Geschichte

Die Einwanderung der Hugenotten nach Deutschland

Angesichts der aktuellen Debatten um Migration könnte man meinen, Einwanderung nach Deutschland sei ein Phänomen jüngerer Geschichte. Dabei gab es schon im 17. Jahrhundert eine große Einwanderungswelle. Seitdem prägen Hugenotten Deutschland.

Die Flucht der protestantischen Hugenotten aus Frankreich ist ein wesentlicher Bestandteil der Migrationsgeschichte in der Frühen Neuzeit. Für die Einwanderung der Hugenotten aus Frankreich in nahezu alle protestantischen Staaten Deutschlands war ein nahezu hundertjähriger Religionskrieg im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts verantwortlich.

Der französische König Ludwig XIV vertrat gegenüber dem Protestantismus eine ablehnende Haltung, da er die Einheit des Reiches durch die Hugenotten gefährdet sah und somit sein Absolutheitsanspruch in Frage gestellt wurde. 1 [1] Die verschärften Maßnahmen Ludwigs XIV gegen den französischen Kalvinismus mündeten in das Revokationsedikt von Fontainebleau 1685, das jegliche Kultfreiheit der Hugenotten untersagte und lediglich die individuelle, nicht die öffentlich praktizierte Gewissensfreiheit im französischen Staat tolerierte. Protestantische Geistliche wurden vor die Wahl gestellt, dem Kalvinismus abzuschwören oder das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. 200.000 bis 300.000 Kalvinisten flüchteten deshalb unter lebensbedrohlichen Umständen ins protestantische Ausland. Das Revokationsedikt von Fontainebleau und die daraus resultierende Emigration vieler Hugenotten bedeuteten eine Zäsur in der französischen Geschichte. Der Protestantismus wurde als Faktor des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Frankreich für längere Zeit ausgeschaltet.

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Die Stadt Frankfurt am Main stellte ein wichtiges Durchgangszentrum für die Glaubensflüchtlinge aus Frankreich dar. Aufgrund der günstigen geographischen Lage, der Bedeutung Frankfurts als europäisches Handelszentrum sowie der großen Autonomie der Stadt wählten viele Hugenotten die Stadt als vorübergehenden Zufluchtsort. Die französische Gemeinde in Frankfurt/Main unterstützte ihre Glaubensbrüder direkt nach ihrer Ankunft. Für die meisten stellten die Generalstaaten der Niederlande, Brandenburg-Preußen und Hessen-Kassel die bevorzugtesten Bestimmungsorte dar. Diese Staaten entsandten Vertreter, die besonders Handwerker und Fabrikanten unter den Flüchtlingen zu einer Ansiedlung in ihrem Territorium bewegen wollten.

Gründe der Aufnahme
Die Motivation der jeweiligen Landesherren, die hugenottischen Glaubensflüchtlinge aufzunehmen, lag in der Kombination aus machtpolitischen Erwägungen, wirtschaftspolitischen Zielsetzungen und konfessioneller Solidarität. Die protestantischen Landesherren sahen in den Hugenotten loyale Staatsbürger und damit Stabilisierungsfaktoren des absolutistischen Herrschaftssystems: „Im Jahre 1700 wurden sie per Gesetz preußische Staatsbürger. Ihren Sonderstatus behielten sie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei fühlten sich die Refugies allzeit als bewusste und loyale Bürger des Gastlandes, obwohl sie auf ihre Sprache und Kultur weiterhin bestanden.“ 2 [2] Kurz nach Veröffentlichung des Potsdamer Ediktes im Jahre 1685 wurden ca. 500 hugenottische Soldaten in das preußische Militär aufgenommen, wo sie nach und nach Schlüsselpositionen besetzten. Da sich unter den emigrierten Hugenotten zahlreiche Hochqualifizierte befanden, versprachen sich die jeweiligen Landesherren von ihnen eine kurzfristige Steigerung der Wirtschaftskraft, die Gründung neuer Industriezweige und eine Belebung des Handels. Cohn-Bendit und Schmid bemerkten zu Recht: „Der Aufschwung Berlins von einem gottverlassenen Ackerbaustädtchen zur späteren Kapitale wäre ohne die Hugenotten ebenso wenig möglich gewesen wie etwa die Blüte der manufakturellen Betriebe im Gebiet zwischen Kassel und dem Weserland.“ 3 [3] Die Hilfsbereitschaft der verschiedenen protestantischen Landesherren für die Hugenotten in Form von Geldspenden und Unterbringungsmöglichkeiten machte eine tiefe Verbundenheit mit ihren Glaubensbrüdern ersichtlich. Friedrich Wilhelm gewährte nicht nur den Hugenotten, sondern auch Protestanten der verschiedensten Richtungen Zuflucht in Brandenburg-Preußen.

Einen überregionalen Charakter für die Ansiedlung der hugenottischen Flüchtlinge besaß das Edikt von Potsdam vom 25.10.1685. Es legte in vierzehn Artikeln die Rahmenbedingungen für die Aufnahme der Exulanten in Brandenburg-Preußen fest. Das Edikt sprach den Hugenotten weitreichende soziale und wirtschaftliche Privilegien zu, eine Möglichkeit der Selbstverwaltung war darin jedoch nicht enthalten. Der Kurfürst übergab den Flüchtlingen verfallene oder verlassene Häuser als erbliches Eigentum. Außerdem erhielten sie die notwendigen Materialien zum Wiederaufbau der Häuser und wurden von allen Abgaben befreit. Der Kurfürst erteilte ihnen das Bürgerrecht und gewährte ihnen den Eintritt in die Zünfte. Manufakturgründungen von hugenottischen Kaufleuten wurden durch umfangreiche Privilegien und finanzielle Zuwendungen unterstützt. Das Edikt beinhaltete ebenso das Recht der Ausübung der reformierten Religion in französischer Sprache und die Ernennung von eigenen Geistlichen. Ein weiteres Privileg des Ediktes war die standesmäßige Gleichstellung mit dem einheimischen Adel. Am 23.11.1685 wurde in Berlin ein Kommissariat für die Angelegenheiten der Flüchtlinge innerhalb des Generalkriegskommissariats gegründet, das als Kontrollorgan die Durchführung der Bestimmungen des Potsdamer Edikts kontrollieren sollte. 4 [6]

Privilegien der Landesherren
Die meisten Landesherren legten großen Wert auf die Erhaltung der aus Frankreich mitgebrachten Traditionen der Glaubensflüchtlinge. Ihrer Vorstellung nach sollten ausschließlich französische Pfarrer und Lehrer in den Gemeinden beschäftigt werden und nach Möglichkeit lokale Hugenotten wichtige Ämter innerhalb der Gemeinschaft bekleiden. Der Gebrauch der französischen Sprache war während der Gottesdienste obligatorisch. Die Gründung von Schulen für die Kinder der Flüchtlinge mit der Unterrichtssprache Französisch wurde angestrebt. Die Aufrechterhaltung eines wechselseitigen Austausches mit anderen hugenottischen Kolonien war ein weiteres Anliegen der Landesherren.

Zur Entwicklung des religiösen Lebens innerhalb der hugenottischen Gemeinden überließ der jeweilige Herrscher den hugenottischen Exulanten – meist zur vorübergehenden Nutzung – eine Kirche oder Kapelle. 5 [7] In Kassel erhielten die beiden dort existierenden hugenottischen Gemeinden finanzielle Zuwendungen vom Landgrafen zum Bau einer eigenen Kirche. In der Regel übernahm der jeweilige Herrscher auch die Finanzierung des Pfarrers, des Kantors sowie des Küsters. Das kirchliche Leben spielte in den ersten Jahrzehnten nach der Ansiedlung in allen hugenottischen Gemeinden eine wichtige Rolle. Erst im Laufe der Zeit verlor die Religiosität im Leben der Gemeindemitglieder immer mehr an Bedeutung. Das religiöse Leben wurde lediglich von einem kleinen Personenkreis am Leben erhalten, so dass es im 19. und 20. Jahrhundert in den meisten Fällen zu einer Vereinigung mit der deutschen reformierten Gemeinde der jeweiligen Stadt oder des jeweiligen Ortes kam. Die bis zum heutigen Zeitpunkt weiter existierenden hugenottischen Gemeinden wie in Berlin, Potsdam, Angermünde, Prenzlau oder Schwedt stellen Ausnahmen dar. Im Laufe der Zeit fand eine kulturelle Assimilation statt. Die französische Sprache wurde im Alltagsgebrauch, im kirchlichen Leben und in der amtlichen Korrespondenz schrittweise durch die deutsche Sprache ersetzt.

Verhältnis zur autochthonen Bevölkerung
Die den Hugenotten von den jeweiligen Landesherren verliehenen Privilegien erzeugten vielfach den Neid der autochthonen Bevölkerung, die um ihre eigene berufliche Existenz fürchtete. In Magdeburg stellte der lokale Magistrat die rhetorische Frage, „(…) ob es einem Lande nützlich oder den alten Einwohnern schädlich sei, wenn die Herrschaften durch gewisse Immunitäten und Freiheiten Fremde in das Land ziehen lassen.“ 6 [8] Aus der Lüneburger Stadtchronik geht hervor, dass 14 ortsansässige Zunftmeister in die Geschäftsräume eines hugenottischen Schneiders einbrachen, das Inventar beschädigten und den Besitzer schwer misshandelten. 7 [9]

Die Intoleranz gegenüber den Sitten und Bräuchen der Hugenotten und rassistische Stereotype aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe spielten bei der Ablehnung ebenfalls eine Rolle. Weiterhin trug die evangelisch-lutherische Kirche zur Verschärfung der ablehnenden Haltung gewisser Teile der Bevölkerung bei. Der schon überwunden geglaubte Streit zwischen den Protestanten in der Tradition Luthers und den Calvinisten wurde durch Hetzkampagnen in lutherischen Gottesdiensten neu entfacht, wobei besonders die Hugenotten – neben den Türken – zur Zielscheibe von Anfeindungen wurden.

Auf der anderen Seite war in Teilen der Bevölkerung der Wille zur Solidarität und Kooperation mit den französischen Glaubensflüchtlingen zu erkennen. Die Tatsache, dass hugenottische Exulanten sich um die Weiterentwicklung ihrer jeweiligen Heimatgemeinde verdient machten, bedeutete einen Stabilisierungsfaktor für die Beziehungen zur autochthonen Bevölkerung. Sie wurden dann akzeptiert, wenn die alteingesessene Bevölkerung aus ihrer Einwanderung in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht unmittelbaren Nutzen zog.

Verdienste der Einwanderer für das Allgemeinwesen
Die Einwanderung war für die politische, wirtschaftliche und geistige Entwicklung der protestantischen Aufnahmestaaten, der Städte und Orte, wo sich die Glaubensflüchtlinge ansiedelten, von prägender Bedeutung. Große Verdienste erwarben sich die Flüchtlinge beim Bau von Schlössern und Gärten in der Residenzstadt Potsdam sowie beim Aus- und Aufbau von Adels- und Herrensitzen.

Die Universitäten von Berlin und Frankfurt/Oder, die vor der Ansiedlung der Hugenotten keine Rolle im europäischen Geistesleben spielten, gewannen durch das Zusammenwirken deutscher und hugenottischer Gelehrter einen hervorragenden Ruf. Leopold von Ranke bemerkte zu Recht, dass die Hugenotten Brandenburg-Preußen mit dem fortgeschrittenen romanischen Europa in unmittelbarem Kontakt brachten. (Von Ranke, L.: Preußische Geschichte 1415-1871, 2. Auflage, Augsburg 1981, S. 95[/efn_note] Hugenottische Gelehrte trugen zur geistigen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts in Preußen bei. Zur Zeit Friedrichs II waren von den 37 Mitgliedern der Societe Litteraire der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin acht hugenottischer Abstammung. Der Berliner Kreis der deutschen Aufklärung um Gottfried Wilhelm Leibniz stand in engem Kontakt und regem Austausch mit der französischen Gemeinde und ihrem Geschichtsschreiber Charles Ancillon.

Durch ihre weltweiten Verbindungen trugen die Hugenotten maßgeblich dazu bei, die Werke der Vertreter der deutschen Aufklärung im Ausland bekannt zu machen. Eine wichtige Rolle übernahm dabei die von hugenottischen Glaubensflüchtlingen herausgegebene „Bibliotheque Germanique“, in der diese Verfasser mit der französischen Übersetzung ihrer Werke vertreten waren. Der hugenottische Schriftsteller Samuel Formey arbeitete 50 Jahre als Histograph an der Akademie der Wissenschaften und war Korrespondent der französischen Aufklärer Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert.

Im Jahre 1890 gründete sich der „Deutsche Hugenotten-Verein“ (DHV), dessen Aufgabe darin bestand, den Glauben der hugenottischen Vorfahren verständlich zu machen und ihre Geschichte historisch und genealogisch darzustellen. 8 [10] Außerdem setzte sich der Verein zum Ziel, wissenschaftliche Arbeiten, die im weitesten Sinne die hugenottische Geschichte betrafen, finanziell zu unterstützen. Als Rahmen für die alle zwei Jahre stattfindende Mitgliederversammlung veranstaltet der DHV an wechselnden Orten der Ansiedlung die „Deutschen Hugenottentage“. Im Mittelpunkt dieser mehrtägigen Veranstaltung steht ein deutsch-französischer Gottesdienst, der von einem französischen Prediger gehalten wird. Außerdem werden Vorträge, Diskussionen in Arbeitsgruppen, Konzerte, Führungen durch alte Hugenotten-Siedlungen und Ausstellungen angeboten. Für viele Teilnehmer ist der Kontakt zu Menschen, deren Vorfahren das gleiche Schicksal durchlebt haben, der wichtigste Grund, um an diesen Zusammenkünften teilzunehmen.

Im Französischen Dom in Berlin wurde ein umfassendes Museum über die Geschichte der Hugenotten eingerichtet und Räume für die Bibliothek der Hugenottenkirche zur Verfügung gestellt. 9 [11] Ein übergeordnetes Ziel liegt dabei in der Pflege der Verständigung beider Länder, wo die deutschen hugenottischen Familien ein wichtiges Bindeglied darstellen.

Der wechselseitige Austausch zwischen den Hugenotten-Gesellschaften in den einzelnen Ländern führte im Jahre 1966 zur Gründung des „Centre Mondial Huguenot“ in Paris. Alle drei Jahre wird an wechselnden Stätten hugenottischer Geschichte in Frankreich ein Treffen der Nachkommen der Glaubensflüchtlinge aus aller Welt durchgeführt.

Literatur

  1. Bluche, F.: Im Schatten des Sonnenkönigs. Alltagsleben im Zeitalter Ludwigs XIV. von Frankreich, Freiburg/Würzburg 1986, S. 24
  2. Ebd., S. 72 [12]
  3. Cohn-Bendit, D./Schmid, T.: Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, Hamburg 1993, S. 209
  4. Mengin, E.: Das Edikt von Potsdam. Das Edikt von Fontainebleau, Paris 1963 [13]
  5. Fuhrich-Grubert, U.: Die französische Kirche zu Berlin. Ihre Einrichtungen 1672-1945, Bad Karlshafen 1992, S. 29
  6. Jersch-Wenzel, S. Ein importiertes Ersatzbürgertum, in: von Thadden, R./Magdelaine, M.: Die Hugenotten 1685-1985, München 1985, S. 161-175, hier S. 171 [14]
  7. Spaich, L.: Fremd in Deutschland. Auf der Suche nach Heimat, Berlin 1991, S. 69
  8. Centurier, F.: Die Hugenotten-Nachkommen und der Deutsche Hugenotten-Verein, in: von Thadden/Magdelaine, Die Hugenotten 1685-1985, a.a.O., S. 213-220, hier S. 217 [15]
  9. Birnstiel, E.: Die Hugenotten in Berlin oder Die Schule der Untertanen, Berlin 1986, S. 32