„Sehr geehrter Herr Odabasi Ich weiss nicht ob ich ihren Namen richtig geschrieben habe. Ich konnte es nicht erkennen 30 Minuten intellektueller Dünpfiff von eitlen, selbstverliebten Dummschwätzern Cem Gülay war doch selber ein Straftäter, 100 Leute hat er zusammengeschlagen, Ich war eine Bestie, so seine Aussage (WDR) Wann machen sie einen Film über Deutschenfeindlichkeit und die deutschen Opfer? M.F.G.“
Dieser Brief lag eine Woche nach der TV-Premiere meines Films (93/13 – 20 Jahren nach Solingen) in meinem Postfach als einziger „Gegenwind“ zwischen dem ganzen Lob und Glückwünschen. Der Grund, weshalb ich mich jetzt damit auseinandersetze, ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass ich mit ähnlichen Aussagen oder Fragen bei meinen Filmaufführungen oder Gesprächen konfrontiert werden würde.
Der Film wurde im WDR, im Phoenix und in 21 verschiedenen Städten in Deutschland, in Wien und an fünf verschiedenen Schulen in NRW gezeigt. Das sind zumindest die Stationen, an denen ich selbst anwesend war.
Ich bin stolz. Aber nicht auf mich.
Ich bin stolz auf die Menschen in diesem Land, die dieses Projekt angenommen, unterstützt und gewürdigt haben. Sie sind Hoffnung und Motivation für mich.
Vor allem sind mir die Aufführungen in den Schulen in Erinnerung geblieben. Die Menschen, die meine Programme besucht haben, sind ja Personen, mit denen man sich in „Rassismus“fragen einig ist, sonst hätten sich diese nicht die Mühe gemacht, zu erscheinen.
Der Unterschied zu den Schulaufführungen lag darin, dass die Schüler „gezwungenermaßen“ mit dem Film konfrontiert wurden, weil es eine Pflichtveranstaltung war oder weil sie im Rahmen einer Projektwoche damit beschäftigt wurden. In Schulklassen mit wenigen oder keinen Schülern aus Einwandererfamilien kamen oft Aussagen wie: „Ja, und was ist mit Jonny K.?, der wurde aber von einem Türken totgetrampelt!?“ Briefe und Gespräche folgten, die in diese Richtung gingen.
Soll ich zwischen Mördern differenzieren?
Ich habe Verständnis dafür, wenn sich die deutsch-deutsche Gesellschaft nicht mit den Opfern von rassistischen Übergriffen identifizieren kann. Ich kann es auch verstehen, wenn sie sich nicht mit den Tätern identifizieren können. Aber weshalb fühlt man sich dann angegriffen?
Ich habe noch einige ganz andere Fragen, die dieses Problem aus meiner Perspektive beschreiben: Warum waren 80 % meiner Gäste auf der Kinopremiere Menschen mit einem Migrationshintergrund? Warum haben fast alle meiner Filmaufführungen Vereine oder Hochschulgruppen mit türkischen Vorsitzenden organisiert? Warum kam nur eine deutschsprachige Zeitung zu meiner Premiere, obwohl 5-6 eingeladen waren? Warum liefen meine Ausstellung und mein Film in einem Fernsehmagazin für junge Menschen mit Migrationshintergrund? Weshalb sitzen in Multikulti-Vereinen, Freundschaften oder Plattformen, ausschließlich Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte? Warum organisieren die ganzen Vereine und Gemeinden Feste, Begegnungen und Tag der offenen Türen, wenn sowieso nur die Menschen dieser Gemeinde dahin gehen? Diese Liste könnte unendlich lang werden.
Meine Kernfrage ist: Wie kann ich ein Teil von dir sein, geliebtes Deutschland? Ohne Klammer auf, Klammer zu, ohne Nebensatz. Einfach nur ein Teil.
Ich habe selbst so viel Ungeklärtes in meinem Sinn und werde trotzdem auf die Frage im Brief eingehen. „93/13 – 20 Jahre nach Solingen“ ist nicht einmal ein Film über „Türkenfeindlichkeit“. Der dritte Satz im Film. Schon nach 30 Sekunden sage ich: „Wenn du glaubst, dass ich dir eine Geschichte erzähle, in der Deutsche Türken töten oder Türken Deutsche jagen, dann…, dann hast du dich geirrt.“
Aber, wenn Sie so scharf darauf sind zu differenzieren: Es hätte sehr wohl ein Projekt über die „Deutschenfeindlichkeit“ sein können, wenn Sie die Verstorbenen in Solingen und die Toten der NSU Morde als Deutsche akzeptiert hätten. Es liegt also eher im Auge des Betrachters.
Leider sind Menschen Ihrer Gesinnung damit beschäftigt Videos und Artikel bei Facebook zu teilen, für die es wichtig ist zwischen Täter und Täter mit Migrationshintergrund zu unterscheiden. Menschen Ihrer Art sind mit den schlechten Deutschkenntnissen von Mevlüde Genç beschäftigt. Es ist nicht ihre Aufgabe, gut Deutsch zu sprechen. Es ist meine Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, Menschen zu erziehen, die die Gefühle einer ganzen Generation übersetzen. Auf eigene Kinder mit Stolz zu blicken. Sie hat diese Kinder, die sie erzogen hätte, in den Flammen des Hasses verloren.
Deshalb übernehme ich diese Rolle.
Bei unserem gemeinsamen Interview also, sagte sie mir: „Almanya bizim memleketimiz“. Vielleicht drei Mal, vielleicht vier Mal. Das bedeutet übersetzt: „Deutschland ist unsere Heimat“.
Haben Sie noch Fragen? Ich habe eine ganze Menge.