JTB schafft Deutschland ab

Postmigrantisches, politisches Theater

Im Zusammenhang mit Migranten tauchen immer wieder bestimmte Schlüsselwörter auf – Islam, Bildung, Kriminalität, Brennpunkt, Integration, Arbeitslosigkeit. Was kann dem entgegensetzt werden? Marie Güsewell hat sich auf die Suche gemacht – im Jugendtheaterbüro Berlin.

„Und ihre Blicke mutierten zu Fingern. Zeigten auf mich, auf meine Andersartigkeit.“ 1 [1]

Ein starker, eindrucksvoller Satz, der während einer Probe im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) [2] fiel. Blicke können wie Finger sein, sagt er. Finger, die zeigen, die eine Grenze ziehen, die isolieren, die Andersartigkeit herstellen und spürbar machen. Dieser eine Satz erzählt, dass Menschen nicht einfach anders sind, sondern zu Anderen gemacht werden. Er erzählt, dass so eine Ordnung und eine Aufteilung der Gesellschaft hergestellt wird, die zwischen ‚Ihr‘ und ‚Wir‘ unterscheidet, die Menschen Gruppen und Kategorien zuordnet, sie als anders markiert und ihnen Eigenschaften zuweist. Person nicht-deutscher Herkunft, Migrant oder Mensch mit Migrationshintergrund sind solche Kategorien. Sie definieren Menschen als (noch) nicht oder anders deutsch, unterscheiden sie von jenen, die selbstverständlich, fraglos deutsch sind und normalisieren diese Unterscheidung.

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Diese Kategorien sind nicht neutral, nicht einfach nur Orientierungs- oder Zuordnungshilfen. Nicht nur unterscheiden sie, markieren als anders, grenzen ab und aus, sie implizieren und transportieren Vorstellungen und vermeintliches Wissen über die so Benannten. So tauchen im Zusammenhang mit Menschen mit ‚Migrationshintergrund‘ immer wieder bestimmte Schlüsselwörter auf – Islam, Bildung, Kriminalität, Brennpunkt, Integration, Arbeitslosigkeit – die auf die mit den Kategorien verknüpften Vorstellungen und Zuschreibungen hinweisen.

Was kann dem entgegensetzt werden? Wie gehen Menschen mit der oben beschriebenen Realität um, dass sie für einen großen Teil der Gesellschaft des Landes, in dem sie leben, die ‚Anderen‘, die ‚Fremden‘ sind? Wie können sie sich dagegen wehren, von anderen benannt, beschrieben, ‚gemacht‘ zu werden? Gibt es Formen und Mittel, um selbst hörbar und sichtbar zu werden – sich selbst zu ‚machen‘ und zu (re)präsentieren?

Antworten auf diese Fragen fand ich im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB). Das JTB ist eine freie Spiel- und Produktionsstätte für und von Jugendliche(n) und junge(n) Erwachsene(n), die potenziell auf ihren ‚Migrationshintergrund‘ und ihre ‚Andersheit‘ verwiesen werden. In meiner mehrmonatigen Forschungszeit im JTB, der Begleitung der Proben und Stückentwicklung mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung, ist ein reicher Materialschatz – Beschreibungen von Improvisationen, Körperübungen und Spielen, Szenen, Diskussionen und Erzählungen – zusammengekommen.

Info: Das Buch „JTB schafft Deutschland ab [3]“. Postmigrantisches, politisches Theater im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) ist im Lit Verlag [4] in der Reihe Soziologie und Anthropologie: Kulturwissenschaftliche Perspektiven erschienen.

Aus der Auseinandersetzung mit diesem Material ist das Buch „JTB schafft Deutschland ab [5]“: Postmigrantisches, politisches Theater im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) entstanden. Dieser Beitrag ist kein Auszug aus dem Buch, sondern ein eigenständiger Artikel, der sich jedoch an Argumentationen aus dem Buch lehnt.

Aufteilung der Gesellschaft
In ihrer Theaterarbeit – in Stückszenen, Improvisationen oder Diskussionen – thematisierten die Akteure im JTB immer wieder Diskurse über Immigration, über Islam und Muslime, über Integration, die von der Mehrheitsgesellschaft geführt werden. Diese Diskurse zeichnen sich in hohem Maße durch eine Definitionsmacht der Vertreter der sogenannten Mehrheitsgesellschaft über sogenannte Minderheiten aus. Und sie sind verbunden mit oftmals stereotypisierenden, teilweise abwertenden, feindlichen und rassistischen Zuschreibungen. ‚Ihr‘ und ‚Wir‘ werden zu Oppositionen, die Gesellschaft wird aufgeteilt. In einer Szene des Stückes Arab Dream wurde eindrucksvoll inszeniert, wie die Aufteilung der Gesellschaft funktioniert, wie Andere benannt, beschrieben, ‚gemacht‘ werden.

Habub saß in seiner Rolle als Hussain mit seiner Freundin auf einer Bank am rechten, hinteren Bühnenrand. Sie saßen nah beieinander und unterhielten sich. Hussain schenkte seiner Freundin einen Ring, um ihr zu zeigen, dass er es ernst mit ihr meine. Sie freute sich über sein Geschenk, bat ihn aber um Zeit. Ein Soziologe in weißem Hemd und mit großer, dunkel gerahmter Brille tänzelte auf Zehenspitzen auf die Bühne. Er blieb in recht großem Abstand zu dem Paar stehen, nahm ein Diktiergerät aus seiner Brusttasche und begann über Hussain und seine Freundin zu sprechen: „Memo an mich selbst. Der Moslem und sein neues Opfer…“ Dann tänzelte er näher an das Paar heran, beugte sich zu ihm, beäugte es, doch schien er seine Rede nicht zu hören. Stattdessen richtete er sich an das Publikum, erklärte und bewertete das Verhalten der beiden: „Oh mein Gott seht ihr das? Erkennt ihr, was hier los ist? Der Moslem und sein Opfer. Liebe pfff, der Moslem kennt so was gar nicht. Das ist so ekelig. Die Arme Frau darf gar nichts machen, wie ein Hund. […] [sic!]“ Und als Hussain seiner Freundin den Arm um die Schulter legte, kommentierte der Soziologe: „Schau, er nimmt ihr die Luft weg, sie kann nicht mehr atmen.“ 2 [6]

Der Soziologe erschien in dieser Szene als Sinnbild für all jene Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, die über und stellvertretend für Andere sprechen und schreiben, die Kategorien definieren und zuordnen, die stereotype Beschreibungen entwerfen, benutzen und verbreiten. Er observierte Hussain und seine Freundin aus der Ferne, sprach über sie statt mit ihnen, kategorisierte sie als „Moslem“ und „Opfer“, hörte und verstand ihre Rede nicht, missdeutete ihr Handeln und ordnete es stereotypen Mustern entsprechend ein.

Kategorisierung und Stereotypisierung, also die Reduzierung von Menschen auf einige wenige, vereinfachende und übertriebene Wesenseigenschaften, die so dargestellt werden, als gehörten sie zur Natur des beschriebenen Menschen, sind nach dem Sozialwissenschaftler und Kulturtheoretiker Stuart Hall Strategien „der ‚Spaltung‘“. Es wird eine „symbolische Grenze“ errichtet, zwischen „dem, was ‚dazu gehört‘ und dem, was nicht ‚dazu gehört‘ oder was ‚das Andere ist‘, zwischen […] Uns und Ihnen“ 3 [7]. Durch die Einordnung von Menschen in scheinbar eindeutige Kategorien und Gruppen und die Zuschreibung von Eigenschaften sowie vorhersehbaren Handlungs- und Verhaltensweisen, wird die Gesellschaft geordnet und aufgeteilt. Es entstehen Ungleichheiten und Ungleichwertigkeiten, die wiederum über ungleiche Formen der Teilhabe und Zugehörigkeit bestimmen.

Umgang mit Stereotypen
In der Theaterarbeit des JTB beobachtete ich verschiedene Strategien, die Stereotypen zu verhandeln, mit denen sich die Akteure immer wieder konfrontiert sehen. Eine Strategie ist das Aufzeigen von Komplexität, die Offenlegung der vielen Geschichten eines Menschen, die durch die eine reduzierende, stereotype Beschreibung überdeckt werden. Eine andere ist das Aufblasen, Übertreiben und Verzerren von Stereotypen bis sie platzen und deutlich wird: „Egal welchen Titel Ihr uns gebt und welches Bild Ihr Euch von uns macht… Ihr werdet nie den passenden Titel oder das richtige Bild für uns finden!“ 4 [8]

Bei einer Figurenimprovisation für das Stück Arab Dream kam Abu Malek in seiner Rolle als Jovan auf die Bühne. Seine Hose war bis zum Bauchnabel hochgezogen, sein Rücken rund und gekrümmt, seinen Kopf hatte er nach vorne geschoben und er grinste breit. Seine Hände hielt er in der Nähe des Hosenbundes. Er sprach mit einem auffälligen Akzent – langgezogenen Worten, weichen Vokalen und einer Satzmelodie, die am Ende des Satzes anstieg: „Ich nix verstehen“, „Ich kommen aus Montenegro“. Der Regisseur Ahmed klatschte in die Hände, was einen Charakterwechsel bedeutete. Abu Malek änderte seine Körperlichkeit und Haltung. Sein Rücken wurde gerade, sein Kopf hob sich und sein Grinsen verwandelte sich in ein charmant-joviales Lächeln. Er wirkte nun locker und cool. Er sprach akzentfreies Deutsch und sagte über sich: „Ich bin son bisschen integrationsgeil“ und fügte beiläufig hinzu: „Nich dass das pervers is oder so.“ Bei einem späteren Auftritt während der Figurenimprovisation wurden aus Jovan zwei Figuren – Jovan und Ovan – beide von Abu Malek gespielt. Jovan war der mit rundem Rücken, hochgezogener Hose, vorgeschobenem Kopf. Er schirmte seine Augen vor dem Scheinwerferlicht ab, verstand die Anweisungen des Regisseurs Ahmed nicht, fragte nur immer wieder: „Hä?“ Ovan war der Lässige, souverän Wirkende. Er sagte über Jovan: „Der hat ein Problem. Der is integrationsgeil. Wir waren schon bei Ärzten und so. […] Manche stehen auf Ärsche und Titten, andere auf Integration. […] Er is hier geboren. Aber er hat keinen deutschen Pass.“ 5 [9]

Die Figur Jovan scheint das Bild eines als ‚integrationsunfähig‘ attribuierten ‚Migranten‘ zu verkörpern. Obwohl Jovan in Deutschland geboren ist, ist er ‚Migrant‘ ohne deutschen Pass. Obwohl er „integrationsgeil“ ist und zum wiederholten Male einen Integrationskurs besucht, bleibt sein Deutsch akzentgefärbt und mangelhaft. Und das Beherrschen der deutschen Sprache ist neben Bildungserfolg und Erwerbstätigkeit eines der wesentlichen Kriterien, um ‚Integrationserfolg‘ zu messen. 6 [10] Er erscheint begriffsstutzig und hat eine Körperlichkeit, die im Theaterjargon einen „Tiefstatus“ 7 [11] markiert und mit Tölpelhaftigkeit assoziiert werden kann. Doch hat er auch das andere Gesicht – das lässige, souveräne, kommentierende. Durch dieses Gesicht wird das Spiel als integrationsgeiler doch offenbar -unfähiger Jovan als Verstellung und Maskerade entlarvt. Als eine Parodie auf Kategorisierungen und Zuschreibungen, die mit Etiketten wie ‚integrationsunfähig‘ oder ‚integrationsunwillig‘ implizit verbunden sind.

Abu Maleks Spiel mit den zwei ‚Gesichtern‘ erzählt, dass Jovan durch die Kategorisierung als ein Teil der „nachwachsende[n] Migrantengeneration“ 8 [12] immer ein Anderer bleibt. Dass diese Kategorisierung ihn auf ein Bild festschreibt, das er (egal wie viele Integrationskurse er besucht) nicht zu verändern vermag. Ein Bild, das zum Beispiel Heinz Buschkowsky kreiert, wenn er Kinder „der dritten oder vierten Einwanderergeneration“ beschreibt,

die der Landessprache nicht mächtig sind. […] Obwohl zumeist einer der Elternteile in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. […] Wo haben sie bisher gelebt? Wie wird in der Familie gesprochen? Welcher Fernseher ist eingeschaltet? Ich glaube, wir alle können diese Fragen beantworten. Man spricht die Sprache aus dem Dorf von Opa. Wir sind und bleiben Türken, Araber, Somalier oder was auch immer. 9 [13]

Das Spiel zeigt auch, dass diese stereotypen Bilder nicht nur reduzierend sind sondern auch abwertend. Und es offenbart die drastische Diskrepanz zwischen dem stereotypen Bild und der Person, die mit ihm beschrieben und gerahmt wird. Gleichzeitig ermöglicht es Abu Malek und mit ihm allen Akteure im JTB sich von stereotypen Bildern zu distanzieren und zu lösen.

„JTB schafft Deutschland ab“
Die Akteure im JTB führen mit ihrem Theater die Aufteilung der Gesellschaft in ihrer Konstruiertheit vor, stellen sie bloß und hinterfragen sie. Sie setzen auf der Bühne in Szene, was in Diskursen oft verschleiert und normalisiert wird: Die Aufteilung der Gesellschaft ist keine natürliche, sondern eine gemachte. Andersheit ist keine Wesenseigenschaft sondern eine Zuschreibung, die der Ausgrenzung und Diskriminierung dienlich sein kann. So wird ihr Theater eine Intervention in den Mehrheitsdiskurs. So üben sie Widerstand gegen die Praxis der Repräsentation als Sprechen der Einen für oder über die Anderen, als Klassifizieren und Zuschreiben, Widerstand gegen Stereotype, durch die sie auf potentiell abwertende Bilder reduziert werden. Und so erschließen sie sich einen Raum der Teilhabe, der Sichtbarkeit und Hörbarkeit für ihre Themen, Perspektiven, Geschichten und Realitäten.

Der Titel, den ich für diesen Artikel und das Buch wählte, wurde spontan von Çığır – einem Theaterpädagogen im JTB – erfunden. Bei einer Evaluationsrunde leitete er meine Wortmeldung mit folgenden Worten ein: „Marie schreibt ein Buch über uns. Es heißt ‚JTB schafft Deutschland ab‘“. 10 [14]

Mit diesem Titel wird die Theaterarbeit des JTB eindrücklich versinnbildlicht. Als Parodie auf Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab, wendet sich der Titel vor allem gegen eine Vorstellung von Deutschland und Deutsch-Sein, die Zugehörigkeit aus Herkunft und Abstammung ableitet und auf bestimmte Eigenschaften bezieht, eine Vorstellung, die die als anders Definierten kategorisch ausgrenzt und disqualifiziert. Diese als anders Definierten, durch deren Anwesenheit sich Deutschland laut Sarrazin abschaffen würde, vertritt das JTB hier und macht sie handlungsmächtig. Doch liegt in der Behauptung, das JTB schaffe Deutschland ab auch eine wie Größenwahn wirkende Übertreibung, die für Irritation sorgt. Was ist Deutschland? Und wie kann es ‚abgeschafft‘ werden? Und will das JTB tatsächlich Deutschland abschaffen? Oder will es mit seiner Theaterarbeit nicht vielmehr eine ausschließende Konstruktion von Deutsch-Sein, eine aufteilende Ordnung der Gesellschaft, die über Zugehörigkeit und Ausgrenzung und dadurch über Formen der gesellschaftlichen Teilhabe bestimmt, unterbrechen?

  1. Forschungsnotiz 26.10.2012
  2. Jugendtheaterbüro (2012): Arab Dream. Internes Textbuch, Stand Oktober 2012. & Forschungsnotiz 03.11.2012 [15]
  3. Hall, S. (2004): „Das Spektakel des ‚Anderen‘“. In: Ders.: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. Hrsg. v. J. Koivisto & A. Merkens. Hamburg: Argument, S.108-166, S.144.
  4. Jugendtheaterbüro (2011): „KulTür auf! Das Brennpunkt Manifest [16]
  5. Forschungsnotiz 16.09.2012 [17]
  6. vgl. Woellert, F. et. al. (2009): Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Hrsg. v. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
  7. Johnstone, K. (2011): Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und Theatersport. Berlin: Alexander, S.354ff. [18]
  8. Süßmuth, R. (2006): Migration und Integration. Testfall für unsere Gesellschaft. München: dtv, S.148
  9. Buschkowsky, H. (2012): Neukölln ist überall. Berlin: Ullstein, S.62. [19]
  10. Forschungsnotiz 09.11.2012