Qualitäts-FAZ bis Boulevard-Bild

Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus in der aktuellen Antisemitismus-Debatte

Wer braucht schon importierten Rassismus? Niemand. Denn Rassisten haben wir so schon genug, wie ein Blick in die Zeitungen an diesen Tagen zeigt. Vom Qualitäts-FAZ bis hin zum Boulevard-Bild, sie alle hetzen was die Tastatur hergibt – gegen Muslime natürlich.

In seinem am 22.07.2014 auf FAZ.net erschienenen Artikel sieht Jasper von Altenbockum [1] dem neu ausgerufenen ‚Deutschen Jahrhundert‘ mit einiger Vorfreude entgegen. „Wenn alles gut läuft“, so schreibt er, wird das nächste Jahrhundert aus Deutschland „ein besseres Deutschland machen”. Nach wenigen Sätzen wartet der als Kommentar überschriebene Text noch mit einem Vorschlag auf, der eine gute Grundlage für diese Entwicklung sein könne: Den Islam müssten die Deutschen vorher noch loswerden.

Zwischen dem Ausblick auf eine aus deutscher Sicht glorreiche Zukunft und der Erkenntnis, dass der „frische Wind“ der „Willkommenskultur“ nicht über alle Einwanderer wehen dürfe, steht die Schlussfolgerung, dass es einen neuen, von muslimischen Einwanderern verursachten Antisemitismus in Deutschland gebe. Abgesehen von der Frage, ob es in Deutschland tatsächlich eine ‚Willkommenskultur‘ oder ein funktionierendes Integrationsverständnis gibt, scheint von Altenbockums Lösung doch sehr kurzgegriffen.

___STEADY_PAYWALL___

Lamya Kaddor [2] schreibt in einer kurzen Analyse des Kommentars auf ihrer Facebook-Seite: „Aus meiner Sicht ist der Palästinakonflikt nur das Ventil, die Ursachen liegen unter anderem an dem Versagen unserer bundesdeutschen Gesellschaft, Menschen, die in der vierten Generation Deutsch sind, zu integrieren; an nicht gleichen Bildungschancen […]; an übler gruppenbezogner Menschenfeindlichkeit […] [und] an biographischen Hintergründen.“

Von Altenbockum schiebt die Verantwortung für den sich im Moment besonders deutlich zeigenden Antisemitismus in Deutschland an muslimische Zuwanderer und ihre Kindeskinder ab. Nicht er alleine folgt diesem Reflex. So berichtet der Tagespiegel [3] zum Beispiel nicht von Pro-Palästinensichen Demonstrationen, sondern von „arabischen Demos“. Was nützen also jahrelange Integrations- und Reflexionsarbeit, wenn für die Mehrheitsgesellschaft in schwierigen Zeiten aus Deutschen wieder muslimische Einwanderer und „wütende“, „aufgehetzte Araber“ werden?

Der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch [4] sagt zu diesem Verhalten, es gehe nicht um eine Parallelwelt von arabischen oder muslimischen Subkulturen, sondern um deutsche Jugendliche, die hier aufwachsen und in der deutschen Gesellschaft groß werden. Antisemitismus, der unter diesen Jugendlichen verbreitet sei, müsse also auch als deutsches Problem angegangen und gelöst werden.

Tatsächlich aber erweckt der Reflex, die Verantwortung für Antisemitismus nicht in der Mehrheitsgesellschaft, sondern bei den Muslimen zu suchen, den Eindruck, dass man um eine Lösung des Problems kaum bemüht ist. Auch sprechen Gedanken wie die im Tagesspiegel geäußerte Befürchtung, dass das „Ansehen Deutschlands“ durch die antisemitischen Rufe beschädigt sei, eher dafür, dass es der Mehrheitsgesellschaft nicht um den Akt der geäußerten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an sich, sondern nur um den schönen Schein geht. Deutscher Antisemitismus, nach Wolfgang Benz [5] der „konstante Bodensatz“ in der deutschen Gesellschaft, wird so mittels einer typisch rassistischen Projektion auf ‚das Andere‘ zu einem Problem des angeblich judenfeindlichen Islams.

In radikaleren Kreisen stößt diese hierarchisierende, essentialisierte Polarisierung von aufgeklärten, nicht-antisemitischen Deutschen auf der einen und rückständigen, antisemitischen Muslimen auf der anderen Seite auf große Begeisterung. Schließlich ist beispielsweise PI-News dafür bekannt, seit Jahren mit ähnlichen Stereotypisierungen zu arbeiten. So kopieren dann die PI-ler unter der Überschrift ‚Der neue Antisemitismus kommt einzig und allein von Einwanderern aus islamischen Ländern‘ einen FAZ-Artikel von Geyer-Hindemith [8] vom 25.07. in dem von „religiösen Wurzeln der neuen Judenhetze“ die Rede ist. Auch hier wird der Satz geäußert, Antisemitismus sei nicht integrierbar. Eine ganze Gruppe von Zuwanderern wird als judenfeindlich bezeichnet, die Verantwortung erneut von der Mehrheitsgesellschaft verdrängt.

Unterschriftenaktion: Das Netzwerk gegen Islamophobie und Rassismus Leipzig hat eine Unterschriftenaktion gestartet, in der Nicolaus Fest, zu einer Entschuldigung aufgefordert wird. Hier können Sie die Petition unterzeichnen [9].

Am Ende der islamfeindlichen Verwertungskette steht vorerst Nicolaus Fest [10], stellvertretender Chefredakteur der BILD-Zeitung, der unter der Überschrift ‚Islam als Integrationshindernis‘ in beinahe beeindruckender Art und Weise eine Salve an islamfeindlichen und antimuslimischen Thesen in gerade einmal zwölf kurzen Sätzen abfeuert. Die Verweigerung von Asyl- und Zuwanderungsrecht für Muslime steht am Ende einer Aneinanderreihung der Schlagwörter ‚Zwangsheirat‘, ‚Friedensrichter‘, ‚Ehrenmorde‘ – und ‚antisemitisches Pogrom‘. Die Frage bleibt: Soll deutscher Antisemitismus bekämpft werden – oder soll er zu einer leeren Worthülse im islamfeindlichen Diskurs verkommen?

Am Ende steht Fests Aussage, dass er „keinen importierten Rassismus“ brauche – und das ist natürlich richtig, denn rassistisch ist Fest auch so schon genug.