Kein Grund zum Feiern

In den Niederlanden ist Nikolaus‘ Helfer schwarz – geschminkt!

Glänzen die Niederlande sonst mit einem liberalen Image, bleiben die Konflikte um die rassistische Figur des „Zwarte Piet“ bislang ungelöst, der schwarz geschminkte Helfer des niederländischen Nikolaus. – Sophia Ayissi Nsegue im Gespräch mit zwei Aktivisten, die sich für die Abschaffung dieser Figur stark machen.

Seit Jahren rumort es in der niederländischen Gesellschaft – eine vielseitige Gesellschaft, deren Mitglieder sich eine Debatte um die Tradition des „Sinterklaas“-Festes und der damit verbundenen Figur des „Zwarte Piet“ liefern. Internationale Aufmerksamkeit erregte das Anliegen erstmals 2013, als Verene Shepherd, jamaikanische Professorin und Mitglied des Hohen Kommissariats für Menschenrechte (UNHCR), die Tradition als rassistisch anprangerte. Dem Anstoß folgten Petitionen, Gerichtsurteile und weitere Bestätigungen des rassistischen Charakters, die bislang jedoch erfolglos blieben, angesichts des massiven Widerstands gegen die Beseitigung der Figur.

Der Streit um „Zwarte Piet“ [1] entfachte ungestüme Reaktionen, sahen sich viele Niederländer doch ihrer kulturellen Identität beraubt. Politik und Gesellschaft argumentierten nach wie vor mit der nicht-rassistischen Intention der Figur und hielten an der Tradition fest. Argumente, die sich in Hinblick auf die stereotype, sehr verletzende Darstellung Schwarzer Menschen und des kolonialen Erbe des Landes, aber kaum als tragfähig erweisen.

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Am Wochenende protestierten zahlreiche Bündnisse am Rande der jährlichen Feierlichkeiten gegen die Beibehaltung der Figur und deren rassistische Wurzeln. Der Ausgang der Proteste in Gouda und Amsterdam, in denen über 90 Protestierende festgenommen und Opfer von Polizeigewalt wurden, spricht für sich [2]. Mit welch einer Heftigkeit die Reaktionen auf Kritik am „Zwarte Piet“ erfolgen, mussten die Protestierenden am eigenen Leib erfahren. So wurden die Proteste nicht nur von öffentlichen Behörden, sondern auch im Medientenor kritisiert und dämonisiert.

Der Konflikt steht für um einiges tiefer liegende Probleme in der niederländischen und europäischen Gemeinschaft, in denen rassistische Diskriminierung mit schlecht verborgenen und sich wiederholenden Mustern salonfähig gemacht wird. Politiker aus dem rechten Milieu sind mit Geert Wilders, Marine Le Pen und der Alternative für Deutschland längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

„Wir kennen die Geschichten von Schwarzen Mädchen, die unter der Dusche versuchen sich ihre Schwarze Haut abzureiben, weil sie in der Schule „Zwarte Piet“ genannt werden.“

Die Bezeichnung „Allochtoon“, ein ursprünglich griechischer Begriff für „Ortsfremde“, ist in den Niederlanden gang und gäbe, um Niederländer mit ausländischen Wurzeln zu bezeichnen, ist dabei aber ähnlich sinnentleert wie die Umschreibung „Migrationshintergrund“ im Deutschen. Dass hierbei auch solche Niederländer umschrieben werden, deren Familien vor mehreren Generationen eingewandert sind und die sich selbst als Niederländer identifizieren, ist hierbei bezeichnend für eine sprachliche Diskriminierung, die sich auch sozial-ökonomisch auf diese Individuen auswirkt:

Im Vorfeld der Proteste führten wir ein Interview mit Kno’Ledge Cesare, Gründer von „Nederland Wordt Beter [3]„, sowie der Kampagne „Zwarte Piet is Racisme [4]“ und Kunta Rincho, Gründer der Organisation „Zwarte Piet Niet [5]„, in dem wir über die Arbeit der Initiativen sprachen.

MiGAZIN: Ich würde gerne mehr über die Gründung Ihrer Organisationen und den Kontext der „Sinterklaas“-Tradition erfahren. Was ist problematisch an der Figur des „Swarte Piet“?

Kno’Ledge: „Zwarte Piet“ ist eine stereotype Darstellung Schwarzer Menschen aus dem 19. Jahrhundert. Durch unsere jährlichen Feierlichkeiten fahren wir mit der Reproduktion dieser Bilder, in denen Schwarze Menschen entwürdigt und weiße Menschen emporgehoben werden, fort. Wir denken, dass das im heutigen Zeitalter nicht mehr erlaubt sein sollte. Wir wollen, dass unsere Kinder in einer starken Zukunft aufwachsen sollten und wir sehen keinerlei positiven Einfluss dieser Bilder. Aus diesen Gründen haben wir verschiedene Kampagnen mit dem Ziel gegründet, gegen diese Symbolik, der wir in den Niederlanden ausgesetzt sind, vorzugehen.

Kunta: „Zwarte Piet“ ist nicht nur eine rassistische Karikatur von Afrikanischen Menschen, sondern das Bild eines überlegenen, weißen Mannes und seiner minderwertigen Schwarzen Diener. Tatsächlich ist es ein sehr kolonial geprägtes Bild, das Kinder, und dabei nicht nur Schwarze Kinder, manipuliert, indem es Schwarze Menschen degradiert. Wir sind der Meinung, dass wir stärkende Vorbilder in den Schulen und in der Umgebung der Kinder brauchen. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass wir im Jahre 2014 Schwarze Menschen immer noch so darstellen.

Worum geht es in Ihren Organisationen? Was sind Ihre konkreten Handlungen?

Kunta: Ich bin einer der Gründer der Organisation „Zwarte Piet Niet“. Unser Ziel ist es, die Figur in der „Sinterklaas“-Tradition abzuschaffen.. Der einzige Ort, an dem wir diese noch sehen wollen, ist im Museum. Museen halten die Geschichte der Niederlande und der ganzen Welt fest. Die Figur sollte ihren Platz in der Geschichte haben, jedoch nicht zu unserem Alltag gehören. Kno’Ledge ist von der Kampagne „Zwarte Piet is Racisme“. Wir arbeiten zusammen in dem Bündnis „Kick Out Zwarte Piet“.

Kno’Ledge: Zudem gibt es die Organisation „Nederland Wordt Beter“, die auf die Bewusstseinsbildung in Bezug auf die rassistische Konnotation der Figur und der bisherigen „Sinterklaas“-Tradition zielt. Unser Ziel ist es am Ende ein Fest zu haben, das nicht rassistisch ist. Bislang betrifft uns der Rückgriff auf rassistische Muster alle. Wir denken, dass das nicht nur Schwarze Menschen betrifft, Hautfarbe hat damit nichts zu tun: das ist ein Menschenrecht. Es ist das Menschenrecht meiner Kinder, in einer sicheren Umgebung aufzuwachsen. Heute sind sie jedoch einem Fest ausgesetzt, das Schwarze Menschen degradiert.

Unsere konkreten Aktionen beinhalten Workshops, Versammlungen und Reisen durch die gesamten Niederlanden. Für die Kommunikation verwenden wir hauptsächlich Social Media, um Menschen mit Informationen zu versorgen und sie zu sensibilisieren. Natürlich braucht das seine Zeit. Aber wir sind nicht die Einzigen. Zwei Menschen alleine schaffen das nicht. Wir kämpfen hier gegen 16 Millionen Menschen an. Wir haben eine große Gruppe an Unterstützern, die uns hinter den Kulissen unterstützen. Viele wollen sich nicht der Öffentlichkeit aussetzen. Man kann seine Anstellung verlieren, die Kinder können vom Unterricht ausgeschlossen werden.

Wer ist noch in Ihren Aktionen involviert? Wer ist Teil Ihrer Bewegung?

Kunta: Wenn wir über „unsere Bewegung“ sprechen, meinen wir „unser“ im Sinne von „uns, als menschliche Wesen“. Rassismus behindert die Entwicklung der Menschheit. Diese rassistischen Strukturen für die Piet steht, stammen aus einem kolonialen Zeitalter, in denen Menschen dachten, Schwarze Haut sei etwas, was herabgewürdigt werden müsse. Aber im Jahr 2014, 2015, können wir solche rassistischen Feste und Bilder nicht mehr akzeptieren. Weiße Menschen können sich ihre Gesichter nicht Schwarz anmalen, um eine Karikatur Schwarzer Menschen zu spielen: ein Bild der Minderwertigkeit Schwarzer Menschen, welches viele noch verinnerlicht haben. Das wirkt sich auf alle Menschen aus, aber insbesondere eben auf junge, Schwarze Menschen. Wir kennen die Geschichten von Schwarzen Mädchen, die unter der Dusche versuchen sich ihre Schwarze Haut abzureiben, weil sie in der Schule „Zwarte Piet“ genannt werden.

 Welche Reaktionen haben Sie bislang erlebt? In den Medien haben wir eine sehr emotionsgeladene Debatte erlebt, hauptsächlich auf Seiten der Befürworter von „Zwarte Piet“.

Kunta: Ein weiterer interessanter Punkt sind die vielen, sehr rassistischen Kommentare, denen man ausgesetzt ist, sobald man sich gegen die Figur positioniert. Wir sind nicht die einzigen Organisationen, die sich für die Abschaffung von „Zwarte Piet“ einsetzen, wir machen aber alle dieselben Erfahrungen. Sobald du dich gegen ihn aussprichst, egal ob Schwarz oder weiß… naja, nicht ganz; egal. Besonders, wenn du Schwarz bist und etwas gegen „Zwarte Piet“ sagst, ist es egal, ob du in den Niederlanden geboren und aufgewachsen bist. Dann spielt es keine Rolle mehr, dass deine Familie seit fünf, sechs, sieben Generationen in den Niederlanden lebt. Leute werfen dir die schlimmsten, rassistischen Beleidigungen an den Kopf… ich kann die gar nicht aussprechen, so schmerzlich sind die. Die sagen dir, du sollst in dein „Affen-Land“ zurückgehen, du sollst dich mit AIDS oder Ebola anstecken, oder „wir sollten die Sklaverei wieder einführen“…

Wir glauben nach wie vor, dass wir in einer sehr rassistischen Gesellschaft leben. Und wenn wir mit unseren europäischen Brüdern und Schwestern reden, sehen wir, dass das nicht nur in Amsterdam so ist. Weil wir eben in einem System leben, das auf der Grundlage von Kolonialismus und Sklaverei geschaffen wurde. Und wir definieren uns nach wie vor innerhalb dieses Systems. „Zwarte Piet“ ist die Verkörperung dieser kolonialen Punkte. Das ist nicht ein Kampf, den wir nicht nur in den Niederlanden führen, sondern weltweit.

Kno’Ledge: Das ist kein Schwarzer Kampf, kein niederländischer Kampf, das ist eine Angelegenheit, die Menschenrechte betrifft. Eine Menge Befürworter von „Zwarte Piet“ ,mit denen wir sprechen, sagen uns:“So habe ich das nie gesehen“. Aber ich glaube, dass aufrichtiger Rassismus immer noch Rassismus ist. Falsch ist falsch, daran gibt es nichts Richtiges.

Wir sind einem großen Druck ausgesetzt, da wir einer Mehrheit gegenüberstehen. 80% der Bevölkerung sind weiß. Aber wir machen einige Fortschritte, wir gewinnen an Boden. Die ganze Bewegung begann schon in den 1930ern, aber bis vor ein paar Jahren wurde die nicht ernst genommen. Aber heute können sie nicht mehr drüber hinwegsehen. Wir brauchen einen letzten Schubser von jedem da draußen, um zu bewirken, dass das der Vergangenheit angehört.

Und vor allem wollen wir der Welt zeigen, dass es da ein neues Bewusstsein gibt, ein neues Schwarzes Bewusstsein, das sich gegen Unrecht stellt: egal, ob dies in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich oder London passiert. Wir müssen uns zusammentun, miteinander kommunizieren, um die Steine loszuwerden, die uns in den Weg gelegt werden.

Es gibt Anschuldigungen, die Kampagne gegen „Swarte Piet“ sei bloß ein Vorwand, um die Reparationsforderungen karibischer Staaten und ehemaliger Kolonien an die Niederlande zu untermauern.

Kno’Ledge: Menschen werden immer Ausreden finden, um sich aus der Affäre zu ziehen. Das haben sie schon immer. Aber dieses mal akzeptieren wir kein „Nein“, weil da etwas gewaltig schief läuft. Da ist eine Leiche im Keller. Und selbst, wenn wir die Augen davor verschließen, wird sie immer noch da sein. Wir wollen erreichen, dass die Leute erkennen, dass sich dieses Problem nicht von alleine löst und das dieses Fest nie ein Fest für alle sein wird, solange wir uns nicht seines rassistischen Elements entledigen. Es gibt immer Ausreden wie „So habe ich es nie gesehen…“ oder „Ich sehe keine Farben…“. Ich meine, wie kannst du so farbenblind sein? Du schaust mich an, und das Aussehen ist das erste, was wir sehen, wenn wir jemandem begegnen. Also erzähl‘ mir nicht so etwas. Erzähl‘ mir nicht, du hättest einen Schwarzen Freund, dem es nichts ausmacht.

Was sind Ihre nächsten Schritte in Bezug auf die Kampagnen?

Kunta: Wir versuchen hier zusammenzuarbeiten, weil wir das Gefühl haben, somit mehr erreichen zu können. Wir organisieren Demonstrationen am kommenden Wochenende. Wir wollen eine möglichst große Gruppe an Unterstützenden mobilisieren, wie wir das letztes Jahr schon erreichen konnten. Letztes Jahr hatten wir bereits riesige Proteste, die größten, die es gegen „Zwarte Piet“ bislang gegeben hat. Und wir sind nicht die Ersten, die sich engagieren. Menschen demonstrieren seit den 1960er Jahren. Aber erst 2011 sind die meisten Menschen, hauptsächlich durch Social Media, auf die rassistische Konnotation aufmerksam geworden. Also führen wir das fort, und wir wollen dieses Jahr doppelt so groß werden. Um das zu erreichen, arbeiten wir mit zahlreichen anderen Organisationen zusammen. Das ist ein Kampf gegen dieses Symbol und dieses Symptom von institutionellem Rassismus. Uns ist bewusst, dass die Beseitigung dieses Symptoms auch die Tür zur Beseitigung aller anderen Formen institutionellen Rassismus in den Niederlanden öffnet. Am fünften Dezember rufen wir alle unsere Brüder und Schwestern, alle Menschen, die gegen Rassismus sind, dazu auf, uns am Aktionstag zu unterstützen.

Kno’Ledge: Wir fordern zu internationaler Solidarität auf. Wir denken, dass wir bereits viel erreicht haben, aber wir brauchen weitere Hilfe. Wir wollen die internationale Gemeinschaft miteinbeziehen. Ihr könnt uns unterstützen, in dem ihr den niederländischen Botschaften in eurem Land einen Brief überreichen, der erklärt, warum Rassismus abgeschafft werden sollte. Setzt euch mit uns in Verbindung, sei es mit „Zwarte Piet Niet“ oder „Zwarte Piet is Racisme“. Lasst uns zeigen, dass Rassismus nirgendwo stattfinden sollte.