Bades Buchkritik zu Sarrazins "Tugendterror"

Die Welt ist ungerecht – und das ist auch gut so!

In seinem Buch „Der neue Tugendterror“ erklärt Thilo Sarrazin der Political Correctness den finalen Krieg. Er rechnet mit seinen Gegnern ab, bleibt aber seinen Leitargumenten treu. Aus der „Sarrazin-Debatte“ hat er selber wenig gelernt – Rezension von Prof. Klaus J. Bade:

Der Bestsellerautor Thilo Sarrazin möchte mit seinem neuen Buch „Der neue Tugendterror“ 1 [1] noch einmal richtig Kasse machen; denn sein Letztes „Europa braucht den Euro nicht“ (2012) hatte sich zwar ebenfalls sehr gut verkauft, war aber für den verwöhnten Erfolgsautor ein Flop im Vergleich zur allein in Deutschland mehr als anderthalb Millionen hohen Auflage seines Bestsellers ‚Deutschland schafft sich ab‘ (2010).

Und es hatte außerdem nichts bewirkt. Denn zum Ärger von Thilo Sarrazin und der ‚Alternative für Deutschland‘, der die Argumente des bekennenden Sozialdemokraten erheblich näher stehen als denen der deutschen Sozialdemokratie, glauben die Deutschen nach Auskunft des Politbarometers von ZDF und Tagesspiegel von Mitte Dezember 2013 mehr und mehr an den Euro und daran, dass das Jahr 2013 für Deutschland ein gutes Jahr war. Was macht man da? Man versucht inhaltlich und geschäftlich noch einmal an den Bestsellererfolg von 2010 anzuknüpfen in der Hoffnung, dass die Welle vielleicht noch trägt.

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Das Ergebnis ist ein mitunter flott, meist aber langatmig geschriebenes Buch. Es ist offenbar aus drei verschiedenen Anläufen zusammengequält und deshalb in seiner Struktur so verschachtelt, dass der Autor immer wieder mit lästigen gliedernden Hinweisen, Ankündigungen und Rückbezügen den roten Faden hochhalten muss. Die Möchtegern-Sozialphilosophie steht dabei von Beginn an stets im Hintergrund.

Im ersten Drittel des Buches antwortet der beleidigte und beleidigende Autor auf Kritik an seinem Bestseller ‚Deutschland schafft sich ab‘. Er übergeht dabei aber Stimmen, die ihm wirklich gefährlich wurden. Das gilt z.B. für Klaus J. Bades Gesamtdarstellung der sogenannten Sarrazin-Debatte 2 [2] ebenso wie für die Kritik der Berliner Soziologin Naika Foroutan und ihrer Forschungsgruppe an seinen Thesen zu Muslimen in Deutschland. 3 [3]

Im zweiten Drittel posiert der neokonservativ argumentierende Möchtegern-Sozialphilosoph von der traurigen Gestalt in seiner liebsten Rolle: als angeblicher Tabubrecher in Sachen Political Correctness und öder Gleichmacherei. Im letzten Drittel geht die Bühne auf für ein Kabarett, in dem das Publikum an vierzehn Beispielen lernen darf, was man doch wohl noch sagen darf.

Erster Akt: Der Märtyrer Sarrazin – Selbstverteidigung im Freistilkampf
Zunächst und sehr lange dominiert im Buch eine Flut von empörten bis beleidigten, mitunter auch beleidigenden Erregungen des stachelmimosigen Angreifers, der gern austeilt, aber nicht einstecken kann. Er wehrt sich, wohlgegliedert nach Zettelkasten oder Excel-Tabelle, gegen vielerlei Kritik an seinem Bestseller ‚Deutschland schafft sich ab‘, unter besonderer Berücksichtigung der in der Sarrazin-Debatte leitenden Themen. Dazu stellt er eingangs, nach einigen Begriffsklärungen, nochmals die schrägen ‚Kernthesen‘ seines Bestsellers vor:

An erster Stelle steht die Einschätzung, dass sich Deutschland mit seiner anhaltend niedrigen Reproduktionsrate „aus der Geschichte wegschrumpft“, was bekanntlich so nicht stimmt.

An zweiter Stelle steht seine These, dass durch die sozial „schiefe Geburtenstruktur“, für die auch „die spezifische Konstruktion des deutschen Sozialstaats einschließlich des Familienlastenausgleichs“ verantwortlich sei, „das intellektuelle Potential in Deutschland und damit auch die potentielle Bildungsleistung noch schneller als die Zahl der Geburten“ sinken, was insgesamt, drittens, Wirtschaftskraft und Lebensstandard gefährde.

Einwanderer wären, viertens, nur dann eine Hilfe, wenn ihre Bildung und Qualifikation über dem deutschen Durchschnitt lägen. Das aber sei wegen der „spezifischen Struktur der Einwanderung in Deutschland“, nämlich „vorwiegend aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost“, nicht der Fall. Das ist natürlich weitestgehend falsch, denn: Die Wanderungsbilanz gegenüber der Türkei ist bekanntlich seit vielen Jahren negativ; drei Viertel aller Zuwanderer in Deutschland stammen heute aus Europa, zwei Drittel aus der EU; und 29 Prozent davon zählen zur Gruppe der Hochqualifizierten, die in Deutschland nur 19 Prozent stellen.

Download: Die Rezension von Prof. Klaus J. Bade zum neuen Sarrazin Buch: „Der neue Tugendterror“ können Sie im PDF-Format herunterladen [4].

Fünftens, und damit geht es ab in die Welt der Vererbungslehre, gebe es „zwischen unterschiedlichen Gruppen von Einwanderern signifikante gruppenbezogene Unterschiede, die sich auch in den nachfolgenden Generationen nur langsam abbauen, wenn überhaupt. Generell gilt: Einwanderung aus Fernost erhöht die durchschnittliche Bildungsleistung und das Qualifikationsniveau der aufnehmenden Gesellschaft. Einwanderung aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost senkt die durchschnittliche Bildungsleistung und das Qualifikationsniveau der aufnehmenden Gesellschaft.“

Dass z.B. die von ihm andernorts nur als ‚Armutswanderung‘ und damit als Gefahr für den Wohlfahrtsstaat registrierte Zuwanderung aus Rumänien (‚Nah- und Mittelost‘) zu knapp der Hälfte aus Qualifizierten und zu fast einem Viertel aus Hochqualifizierten besteht, ist ihm offenbar nicht bekannt.

An sechster Stelle rangiert die Vertiefung seiner kulturrassistischen Einschätzungen mit der antiislamischen These von der erblichen Abhängigkeit von Qualifikationsniveau und Bildungsleistung von der Herkunftskultur: “Muslimische Prägung von Kulturen wirkt sich negativ auf das durchschnittliche Qualifikationsniveau und die durchschnittliche Bildungsleistung von Einwandereren und ihren Nachkommen aus.“

Am Ende steht, siebtens und insgesamt, Sarrazins wohlbekannte, hier etwas verklausulierte These: Die Einwandererbevölkerung mit ihren zwar schrumpfenden aber relativ noch immer höher liegenden Geburtenraten, ihrem niedrigeren Qualifikationsniveau und ihrer niedrigeren Bildungsleistung tendiert dahin, die deutsche Bevölkerung demographisch zu überrunden und die deutsche Kultur auf ihr niedriges Niveau herabzuziehen. (S. 57f.)

Das alles wird in diesem neuen Buch nicht etwa näher differenziert, sondern nur mit zusätzlichen Scheinbelegen und zuweilen auch mit argumentativen Winkelzügen weiter expliziert. Sarrazin bleibt insoweit das, was er immer war, ein sturer Exeget seiner bekannten Behauptungen. Das gilt vor allem für seine in der vorgetragenen Pauschalisierung gesellschaftspolitisch gemeingefährlichen Lieblingsthemen: die Erblichkeit von Intelligenz und deren weitgehende Unabhängigkeit von sozialen Umfeldbezügen einerseits und die angeblich weltweit erkennbare kulturelle Bodenhaftung ‚der‘ Muslime:

Der Genetiker Sarrazin weiß schwurbelklar: „Wenn Hochqualifizierung auch nur teilweise mit der genotypischen Intelligenz korreliert, dann kann eine dauerhaft niedrige Geburtenrate der Hochqualifizierten nicht ohne Auswirkungen auf die durchschnittliche genotypische Intelligenz bleiben“. (S. 272f.) Diese genetische Logelei ist auch nicht durch soziale Umstände zu relativieren, erst recht nicht bei den ‚kulturell‘ minderrangigen Teilen Einwandererbevölkerung: „Die Vermutung, schlechte Bildungsleistungen bei bestimmten Gruppen von Migranten seien Resultat der Einwanderungssituation, lässt sich empirisch nicht bestätigen. Das Gegenteil ist der Fall. Offenbar sind die Prägungen der Herkunftskultur über Generationen recht stabil.“ (S. 287)

Die Belege für das ‚Gegenteil‘ bleibt Sarrazin seiner Gemeinde schuldig. Macht auch nichts, denn die glaubt ihm das sowieso. Und dass türkische Aufsteigerhaushalte ihre Kinder oft aus umständehalber miserablen deutschen Schulen abziehen und in der Türkei zur Schule schicken, dass in der Türkei abgeschlossene Schulausbildungen denen von türkischen Kindern in Deutschland mitunter klar überlegen sind, das weiß der Bildungsgenetiker Sarrazin alles nicht. Damit nicht genug. Das kulturell niedrige Niveau bewirkt sogar politische Schlagseiten: „Genetische Prädispositionen wirken indirekt selbst auf politische Einstellungen.“ (S. 258) Alles Genetik oder was?

Und dann erst mal ‚der‘ Islam und ‚die‘ Muslime: In seinen Ausführungen zur – natürlich mangelnden – „Gleichwertigkeit der Kulturen“ verzichtet Sarrazin zwar zunächst großzügig „auf kausale Erklärungen“. Er legt dann andernorts aber doch klar nach mit der Botschaft, dass „der kulturelle und religiöse Hintergrund des Islams den Bildungserfolg, den wirtschaftlichen Erfolg und die soziale Entwicklung der islamischen Länder“ behindert und „viele Probleme, die die Länder des islamischen Kulturraums kennzeichnen und vom Rest der Welt trennen, im Islam selber liegen und schon in der Entstehung und frühen Verbreitung des Islams angelegt waren.“ (S. 290f.)

Genüsslich zitiert Sarrazin den pakistanischen Atomphysiker Pervez Hoodbhoy: „Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt – aber sie können in keinem Bereich eine substanzielle Errungenschaft vorweisen… Alles, was sie mit großer Hingabe tun, ist beten und fasten… Die Inschallah-Mentalität, die für alles Gott verantwortlich macht, ist der Gegensatz zu wissenschaftlichem Denken.“ (S. 294) Dass wir fast unsere gesamte Kenntnis der klassischen Antike muslimischer, in diesem Falle arabischer Vermittlung verdanken, ist beiden wohl entgangen.

Und dazu, weiß Sarrazin, kommt noch als weitere mentale Behinderung „die muslimische Kultur des Beleidigtseins“ und besonders „das Beleidigtsein der Türken“, kurzum das „türkisch-muslimische Beleidigtsein“ (S. 297f.) Aber dazu gibt es doch gar keinen Grund, jedenfalls nicht bei Sarrazin; denn er schreibt über seinen Bestseller von 2010, der bei der muslimischen neuen Elite in Deutschland Schockwellen auslöste, treuherzig: „Keine einzige Formulierung im gesamten Buch war geeignet, ein Individuum, eine Gruppe, eine Ethnie, eine Rasse oder eine Religion zu beleidigen oder zu verletzen.“ (S. 91). Und das entscheidet natürlich nur Thilo Sarrazin selber als Richter in eigener Sache.

Und wer, wie der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin, aufgrund sorgfältiger empirischer Bestandsaufnahmen die bekannte und gerade durch die Desintegrationspublizistik vom Schlage Sarrazin & Co. mit bewirkte „Häufung der Negativberichte und die wenigen Berichte über das Gelingen von Integration im Alltag der Einwanderungsgesellschaft“ beklagt, der wird vom Richter Sarrazin sogleich polemisch abgestraft: „Wer kritisch ist, hat nach dieser Lesart Vorurteile. Wegschauen ist also angesagt. Wer das nicht tut, ist der eigentliche Störenfried.“ (S. 301f.) So grob geschnitzt ist das Weltbild, in dem Thilo Sarrazin seine Gemeinde demagogisch bestärken möchte.

Und er kennt gleich noch einen zweiten Scheinbeleg für seine haltlosen Unterstellungen: „Aus demselben Grund war bereits der Bundesjugendministerin Kristina Schröder vorgeworfen worden, sie gieße ‚Öl ins Feuer der um sich greifenden Muslimfeindlichkeit‘. Ihr ‚Vergehen‘: Sie hatte in der Öffentlichkeit zwei von ihrem Ministerium beauftragte Studien zur Gewaltbereitschaft unter jungem Muslimen und deren Ursachen vorgestellt.“(S. 302)

Die Wahrheit sieht anders aus: Auf dem hysterischen Höhepunkt der Sarrazin-Debatte im Oktober 2010 glaubte auch Familienministerin Schröder Einschlägiges beitragen zu sollen und warnte schlagzeilenstark vor einer Art Minderheitenrassismus in Gestalt von ‚Deutschenfeindlichkeit‘ auf den Schulhöfen. Sie finanzierte dazu sogar zwei teure wissenschaftliche Schnellgutachten, die den vermeintlichen Zusammenhang von muslimischem Glauben und Gewaltaffinität bei Jugendlichen nachweisen sollten, was die aber nicht nur nicht konnten, sondern sogar klar dementierten; denn es geht hier nicht primär um Religionsfragen, sondern vorwiegend um eine Mischung von Milieuproblemen und sozial aggressivem Macho-Gehabe.

Das hinderte die Ministerin nicht, ihre mehr gefühlte als empirisch begründbare These weiter zu verbreiten, die in den Sensationsmedien begierig aufgenommen wurde, deshalb erwartungsgemäß großes Aufsehen erregte und in islamophoben Kreisen lautstark begrüßt wurde. 4 [5] Über solchen und anderen Umgang Sarrazins mit Argumenten und vorgeblichen Belegen wird gleich noch eingehender zu berichten sein.

Hier surft ein Kulturrassist, der keiner sein will, auf der von ihm selbst erzeugten Woge. Mit ‚Kulturrassismus‘ ist heute nicht mehr der klobige alte rassenbiologische Begriff aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und schließlich aus der nationalsozialistischen Blut- und Boden-Ideologie gemeint, dessen sich Kulturrassisten gerne mit dem Hinweis zu bedienen pflegen, man sei doch ‚kein Rassist‘.

In den heute expandierenden kulturrassistischen Diskursen geht es kaum mehr um die Ab- bzw. Aufwertung von Rassen unter Zuschreibung angeblich kollektiver Rasseeigenschaften. Statt Rassen geht es heute meist um ‚Kulturen‘ (und deren Religionen). Denen aber werden in gleicher Weise bestimmte, angeblich kulturinhärente Kollektivmentalitäten und Verhaltensdispositionen zugeschrieben. Und die sind angeblich mehr oder minder unveränderlich bzw. sogar ‚erblich‘ und bleiben deshalb auch bei Sozialisation in neuen Kontexten relativ stabil. Die Vorstellung von solchen imaginierten Kulturgruppen spricht z. B. bei der vulgärrationalistischen ‚Islamkritik‘ aus der Rede von ‚dem Islam‘, ‚der islamischen Kultur‘ oder gar ‚den‘ Muslimen schlechthin.

Dass Sarrazins Argumentationsweise hier in den Bereich des Kulturrassimus gehört, möchte er ebenso empört wie trickreich mit dem nur scheinbar ideologiekritischen Argument abweisen, der alte Rassismus-Begriff werde durch Wortschöpfungen wie ‚Kulturrassismus‘ doch nur unnötig inflationiert und um seine so wichtige Schärfe gebracht. Für ihn selbst passt seines Erachtens natürlich ohnehin weder der eine noch der andere Begriff. (S. 40, 85-90). Er beruft sich hier stattdessen lieber auf die in denunziativer Vorwärtsverteidigung geübte und gern in der bekannten Täter-Opfer-Umkehr argumentierende ‚Islamkritikerin‘ Necla Kelek: „Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Diskussion mit bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden.“ (S. 86f.).

Es gibt in der Rassismus-Diskussion aber durchaus fließende Grenzen zwischen kulturrassistischen Zuschreibungen und klassischen Rassismus-Vorstellungen. Ein geradezu bühnenreifes Beispiel für ein argumentatives Versteckspiel mit versehentlicher Selbstentlarvung lieferte hier Thilo Sarrazin selber: Er berichtete in seinem Bestseller ‚Deutschland schafft sich ab‘, in Vorträgen und Interviews zuerst oft in genetischem Sinne über ‚die‘ Muslime und sogar über das intellektuell schwache ‚Muslim-Gen‘ (einmal, mit devot folgender Entschuldigung, sogar über das ‚Juden-Gen‘) mit seinen über die Aufblähung der gering qualifizierten und gebildeten deutschen Unterschicht durch unqualifizierte und ungebildete ‚muslimische‘ Zuwanderung indirekt volksverdummenden Folgen für Deutschland.

Nachdem mehr als eine Million Exemplare seines Bestsellers verkauft waren, ersetzte er stillschweigend seine immer wieder angegriffenen, indirekt bildungs- und sozialgenetischen durch soziokulturelle Argumente. 5 [6] Mit dieser semantischen Gleichsetzung enthüllte er unversehens die fließende Grenze zwischen Rassismus und Kulturrassismus und demonstrierte damit am eigenen Beispiel, dass Kulturrassismus eben auch eine Form des Rassismus ist.

In solchen Argumentationslinien zu denken, setzte, so räsoniert Sarrazin rückblickend stolz, „einen Freiheitsgrad des Denkens voraus, den die Kritiker so nicht akzeptieren wollten.“ (S. 58) Hier spricht der Märtyrer der Wahrheit. Seinen Lesern dient er sich als dankbarer, nur von ihnen in verschworener Gemeinschaft Geretteter an; denn nur durch ihren demonstrativen Bücherkauf haben sie ihn im übertragenen Sinne vor dem Scheiterhaufen bewahrt. Anschlusshandlungen auch für das aktuelle Buch erwünscht, versteht sich.

Gleich zu Beginn kommt das wuchtige Bekenntnis: „Mit meinen Lesern teile ich wohl die Dankbarkeit darüber, dass wir nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahrhunderten, wegen falschen Glaubens als Ketzer verbrannt werden können.“ (S. 12) Wenige Seiten später wird gleich noch mal drauf geladen: „Die heilige Inquisition hatte für solche Fälle den Scheiterhaufen, die Sowjetunion nahm in den siebziger Jahren Rückgriff auf die Irrenhäuser, nachdem Massenerschießungen und Lagerhaft mittlerweile als politisch unkorrekt galten.“(S. 32).

Und damit es aber auch wirklich keine Missverständnisse gibt, darf man kurz darauf noch einmal lesen: „Vor vierhundert Jahren verteidigte die katholische Kirche ihr geozentrisches Weltbild mit den Mitteln der Inquisition und mit der Androhung des Scheiterhaufens, weil sie sich mit Argumenten nicht zu helfen wusste. Das ist heute nicht mehr möglich. Heute bleibt nur noch der moralische Scheiterhaufen in den Medien, indem man die Integrität und den Anstand des ‚Sünders‘ in Frage stellt.“(S. 58)

Und das ist, wie man erfährt, wesentlich schlimmer als der mittelalterliche Pranger; denn der war „immerhin Ergebnis eines Gerichtsverfahrens, das mit der Suche nach der Wahrheit verbunden war und am Ende zu einer Bestrafung, eben dem Pranger, führte. Die publizistische Skandalisierung dagegen ist Anklage, Urteil und Vollstreckung zugleich, vollzogen durch Unzuständige und Parteiische, statt einem Gericht eher dem Lynchmob vergleichbar, der den vermuteten Pferdedieb oder Frauenschänder umstandslos am nächsten Baum aufknüpft.“ (S. 13)

Wer nun erwartete, dass Sarrazin seine Thesen zumindest in Teilen relativiert hätte, wird enttäuscht. Er nimmt nichts zurück und hat auch nichts hinzugelernt, ganz so wie dies ein kluger erster, noch ohne Kenntnis des Buches vorauseilender Rezensent glaubte absehen zu können. 6 [7] Stattdessen konzentriert sich Sarrazin darauf, Kritiken an seinem Buch zu abzuweisen. Dabei bedient er sich der verschiedensten argumentativen Manöver.

Nur drei Beispiele dazu: Ein erstes Leitargument heißt, die Kritiker hätten sein Buch entweder gar nicht gelesen oder doch nicht richtig verstanden, was, versteht sich, nur er beurteilen kann. Entscheidend ist ihm, zweitens, mitunter nicht, ob ein kritisches Argument trifft, sondern ob ein dabei genanntes Wort in seinem Buch verwendet wurde oder nicht. Ein weiteres Ausweichmanöver besteht darin, dass er selber die Spielregeln definiert, nach denen festgestellt wird, was er hätte geschrieben haben müssen, damit ein kritisches Argument legitim gewesen wäre. Beispiel: „Da ich in meinem Buch keine sozialwissenschaftliche Evolutionstheorie entwickelte, fällt der Vorwurf des Sozialdarwinismus ins Leere.“(S. 96).

Dass sich z.B. im Schatten der nach seinem Buch genannten ‚Sarrazin-Debatte‘ die vulgärrationalistische ‚Islamkritik‘ selbsternannter angeblicher Islamexperten umso aggressiver entfaltete, kann der Autor ohnehin nicht negativ bewerten, weil er ja selbst in dieses Lager gehört (‚Wir Islamkritiker‘). 7 [8] In der besonders bei der ‚Islamkritik‘ üblichen denunziativen Täter-Opfer-Umkehr geht es dem wehleidigen Scharfschützen vor allem um die Klage über die „Delegitimierung des Autors als Person“ (S. 103f.) sowie über „Isolieren, Vereinzeln, Totschweigen“ (S. 106ff.). Spätestens hier muss sich der Leser fragen, wie es nur zu den mehr als 1,4 Millionen verkauften Exemplaren seines Bestsellers kommen konnte, der doch nicht nur bei demonstrativen Trotzkäufern Gefallen gefunden haben kann.

Bei der strategischen Abwehr von Kritik an seinem Buch aber arbeitet Sarrazin im Gegenangriff oft selber mit Methoden, die er seinen Kritikern als infam ankreidet. Das lässt sich am Beispiel des Rezensenten zeigen, den die ‚Islamkritikern‘ Necla Kelek den ‚Anti-Sarrazin‘ genannt hat. Dazu muss ich in eigener Sache etwas weiter ausholen.

Exkurs in eigner Sache zum Dreifachgift DDD: Diffamierung, Denunziation und Demagogie
Die angriffslustige selbst ernannte ‚Islamkritikerin‘ Necla Kelek, deren desintegratives Wirken ich in meinem Buch ‚Kritik und Gewalt‘ ausgiebig unter die kritische Lupe genommen habe, hatte seinerzeit Sarrazins Buch als ‚Befreiungsschlag‘ vorgestellt. Sie durfte in der ihr gewogenen FAZ im Mai 2011 einen aggressiv-dümmlichen, persönlich beleidigenden, sachlich falschen, deshalb an der Grenze der journalistischen Sorgfaltspflicht liegenden und zum Teil sogar in unsäglichem stalinistischem Vokabular gehaltenen Schmähartikel über mich als ‚Anti-Sarrazin‘ veröffentlichen, der bis heute in einschlägigen Kreisen meinungsbestimmend geblieben ist.

Darin denunzierte sie den Gründungsvorsitzenden des – für ihre skandalisierende Desintegrationspublizistik verständlicherweise geschäftsschädigenden – Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) als ‚Generalsekretär eines Politbüros‘. Dessen Allmacht seien Medien, Stiftungen und letztlich auch die Politik hilflos ausgeliefert, weil, so ihre infantile Verschwörungstheorie, diese Wissenschaftlerbande alle entscheidenden Fäden in Händen halte. Ich habe diesen Unsinn der wissenschaftsfernen Publizistin wenig später an gleicher Stelle zurückgewiesen und damit diese Scheinkontroverse für beendet erklärt, nach der die streitsüchtige Publizistin erkennbar strebte. 8 [9]

Im Juli 2011 eilte ihr Thilo Sarrazin in der FAZ zu Hilfe: Er griff das vorliegende SVR-Jahresgutachten an und verwechselte dabei Kraut und Rüben. Er unterstellte dem SVR-Vorsitzendem in diesem gleichermaßen an üble Nachrede grenzenden Schmähartikel, ich sei zwar ein guter Wissenschaftler, aber ein ängstlicher Zeitgenosse, der nirgendwo anecken möchte. Er bediente sich dabei im Gegensatz zu Kelek nicht stalinistischen, sondern zur totalitären Abwechslung nationalsozialistischen Vokabulars und präsentierte den SVR-Vorsitzenden als Leiter eines ‚Reichsfunks‘ mit beschönigenden Berichten von der ‚Integrationsfront‘. 9 [10]

Ich habe Sarrazins Attacke damals unbeantwortet gelassen, weil ich diesen albernen publizistischen Schlagabtausch für beendet erklärt hatte, obgleich Sarrazin in seinem Artikel frecherweise sogar unautorisiert aus unserem privaten Briefwechsel zitierte. Hinzu kam, dass der frühere NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) Ende Juli 2011 in der FAZ ohnehin auf Sarrazins Artikel antwortete und dabei auch auf dessen Angriffe auf mich und den SVR einging. 10 [11] Ich nahm mir aber vor, auf das demagogische Wirken des ‚islamkritischen‘ Agitationskartells später in größerem Zusammenhang und mit der gebotenen Klarheit zurück zu kommen. Das habe ich getan, sobald ich hinreichend Zeit dazu fand, nämlich nach meinem Abschied vom SVR im Juli 2012. Das Ergebnis war mein schon im März 2013 erschienenes Buch ‚Kritik und Gewalt‘.

In diesem Buch habe ich Sarrazins Argumentationstechniken durchleuchtet und dabei auch seinen FAZ-Artikel noch einmal aufgenommen. Ich habe die sogenannte Sarrazin-Debatte als zeithistorisches Phänomen beschrieben und die in ihrem Schatten wuchernde, als ‚Islamkritik‘ getarnte scheinwissenschaftliche Islamdenunziation als Gratwanderung zwischen Wortgewalt und Tatgewalt analysiert. Schließlich habe ich diese Linien bis zur Verarbeitung des antimuslimischen Terroraktes in Norwegen 2011 und der schon älteren antimuslimischen Serienmorde in Deutschland verfolgt. 11 [12] Aus diesem Buch hätte Sarrazin einiges lernen können, auch über unbeabsichtigte Folgen publizistischen Tuns, gerade weil er, wie er mir 2010 einmal mitgeteilt hatte, gern ganz bewusst skandalisiert, um den Markt der Meinungen zu erreichen.

Und was tut Thilo Sarrazin? Er überspringt, wie so oft im Umgang mit unbequemen Ergebnissen der Wissenschaft, das Buch des angeblichen ‚Anti-Sarrazins‘ Bade komplett. Stattdessen erweckt er beim Leser sogar vorsätzlich den falschen Eindruck, ich hätte mich mit seinem Buch und dessen Folgen nicht auseinandergesetzt und stattdessen nur ohne Belege lamentiert. Sarrazin handelt hier nur konsequent, denn er weiß: „Die probateste Methode, eine ungeliebte Meinung zu unterdrücken, besteht darin, sie zu beschweigen oder allenfalls unvollständig und beiläufig zu berichten. Darin liegen Kern und Ursprung aller Zensur.“ (S. 108)

Gesagt, getan: Mein Buch, in dem ich mich umfangreich und detailliert mit ihm und der sogenannten Sarrazin-Debatte auseinandergesetzt habe, kommt bei ihm nicht einmal in einer Fußnote vor. Stattdessen zieht Sarrazin (einziger Hinweis auf Bade), in seinem Buch einen einzelnen von mir im Herbst 2010 in der Neuen Züricher Zeitung veröffentlichten Artikel heran, in dem er mir unbelegte Vorwürfe unterstellt und indirekt an die ‚besorgten Bürger‘ appelliert, den hochnäsigen ‚Integrationspapst‘ Bade zu schmähen. Das klingt wie folgt:

„Der deutsche Integrationspapst Klaus J. Bade machte sich gar nicht erst die Mühe, meinem Buch irgendwelche Fehler nachzuweisen. Er meinte lediglich pauschal, dass ich den Forschungsstand nicht überblicke. Den Erfolg des Buches erklärte er mit ‚Verlustängsten‘ und sah in dem Einwanderungsunbehagen ‚nur einen Spielball unter anderen im breiten Feld von Politikverdrossenheit und Protestverhalten‘. So verschob er die Probleme von der realen auf die psychologische Ebene. Letztlich griff er damit den besorgten Bürger an und erklärte ihn für inkompetent bei der Beurteilung von Einwanderungs- und Integrationsfragen.“ (S. 85)

Das alles ist schlicht das Gegenteil der Wahrheit und damit nur der Vollzug von Sarrazins eigener Kapitelüberschrift „Unterschlagung von Differenzierungen, gezielte Missverständnisse“. Verbunden ist damit zudem ein denunziativer Auskreisungsdiskurs, der die ‚besorgten Bürger‘ alarmieren und zum Shitstorm animieren soll. Die Rede vom ‚besorgten Bürger‘ ist, nebenbei, heute das Standardargument der NPD. 12 [13]

Das ist das Dreifachgift DDD: Diffamierung, Denunziation und Demagogie in einem, mithin genau das, was der Autor in Märtyrerhaltung seinen Kritikern unterstellt. Wie heißt es doch so treffend bei Sarrazin: „Das Ziel der Skandalisierung ist es, den Skandalisierten seiner gerechten Strafe zuzuführen, ihn zu isolieren, zu beschämen und zu entehren.“ (S. 114) Da weiß einer genau, was er tut.

Es gibt da nur einen kleinen, aber brutalen Unterschied: Auf Sarrazins Seite operieren als – sicher ungeladene – Verteidiger und Angreifer kulturrassistische antiislamische Netzwerke wie die Internet-Pranger ‚Politically Incorrect‘ oder ‚Madrasa of Time – Time of Counterdjihad‘ und die Mordbrenner von ‚Nürnberg 2.0‘ und ‚Archiv Berlin‘. Deren Portale aber werden nach der Einschätzung von Sicherheitsdiensten und investigativen Journalisten von Mitgliedern des ‚islamkritischen‘ Internet-Prangers ‚Politically Incorrect‘ gesteuert.

Im Übrigen steht Sarrazin mit dem vergeblichen Versuch, mein Buch zu ‚beschweigen‘, nicht allein: Auf der früher einmal politikkritischen, heute vorwiegend ‚islamkritischen‘ Seite des Journalistenbündnis ‚Achse des Guten‘ hatte der antiislamische Demagoge Henryk M. Broder 13 [14] einige Wochen vor dem Erscheinen meines Buches ‚Kritik und Gewalt‘ in einer knappen Schmähkritik eine Totschweige-Empfehlung an die üblichen Verdächtigen im ‚islamkritischen‘ Agitationskartell erteilt. Dazu zählen u.a. neben Broder selbst: Necla Kelek, Ralph Giordano und indirekt auch Sarrazin (‚Wir Islamkritiker‘). Der bei seiner ‚islamkritischen‘ Minderheitenschelte aus Gründen vorauseilender Exkulpation oft auf seine jüdische Herkunft verweisende Broder nahm das von Sarrazin eingeführte NS-Vokabular gerne auf und schrieb:

„Der weltberühmte ‚Migrationsforscher‘ Klaus Bade sagt in einem Gespräch 14 [15] mit der ‚Neuen Osnabrücker Zeitung‘: „Selbst ernannte ‚Islamkritiker‘ wie die Publizisten Necla Kelek, Henryk M. Broder und Ralph Giordano haben dem kulturellem Rassismus Vorschub geleistet und auflagenstark davon profitiert.“

Nun, ich weiß nicht, wie Necla und Ralph es halten, ich habe mich jedenfalls darum bemüht, zu einem amtlich anerkannten ‚Islamkritiker‘ ernannt zu werden. Leider aber gibt es in der Bundesrepublik weder eine Reichskultur- noch eine Reichsschriftumskammer, die eine solche Lizenz zum Kritisieren ausstellen könnte. Auch der Verband Deutscher Journalisten, vertreten durch seinen rührigen Vorsitzenden Michael Konken, wollte sich nicht exponieren, ebenso der PEN-Club unter Johano Strasser. Was blieb mir also übrig, als mich selbst zum ‚Islamkritiker‘ zu ernennen? Da hatte es Klaus Bade besser, er wurde von der ‚Neuen Osnabrücker‘ zum Migrationsforscher geadelt. Jetzt drücken wir ihm die Daumen, dass keiner sein stinklangweiliges Buch kauft…“ 15 [16]

Der Appell hat nur bedingt Früchte getragen: Es gab zu meinem Buch eine Flut von durchweg positiven Reaktionen. 16 [17] In bestimmten Leitmedien wie z. B. ‚Die Welt‘ (Redakteur Broder, geschätzte Autorin Kelek) oder FAZ (langjährige Starkolumnistin Kelek) hingegen wurden Rezensionsanfragen von außen abgewiesen und sogar redaktionsinterne Besprechungsabsichten geblockt. So läuft das in Wirklichkeit mit der von Sarrazin & Co. wehleidig eingeklagten ‚Meinungsfreiheit‘ und dem von ihm inkriminierten ‚Beschweigen‘ bzw. ‚Totschweigen‘.

Zweiter Akt: Der Sozialphilosoph Sarrazin – neokonservativer Zitatenreichtum aus dem bildungsbürgerlichen Weltdeutungswissen
Auch Sarrazins Eintreten für die Achtung der Ungleichheit sowie gegen kulturelle und soziale Gleichmacherei ankert in den Ideen seines Bestsellers und in dessen Verteidigung gegen Kritik. Der argumentative Kuhfuß, mit dem er glaubt, kritische Einwände gegen sein Buch aus den Scharnieren stemmen zu können, ist der Hinweis auf die seines Erachtens überall lauernde und über die Medien vorangetriebene Verschwörung der ‚Political Correctness‘, die kritische Realitätsbezüge und Differenzierungsvermögen blockiere. Die damit verordnete Brille lässt Ungleiches gleich erscheinen und verstellt so den Blick auf die alles Leben auf diesem Planeten bestimmenden und auch erst ermöglichenden Unterschiede; denn „der Kern des Tugendterros“ ist dieser:

„Die Ideologie (oder Religion) der Gleichheit erklärt alle sich manifestierenden Unterschiede in den Leistungen und im materiellen Erfolg von Individuen und Gruppen zum Ausfluss von Ungerechtigkeit, letztlich zum Ergebnis des Bösen, das in dieser Welt wirkt: Das Böse bewirkt, vergrößert, erklärt und rechtfertigt Ungleichheit. Das Gute kämpft gegen das Böse und damit gegen Ungleichheit in jeder Form.“(S. 39) So einfach ist Sarrazins Kernbotschaft.

Das alles wird dann ideengeschichtlich mitunter durchaus kenntnisreich, zuweilen auch arg trivial und mit vielen, wenn auch zweckorientiert zurecht gerupften Zitaten illustriert. Hier spricht der kundige Bildungsbürger. Aber der übergestreifte Talar des Kulturhistorikers ist ihm, wie der des Sozialphilosophen, doch ein paar Nummern zu groß, so dass das gravitätische Schreiten der Argumentation mitunter eher Sackhüpfen ähnelt.

„Die Erscheinungen des Tugendterros sind aber so alt wie die menschliche Gesellschaft“, doziert Sarrazin (S. 187) und greift bis in den Weltenbeginn zurück, den er selbstverständlich ebenfalls souverän überblickt: „Alle Bewegung, alle Entwicklung entsteht nämlich aus Differenz und aus dem Wettbewerb, den Unterschiede auslösen. So entstand das Leben auf der Erde. So vollzog sich die gesamte biologische Evolution einschließlich der Entwicklung des Menschen, und so entstand auch die vom Menschen bewirkte soziale Evolution.“ (S. 236) So war das also.

Und weil Sarrazin das weiß, beginnt er mit seinem bereichsweise durchaus kenntnisreichen Überblick über die Rolle von Gleichheit bzw. Ungleichheit und die diesbezüglichen, zuweilen blutig folgenreichen Missverständnisse schon vor dem Alten Testament: Er verfolgt den „Tugendterror im Wandel der Zeiten“ von der Ablösung der antiken Götter durch das Christentum über Inquisition, Hexenwahn und Terror in der Französischen Revolution, Kommunismus und Pol Pot schnurgerade bis zum „Tugendterror in der Gegenwart“. Und der treibt heute angeblich „so unterschiedliche Sachverhalte wie progressive Steuersysteme, Genderforschung und Integrationspolitik“. (S. 218) So ist das bei Sarrazin, der die Dinge mutig und konsequent zu Ende denkt, wenn auch manchmal bis gegen die Wand.

Und weil er gerne überzeichnet, gibt es Grundgedanken, die an sich treffend, wenn auch wahrhaftig nicht neu sind, in ihrer Anwendung auf diverse Praxisbereiche aber zu arg vordergründigen Scheinergebnissen führen. Beispiel: „Aus der Gleichsetzung von Freiheit mit Gleichheit und von Gleichheit mit Gerechtigkeit wuchs der eigentliche Tugendterror, zunächst philosophisch und gesellschaftspolitisch, dann aber auch in der Wirklichkeit, wo immer diese Art von Denken politische Macht erlangte.“ (S. 205) So weit nicht schlecht.

Ob man aber, wie Sarrazin meint, die Lehren, die man den grauenhaften Kapiteln der Französischen Revolution verdankt, z.B. auch auf das deutsche Bildungssystem anwenden kann, erscheint doch etwas fragwürdig; ganz abgesehen davon, dass sich Sarrazin hier wieder einmal Urteile anmaßt, die von manifester Ahnungslosigkeit im Blick auf den Stand der Bildungsforschung zeugen. Klar, man kann nicht alles wissen in diesem Riesenfeld, aber gerade deswegen wäre etwas intellektuelle Bescheidenheit hier eine Zier. Aber das kann man von diesem Autor kaum erwarten.

Daneben gibt es eine ganze Reihe von weiteren Beispielfeldern, auf denen sich Sarrazin mit seiner Kritik an vor allem sprachlichen ‚Tabuisierungen‘ abarbeitet, besonders in polemisch-despektierlicher Auseinandersetzung mit Vorschlägen der ‚Nationalen Armutskonferenz‘ (NAK). Das ist eine Vereinigung der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege mit deutschlandweit tätigen Fachverbänden und Selbsthilfeorganisationen sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund – logischerweise alles Verbände, die vorzüglich ins Feindbild des Autors passen.

Seine Kritik an einer angeblich an Politischer Korrektheit ausgerichteten ‚Dekadenz der Sprache‘, die zur ‚Dekadenz des Denkens‘ führt, gilt z.B. kreuz und quer für Tabuisierungen in der Märchensprache (‚Negerkönig’ und ‚Chinesenmädchen‘ u.a.), bei ethnisierenden Gruppenbeschreibungen (‚Schwarzer‘, ‚Zigeuner, ‚Roma‘ u.a.), bei Begrifflichkeiten der geschlechtergerechten Sprache oder bei der gleichgeschlechtlichen Nutzung von Institution und Begriff ‚Ehe‘.

Das reicht bis hin zu Begriffen wie ‚alleinerziehend‘, ‚arbeitslos‘ und sogar zum Begriff des ‚Wirtschaftsflüchtlings‘, für den Sarrazin eine besonders barsche Klärung bereithält: „Der Wirtschaftsflüchtling muss weder idealisiert noch verteufelt werden, er muss aus Sicht deutscher Interessen schlichtweg verhindert werden.“ (S. 182) Basta.

Ein flacher Exkurs über ‚Moral und Gewissen‘ in Sachen ‚Tugendterror, der jenseits von Ausführungen über ‚sozialen Mut‘ (unausgesprochen natürlich besonders des Verfassers) im wesentlichen Goethe-Zitate sowie Gliederungshinweise enthält und besser vom Lektor gestrichen worden wäre, darf hier rücksichtsvoll übergangen werden. (S. 207-216)

Wer aber sind nun die Täter, die falschen Fährtenleger in diesem Minenfeld? Es ist die „Klasse der Sinnvermittler“. Das waren nach Sarrazin „in früheren Jahrhunderten die Theologen, dann die Philosophen und Dichter“, wobei er die hier entscheidende Rolle der Historiker im 19. Jahrhundert offensichtlich nicht kennt. „Heute sind es vor allem die Vertreter der Medien, angereichert durch den einen oder anderen medientauglichen Schriftsteller oder Wissenschaftler.“ (S. 26) Man fühlt sich getroffen. Schlimmer noch: „Der größte Teil der im Medienbereich Tätigen hat Politikwissenschaft, Germanistik oder Geschichte studiert“, was alles drei zusammen, einschließlich noch der Sozialwissenschaften, auch für den Rezensenten gilt. Man beginnt sich zu schämen.

Diese „sinnstiftende Medienklasse“ besteht deshalb bestenfalls aus „Experten für Kritik und Sinngebung, nicht aber für Problemlösungen in der sozialen und physischen Wirklichkeit“, zumal diese elenden Schreiberlinge, im Gegensatz zu seinesgleichen, „oft auch keinen ausgeprägten Sinn für Zahlen, Proportionen oder die Widerspenstigkeit realer Sachzusammenhänge“ haben und überdies in ihrer Abhängigkeit von „herrschenden Moden“ auch einen „gewissen Herdentrieb“ zeigen. (S. 26f.) Man spürt, dass der souveräne Autor dieses besondere Feindbild buchstäblich mit Schaum vor dem Mund umschreibt.

Und so entstand im Reich des „Tugendterrors“, den die Gleichheitsideologie antreibt, ratzfatz „ein recht hermetischer Code des Guten, Wahren und Korrekten, der große Teile der Medienklasse dominiert.“ (S. 35) Das alles hat natürlich auch seine psychologische Note, denn es gibt, besonders beim „Furor der Skandalisierung“, eine „gefühlsgesteuerte Selbstgewissheit bei den beteiligten Medien und der Öffentlichkeit.“ (S. 113) Sarrazin weiß sowas, denn er berichtet ja aus der Sicht des Opfers.

Und noch einen Hieb drauf: Sarrazin raunt, „dass aktuell eine herrschsüchtige, ideologisierte Medienklasse ganz informell und ohne großen Plan zusammenwirkt mit einer opportunistischen und geistig recht wenig profilierten Politikerklasse.“ (S. 183) Das wurde an den geistigen Stammtischen des gebildeten Bürgertums schon immer so geahnt und wird nun endlich von hoher Warte aus bestätigt. Man wird es sich vergrößern und an die Badezimmertüre hängen.

„Der Gleichheitswahn ist zu einer dominierenden Strömung in unserer Gesellschaft und insbesondere in den Medien geworden“, weiß Sarrazin und tritt noch einmal drauf: „Getrieben wird der Gleichheitswahn vom utopischen Überschuss einer Medienklasse, die zu großen Teilen eine komplexe Wirklichkeit, die sie kaum kennt und nur in Bruchstücken versteht, einseitig unter der Brille einer bestimmten moralischen Sicht betrachtet. In der menschlichen Geschichte waren jene immer schon die Schlimmsten, die aus einem Teilverständnis der Wirklichkeit unhaltbare Theorien fütterten und daraus „Erkenntnisse“ zogen, nach denen sie die Welt umgestalten wollten.“ (S. 343) Volltreffer. Mehr geht eigentlich nicht.

Aber es gibt noch klarere Positionsbekenntnisse. Hier kommt dann der „Neidfaktor“ ins Spiel, besonders bei diesen schlimmen Journalisten: „Eine ganze Bewusstseinsindustrie in den Medien, bei den Verbandsvertretern und bei allen Politikern mit ‚linker‘ Tradition arbeitet in diese Richtung. Durch unsinnige und tendenziöse Behauptungen verwirren und desinformieren sie jene Mehrheit der Bürger, die mit Zahlen nichts am Hut haben. Dadurch wird dann ein Klima geschaffen, von dem politische Parteien glauben, sie könnten mit Mehrbelastungen für die ‚Reichen‘ bei den Wählern punkten.“ (S. 254) Plump, der Lektor war wohl gerade nicht da.

Mitunter gerät Sarrazins bibliophile Umwälzanlage für Aggressionen und Vorurteile auch schon mal ins Stottern, wenn die Sprache des Dichters am eigenen Schwulst erstickt. Das gilt z. B. unter der Überschrift „Abgesunkenes Kulturgut: Tugendterror in der Gegenwart“ für eine Einschätzung der Folgen der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre in den Medien:

„Die Trümmer der obsoleten und historisch diskreditierten Lehren treiben nach wie vor als moralisches Strandgut auf den Meeren der Geistesgeschichte. Sie verursachen die unterschiedlichsten geistigen Havarien und prägen so manchen Fernsehkommentar und Zeitungsartikel.“ (S. 203).

Wenn das mal selber kein Paradebeispiel für argumentative ‚Havarien‘ ist. Überdies weiß hier so recht keiner, was hier eigentlich gemeint ist; aber zumindest in seinen Vorurteilen gegenüber „der sogenannten 68er-Bewegung und ihren geistigen Nachfahren“ darf sich jeder irgendwie bestätigt fühlen. Das ist doch auch schon was.

Am Ende seiner Medienkritik bleibt aber auch beim allwissenden Weltendeuter Sarrazin eine Spur Ratlosigkeit: „Aus der Sicht der mehrheitlichen Medienmeinung wird die Verteilung des Wohlstandes in der Marktwirtschaft deshalb ungerecht bleiben. Die sozialistische Alternative ist aber diskreditiert und ein neues Leitbild haben alle die hektischen Diskussionen seit der Weltfinanzkrise nicht geschaffen. An dieser Stelle hat man den Eindruck: Der Furor des medialen Gleichheitswahns ist umso größer, je weniger er sich mit konkreten Inhalten füllen lässt.“ (S. 256) Was tun, sprach Zeus – wir machen Kabarett.

Dritter Akt: Kabarett à la Sarrazin – der Sozialphilosoph als Sozialkundelehrer
Am Ende kommt der Höhepunkt, dem die Show entgegen strebt, wie der bis zum Erbrechen aufdringliche begleitende Erzähler in seinen gliedernden Bemerkungen immer wieder aufs Neue ankündigt. Was im zweiten Akt ausgebreitet, zum Teil auch wiederkehrend breitgetreten wurde, mit vielen Zitaten aus dem Schatzkästlein bildungsbürgerlichen Weltdeutungswissens, das wird nun im dritten Akt vertieft.

Das geschieht in der Auseinandersetzung mit ‚Vierzehn Axiomen des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart‘, die zum Teil schon in der aggressiven Verlagswerbung unters Volk gebracht wurden. Dabei geht es um Meinungskarikaturen, die Sarrazin ‚Positionen‘ nennt. Sie sind meist popanztechnisch absurd überzeichnet und können dann umso leichter demontiert werden. Das werden sie aber nicht immer, wie wir gleich noch sehen werden.

Die Demontage der ‚Postulate‘ geschieht dann jeweils in der belehrenden Konfrontation mit einem „Die Wirklichkeit“ genannten Gegenbild, als dessen berufener Anwalt der Autor fungiert. Und spätestens hier wird auch dem bestwilligen Leser klar, dass der Sozialphilosoph in Wahrheit ein schlechter Sozialkundelehrer ist:

Er konfrontiert vierzehnmal ‚Postulat‘ und ‚Wirklichkeit‘, wobei das, was er als ‚Postulat‘ vorstellt, bissige bis hämische, mitunter auch geschmacklose Satire ist. Aber selbst das könnte noch so durchgehen – wenn er sich wenigstens darauf beschränken würde, den umschmeichelten Leser als denkendes Wesen dadurch anzuerkennen, dass er ihn mit der Satire allein lässt und ihm damit die Chance gibt, den Verzerrungseffekt gegenüber der ‚Wirklichkeit‘ selbst zu entlarven.

Aber wo kämen wir da hin, wenn der Leser selber schlussfolgern dürfte. Nein, er muss geführt werden. Deshalb tritt der Autor in einer Doppelrolle auf: Zuerst kommt er als Kabarettist auf die Bühne und zieht seine satirischen Grotesken ab, die inhaltlich mitunter ungewollt an die mit wichtiger Miene geplapperten Sketche des wunderbaren Münchner Kabarettisten Polt erinnern.

Dann aber tritt der allwissende Erzähler jeweils im Anschluss als Oberlehrer vor den Vorhang. Mit erhobenem Zeigefinger und aufdringlichen, mitunter sogar didaktisch gegliederten Kommentaren, erkenntnissichernden Wiederholungen und Rückverweisen belehrt er die Leser darüber, dass das eben vorgeführte Stück gar nicht ‚Die Wirklichkeit‘ gewesen sei. Wer hätte das auch gedacht.

Wenn Polt das machen würde, dann wäre das womöglich ein fulminantes Hyperkabarett, das dem Publikum die Lachkrämpfe aus dem Hals würgen könnte. Aber bei Sarrazin gibt es nichts zu lachen; denn er steht bieder vor dem Vorhang und meint es bierernst mit seinen didaktischen Kommentaren.

Damit nicht genug: Mitunter stürzt seine bornierte Zitations- und Belehrungsfreude in diesen Kommentaren über ‚Die Wirklichkeit‘ (die zuweilen an den Inhalten des jeweiligen grotesken ‚Postulats‘ vorbei laufen) zurück in das, was er vorher schon bräsig gelehrt hat, indem er sogar in der Untergliederung, statt ‚Postulat‘ und ‚Wirklichkeit‘, noch einmal eine eigene antinomische Substruktur aufbaut in Gestalt von vorgeführten ‚Mythen‘ und deren Widerlegung (z.B. S. 337).

Räumlich aus dem Ruder laufen solche Kommentare mit indirekten Wiederholungen und Überschneidungen, wenn es um das raumfressende Lieblingsfeindbild des ‚Islamkritikers‘ Sarrazin und um sein Faible für sozial- und kulturrassistische Positionierungen und Provokationen geht. Dann würde man das Bündel Papier gern endgültig in die Tonne hauen, wenn man es nicht besprechen müsste. Für die Tonne ist dann immer noch Zeit.

Wenn man nämlich Sarrazins Buch genau liest, dann kommt man dahinter, mit welcher Raffinesse der Autor für kulturrassistische, natürlich von ihm strengst bestrittene Perspektiven wirbt: Er packt sie in seinen axiomatischen ‚Positionen‘ unter für manche Leser provozierende, für andere verlockende Überschriften wie:

Wie man mit den unter solchen Überschriften stehenden Texten umgehen kann, zeigt z.B. ‚Position‘ 6:

Am Anfang steht eine im Büßerhemd vorgetragene, klar als vordergründig vorgeführte geschichtstriefend-moralisierende und auf die von ihm selbst andernorts vehement zurückgewiesene Kollektivschuldthese anspielende Distanzierung von Rassismus und Sozialbiologismus:

„Die Frage der Unterschiede von Völkern und Rassen erfordert zunächst eine grundsätzliche Feststellung: Gerade in Deutschland haben wir aufgrund unserer historischen Schuld eine besondere Verpflichtung, von allen Denkstilen weiten Abstand zu halten, die irgendwie den Verdacht von Rassismus begründen oder gar in einen solchen münden könnten.“

Nach dieser zwischen Bekenntnis zu Toleranzgebot und Verhohnepiepelung von Rassismusverdacht flottierenden Einleitung ist in dann im folgenden Absatz klar Schluss mit lustig:

„Schon eine derartige Fragestellung reflektiert einen bestimmten Denkstil. Sie enthält eine Wertung, denn weshalb stellt man sonst so eine Frage!? Wer nach Unterschieden fragt, seien diese kulturell oder genetisch bedingt, zieht offenbar die Möglichkeit von Unterschieden in Betracht. Damit zeigt er bereits, dass er das falsche Bewusstsein hat und jedenfalls grundsätzlich die Möglichkeit nicht ausschließt, es könne gruppenspezifische Unterschiede zwischen Menschen geben. Damit ist er – moralisch gesehen – bereits Verräter an der Idee der Gleichheit und hat sich schon am Beginn seiner Forschungen unter die rassistischen Menschenfeinde eingereiht. Bei einer moralisch so abwegigen Fragestellung ist es auch ganz belanglos, was eine dermaßen fehlgeleitete empirische Forschung dann tatsächlich herausfindet.“ (S. 275)

Hier geht es unverkennbar um die Blamierung von für gewöhnlich ‚Gutmenschen‘ oder ‚Schönschreiber‘ genannten menschenfreundlichen Zeitgenossen. Dergleichen kann man in vielen rechtspopulistischen User-Einträgen kulturrassistischer Internet-Portale und erst recht bei der NPD (‚Wir sind das rechte Volk! ‘) ganz ähnlich lesen.

Die so vorgeführte Denkungsart wird aber im anschließenden, über ‚Tabuisierung‘ klagenden Kommentar (‚Die Wirklichkeit‘) nicht etwa in kritischer Distanzierung zurückgewiesen. Sie wird vielmehr durch die erwähnte ‚empirische Forschung‘ sogar indirekt bestätigt und noch um einschlägige Beispiele bereichert wie: „Aschkenasische Juden teilen die Neigung zu bestimmten Erbkrankheiten, darin unterscheiden sie sich von sephardischen Juden“. (S. 279). So betrachtet wirkt hier die Konfrontation von ‚Postulat‘ und ‚Wirklichkeit‘ letztlich wie eine kulturrassistische Legitimationsideologie im Sinne von Kurt Lenk.

Die Reihe der schiefen Interpretationen ließe sich bei Sarrazin lange fortsetzen. Dabei durchzieht die im dritten Akt besonders hervortretende Popanz-Technik der Argumentation in Wirklichkeit das ganze Buch: Gern wird dazu etwas im Argument völlig überzogen vorgeführt, aber mitunter so, dass dabei dann eben doch ein entscheidendes Quentchen Scheinwahrheit bleibt, das gängige Vorurteile und Fehleinschätzungen zu bestätigen tendiert.

Beispiel: Unter der Überschrift „Deutschsein, deutsche Kultur und Eigenart“ liest man die empörte Zurückweisung der – Goldhagen hin oder her – in der Tat abwegigen „These, es gebe etwas im deutschen Volkscharakter oder in der Essenz des Deutschtums, das linear zum Holocaust geführt habe.“ Aber schon die Begründung ist falsch, Deutschland sei schließlich „bis 1933 im Vergleich zu den anderen Völkern Europas weder besonders aggressiv noch besonders antisemitisch“ gewesen. Das mit der Aggressivität mag noch durchgehen, das mit dem vor 1933 kaum zunehmenden Antisemitismus sicher nicht.

Und weiter insinuiert der Möchtegern-Historiker Sarrazin in verschlagen raunender Stammtisch-Argumentation: „Die moralische Katastrophe und der Schrecken des Holocaust haben sich eben nicht gesetzmäßig aus der deutschen Geschichte entwickelt. Sie sind ein grauenhaftes Unikat, dessen Tiefendimension und dessen Erklärung man schlicht verfehlt, wenn man es essentialistisch mit deutschem Wesen und deutscher Geschichte verbindet.“ (S. 70)

Aber just das ist versehentlich die argumentative Bestätigung einer rechtspopulistischen Position, die Sarrazin mit diesen verräterischen Scheinargumenten von sich weisen will; denn ‚gesetzmäßig‘ aus der deutschen Geschichte und ‚essentialistisch‘ aus dem deutschen ‚Volkscharakter‘ sind Antisemitismus und Holocaust fraglos nicht zu erklären. Aber als „grauenhaftes Unikat“ wirkt der Holocaust dann doch mal wieder als ein in seiner „Tiefendimension“ schwer fassbarer, bedauernswerter Betriebsunfall der deutschen Geschichte – und genau das war er eben nicht.

Sarrazins ‚Tugendterror‘ verläuft sich am Ende, wie sein Beststeller ‚Deutschland schafft sich ab‘, in kulturpessimistischen Menetekeln von Niedergang und Schwund: Die Bevölkerung schrumpft, das Bildungssystem versagt, das Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft wird „von innen ausgehöhlt“ und der internationale Wettbewerb aus Fernost wird die erlöschenden deutschen Märkte übernehmen. In maximal einem Vierteljahrhundert kommt für ihn der Zeitpunkt, „an dem Deutschland trotz steigender Abgaben weder sein Sozialleistungsniveau aufrechterhalten noch das Rentenniveau sichern kann, aber das wird die Bio-Deutschen kaum noch treffen, weil ihre Zahl dann bereits stark schwindet.“ (S. 338) Abgang Deutschland.

Fazit
Sarrazins neues Buch ist bereichsweise flott geschrieben, aber meist arg über den belehrenden Zeigefinger des bildungsbürgerlichen Weltdeutungswissens gequält. Er selbst hat wenig hinzugelernt. Er bleibt seinen Leitargumenten starrsinnig treu, breitet ihr geistiges Fundament nur weiter aus und greift in wesentlichen Argumentationslinien auf seinen Bestseller ‚Deutschland schafft sich ab‘ zurück. Er unterfliegt aber dessen wenigstens gelegentlich noch tendenziell wissenschaftlich wirkendes Niveau in normativ-weltanschaulichem Feuilleton oder gar bloßem Meinen mit eingestreuten Zitaten.

Vieles liegt zwischen halbrichtig und halbfalsch, wird aber von der Warte höchster Weisheit aus formuliert. Das alles hellt wenig auf. Es bestärkt vielmehr in seiner Wirkung in der weiteren Öffentlichkeit möglicherweise viele Vorurteile und macht das neue Buch deshalb noch gefährlicher als es das alte war.

Anknüpfung suchte auch der Verlag an den Bestseller von 2010 und zwar an die dabei bewährten aggressiven Werbestrategien, die hier aber reichlich überzogen wirken: Der Verlag machte vorab in einem PR-Stakkato manieristisch Reklame mit Reklame und teilte dem Leser ‚top-aktuell‘ mit: „Das Buchereignis – Startauflage 100.000 – Große Pressekonferenz – Talkshow-Auftritte – Großes Medienecho – Wir werben in Frankfurter Allgemeine, Die ZEIT, Die Welt, Zeit Online…“ Merkwürdig für ein Buch, dessen rote Linie die wehleidige Klage des Autors über die Einschränkung seiner ‚Meinungsfreiheit‘ ist.

Die Werbestrategen glauben offenkundig, dass es zuhauf Käufer gibt, die von solchem Rummel angezogen werden, nach dem Motto: Was so aufwendig beworben wird, muss einfach gut sein. Es könnte sein, dass sie mit ihrer strategischen Kalkulation Recht behalten – wenn die in diesem Buch rundum geohrfeigten, erniedrigten und beleidigten Medien sich trotzdem auf eine ‚Sarrazin-Debatte II‘ einlassen.

  1. Thilo Sarrazin, Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, Deutsche Verlags-Anstalt, 397 S., München 2014.
  2. Klaus J. Bade, Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft‘, 400 S., Wochenschau-Verlag, Schwalbach / Ts. 2013. [18]
  3. Naika Foroutan, Korinne Schäfer, Coskun Canan, Benjamin Schwarze, Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand. Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland [19], Berlin 2010.
  4. Bade, Kritik und Gewalt, S. 237 [20]
  5. Sarrazin revidiert sich, in: sueddeutsche.de, 14.11.2010; vgl. Bade, Kritik und Gewalt, S. 65f., 69f., 76, 90, 97, 102, 220f.
  6. Helmut Schümann, Neues Sarrazin-Buch. Die Schublade des gefährlichen Schwachsinns [21], in: Der Tagesspiegel, 7.2.2014.
  7. Bade, Kritik und Gewalt, S. 115. [22]
  8. Ebenda, S. 201-213.
  9. Ebenda, S. 213f. [23]
  10. Ebenda, S. 214.
  11. Ebenda, S. 41-146, 213f. [24]
  12. Vgl. Bastian Wierzioch, Wir sind das rechte Volk – In Sachsen rekrutiert die NDP via Internet Normalbürger für ausländerfeindliche Demonstrationen [25], B5 aktuell, 2.2.2014.
  13. Über Broder s. Bade, Kritik und Gewalt, S. 115f., 130-136, 147f., 164, 178, 192-204, 247f., 258, 274-277. [26]
  14. Burkhard Ewert, Migrationsforscher Klaus Bade warnt vor Rassismus im Internet [27]. Interview in: Neue Osnabrücker Zeitung, 12.3.2013.
  15. Henryk M. Broder, Kelek, Broder und Giordano, in: Die Achse des Guten [28], 13.3.2013.
  16. Auswahl in www.kjbade.de [29] (‚Über Bücher von KJB‘).