Beide Seiten kehren nicht etwa vor der eigenen Haustür, sondern bauschen Vorkommnisse auf der Gegenseite auf, um sie möglichst eindrucksvoll in der Kriegspropaganda zu verwenden.

„Über Rückkehrer aus der Ukraine lesen wir dagegen nichts in der Presse. Was sagt uns das nun? Dass Islamisten gefährlicher sind als Rechtsextreme? Dass Massenerschießungen von syrischen Zivilisten anders zu werten sind, als Massenerschießungen von ukrainischen Zivilisten?“

Das selbe Vorgehen beobachten wir im Nahen Osten. Auch hier funktioniert die Propagandamaschinerie bestens. Bilder von Köpfungen wetteifern mit Bildern von zerbombten Kindern um die Gunst der jungen Männer, schreien förmlich „Hilf uns!“ Beide Seiten haben Zulauf. Europäische und auch deutsche Kämpfer schließen sich dem IS an, der Al-Nusra Front und auch der säkularen Freien Syrischen Armee. Um dann aufeinander zu schießen.

Die Medien stellen diese Entwicklung jedoch zu Unrecht als neu dar. So neu ist das nicht. Man denke nur an den Balkankrieg.

Anfang der Neunziger Jahre kämpften deutsche Freiwillige auf der Seite der rechtsextremen paramilitärischen Miliz „Kroatische Verteidigungskräfte“. Bekannt wurde diese Truppe unter anderem dafür, dass sie serbische Zivilisten folterte. Sie wurde bereits im Jahr 1991 verboten, aber de facto erst im Jahr 1993 endgültig von den kroatischen Streitkräften aufgelöst. Auf der bosnischen Seite standen zur gleichen Zeit muslimische Freiwillige aus der ganzen Welt.

In den Achtziger Jahren unterstützten linksextreme Freiwillige die Sandinisten in Nicaragua bei ihrem Kampf gegen den „amerikanischen Imperialismus“. Dass in den dortigen Revolutionstruppen schon Kinder mitkämpften, wurde ausgeblendet.

Ende der Dreissiger Jahre kämpften die Linksextremen Europas im spanischen Bürgerkrieg gegen General Franko. Mehr als 2000 Freiwillige aus Deutschland allein wurden gezählt. Derweil konnte sich auch General Franko nicht über mangelnde Unterstützung aus dem rechtsextremen Hitler-Deutschland beklagen. Auch Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) kämpften deutsche Freiwillige auf beiden Seiten mit. Ja, selbst während des griechischen Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1821 kämpften deutsche Freiwillige.

Neu? Nein, neu ist die Entwicklung nicht. Und neu sind auch die Gründe nicht, warum es junge Männer freiwillig in den Krieg zieht. Im Unterschied zu Söldnern geht es diesen Kämpfern nicht um Geld. Stattdessen spielt Unzufriedenheit mit der eigenen Situation eine große Rolle. Unsere linksextremen „Revolutions-Touristen“ in Nicaragua waren größtenteils arbeitslos und/oder entstammten der linken autonomen Szene. Viele unserer deutschen IS-Kämpfer bezogen Hartz IV und/oder entstammten der islamistischen Szene. Die Rechtsradikalen in der Ukraine? Dazu gibt es meines Wissens noch keine Erhebungen. Vermutlich sieht es da ähnlich aus.

Arbeitslosigkeit und empfundene Chancenlosigkeit resultieren in Frust, in Schuldzuweisungen. Die Politik ist schuld. Insbesondere Überfremdung, Bankendiktatur, Rassismus. Je nach Couleur. Unter Gleichgesinnten bestätigt man sein Weltbild, schaukelt sich gegenseitig hoch, will „etwas tun“, anstatt einfach nur nutzlos rumzusitzen. Gerade junge Leute entwickeln einen gewissen Aktivismus, diskutieren in politischen Foren und gehen zu Demonstrationen. Aktuell gegen Asylbewerberheime, gegen das TTIP Abkommen, gegen Israel. Im Grunde sehen wir hier die politische Variante der radikalen Tierschützer, der radikalen Lebensschützer, der radikalen Kernkraftgegner. Alle zeichnen sich durch einen Tunnelblick aus.

Das eigene Thema erscheint übermächtig, der politische Gegner noch übermächtiger, man selbst ohnmächtig. Gewalt ist da eine der Antworten, die aus den radikalen Ecken kommen. Vereinzelt. Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass nicht jeder Radikale gewaltbereit ist. Gewalt als legitimes Mittel, um politische Meinungen durchzusetzen, ist in Deutschland zurecht geächtet. Nicht aber so im kriegsgebeutelten Ausland. Wo Radikale einen Hoffnungsschimmer sehen, eine reale Chance, eine politische Utopie in die Wirklichkeit zu verwandeln. Historisch gesehen hat sich noch keine Utopie verwirklicht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So ziehen also unsere heimischen Radikalen an die Front, um für die „gute Sache“ zu kämpfen. Rechte, Linke, „Islamisten“. Spanien, Nicaragua, Kroatien, Syrien, die Ukraine. Alles folgt den gleichen Mechanismen.

Unser Problem ist nun, diese Mechanismen aufzubrechen. Menschen, die respektiert werden, sind auch eher dazu bereit, andere zu respektieren. Die so oft verpönten Dialogveranstaltungen sollten eigentlich in einer freien Demokratie eine Selbstverständlichkeit sein. Meinungsbildung funktioniert über Kommunikation. Denn wenn man miteinander spricht, lassen sich Feindbilder schwer aufrechterhalten bzw. entstehen erst gar nicht. Die Medien spielen da leider eine wenig ruhmreiche Rolle. Bedrohungsszenarien werden aufgebaut und dann abgefragt. Gut 40% der Deutschen fühlen sich mittlerweile von „Islamisten“ bedroht, ohne auch nur einen einzigen Berührungspunkt mit ihnen zu haben. Es gibt keinerlei eigene Erfahrungen, auf denen das diffuse Gefühl der Bedrohung fußt. Syrien-Rückkehrer gelten als Gefährder, obwohl bisher niemand von ihnen negativ aufgefallen ist. Über Rückkehrer aus der Ukraine lesen wir dagegen nichts in der Presse. Was sagt uns das nun? Dass „Islamisten“ gefährlicher sind als Rechtsextreme? Dass Massenerschießungen von syrischen Zivilisten anders zu werten sind, als Massenerschießungen von ukrainischen Zivilisten?

Da werden im Ausland Stellvertreterkriege ausgetragen, politische Richtungen mit Gewalt verbreitet, rechts, links, islamistisch. Und anstatt bei uns Feindbilder abzubauen, vertiefen wir noch die Gräben. Auf Dauer wird das dazu führen, dass unsere radikalen auf allen Seiten sich dazu berechtigt fühlen, auch hier Gewalt anzuwenden. Gegen den politischen Gegner, gegen die Regierung, gegen den „Feind“. Oslo lässt grüßen.

Was mit Panikmache angefangen hat, ist nun bei Hogesa und Pegida angelangt, bei Drohbriefen gegen Asylbewerber. Unter dem Titel „Siegheil!“. Da stellt sich die Frage, wer etwas von dieser Entwicklung hat? Wir deutschen Bürger sicher nicht.

Im Jahre 2012 wurde die EU mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet als Würdigung der Bemühungen um Frieden und Versöhnung in Europa. Ich wünsche mir, dass wir diese Auszeichnung als Ansporn nehmen, auch in unserem Lande das Ziehen von Gräben zu verhindern, und stattdessen einen gemeinsamen friedlichen Weg zu beschreiten.