PISA 2013

Migranten holen auf, soziale Ungerechtigkeit bleibt ein Problem

Schüler in Deutschland holen im internationalen Vergleich auf. Migranten in Deutschland schneiden ebenfalls besser ab. Dennoch: Herkunftsorientierte Leistungsbeurteilungen und soziale Ungerechtigkeit sind ein Dauerproblem.

Schüler in Deutschland liegen mit ihren Leistungen im internationalen Schulleistungstest PISA das erste Mal in allen Bereichen deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Das Programme for International Student Assessment (PISA) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung überprüfte 2012 zum fünften Mal die Fähigkeiten 15-Jähriger in Lesen, Naturwissenschaften und Mathematik. Dabei bildete Mathematik den Schwerpunkt der aktuellen Erhebung.

Mit durchschnittlich 514 Punkten erzielten die Schüler hierzulande in Mathematik 20 Punkte mehr als der OECD-Durchschnitt, sie haben also einen Vorsprung von etwa einem halben Schuljahr. Im Vergleich zu 2003 hat sich das Ergebnis um elf Punkte verbessert. Vor allem leistungsschwache und sozial benachteiligte Schüler schnitten 2012 um Einiges besser ab, als noch 2003.

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Soziale Ungerechtigkeit bleibt ein Problem
Im Jahr 2000 gehörte Deutschland im Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit in der Bildung noch zu den am schlechtesten abschneidenden OECD-Ländern. 2012 hatte Deutschland nach dieser Messgröße ungefähr das OECD-Durchschnittsniveau erreicht; die Schülerleistungen konnten in Mathematik nur noch zu 17 % auf den sozioökonomischen Hintergrund der Schüler zurückgeführt werden, 2003 lag der Anteil noch bei 24 %.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass ein sozioökonomisch bessergestellter Schüler in Mathematik durchschnittlich 43 Punkte mehr als ein weniger begünstigter Schüler erzielt. Im OECD-Durchschnitt beträgt die entsprechende Leistungsdifferenz 39 Punkte, was einem Vorsprung von einem Schuljahr entspricht.

Migranten holen auf
Ein ähnliches Bild bietet sich für Schüler mit Migrationshintergrund: Lagen ihre Matheergebnisse im Jahr 2003 noch 81 Punkte unter denen von Schülern ohne Migrationshintergrund, so verringerte sich der Abstand 2012 auf 54 Punkte, was knapp anderthalb Schuljahren entspricht. Allerdings verfehlen 31 % der in Deutschland geborenen Jugendliche aus Migrantenfamilien in Mathematik das Grundkompetenzniveau 2. Der Anteil ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (14 %).

Für den weltweiten Koordinator der Pisa-Studien bei der OECD, Andreas Schleicher, werden viele dieser Schüler aber schon aufgrund ihrer Herkunft unterschätzt. „Die soziale Ungerechtigkeit hängt in Deutschland stärker mit der Einschätzung der Lehrer zusammen als mit den Leistungen“, meint er im Gespräch mit der Deutsche Welle.

Migranten sozioökonomisch benachteiligt
Zu berücksichtigen ist allerdings, dass Schüler mit Migrationshintergrund im Vergleich zu ihren Mitschülern ohne Migrationshintergrund sozioökonomisch benachteiligt sind. Berücksichtigt man den sozioökonomischen Hintergrund sinkt der Leistungsvorsprung der Schüler ohne Migrationshintergrund auf weniger als die Hälfte (25 Punkte).

Die Studie stellt Deutschland dennoch ein gutes Zeugnis aus: „Die seit 2001 verabschiedeten Reformen zur Förderung von Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit hatten in Deutschland offenbar einen positiven Effekt auf die Leistungen der Schüler mit Migrationshintergrund.“ Deutschland sei neben Mexiko und der Türkei das einzige Land, das es seit 2003 geschafft hat, sowohl seine Ergebnisse in Mathematik zu verbessern als auch die Chancengleichheit bei der Bildung zu erhöhen.

Download: Das Programme for International Student Assessment (PISA) ist die internationale Schulleistungsstudie der OECD. PISA untersucht, inwieweit Schüler gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit Kenntnisse und Fähigkeiten erworben haben, die es ihnen ermöglichen, an der Wissensgesellschaft teilzuhaben. Schwerpunkt der jüngsten Erhebung ist Mathematik. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse gibt es hier [1].

Lesen und Naturwissenschaften
In Lesen erzielten die Schüler in Deutschland im Durchschnitt 508 Punkte. Dies ist mehr als der OECD-Mittelwert (496) und setzt das Land in eine Liga mit Belgien, China, den Niederlanden oder auch der Schweiz. Erfreulich aus deutscher Sicht ist: Deutschlands Durchschnittsergebnis beim Lesen hat sich seit dem ersten PISA-Test stetig verbessert, von 484 im Jahr 2000 auf 496 im Jahr 2009, als der Schwerpunkt auch auf der Lesekompetenz lag. Wie in der Mathematik holten vor allem die leistungsschwachen Schüler auf.

Auch der deutsche Durchschnittswert in Naturwissenschaften lag mit 524 Punkten über dem OECD-Mittel von 501 Punkten. Diese Ergebnisse sind vergleichbar mit jenen in Australien, Irland, Liechtenstein, den Niederlanden und Polen. Auch hier hat sich das Land seit dem ersten Mal beständig verbessert: Im Jahr 2006 kamen die Schüler nur auf 516 Punkte.

Internationale Ergebnisse
International sind ostasiatische Länder die klaren Spitzenreiter bei PISA 2012. Unter den Top-Ten bei Mathematik finden sich sieben Länder und Gebiete aus Asien. Die mit Abstand höchste mittlere Punktzahl (613) verzeichnet Shanghai – hier sind die Schüler den Gegenwert von fast drei Schuljahren besser als ihre Altersgenossen im OECD-Durchschnitt. Zur Spitzengruppe gehören aber auch andere chinesische Gebiete, Singapur, Korea und Japan. In Europa belegen Liechtenstein und die Schweiz die vorderen Plätze.

Zwischen den mittleren Ergebnissen der besten und der schlechtesten Länder liegen in Mathematik 245 Punkte, also das Äquivalent von sechs Schuljahren. Noch größer als die Unterschiede zwischen den Ländern sind in der Regel jene innerhalb der Länder. Häufig trennen die besten und die schlechtesten Schüler eines Landes 300 Punkte und mehr. PISA 2012 zeigt erneut, dass sich gleiche Bildungschancen und exzellente Ergebnisse nicht ausschließen. In den meisten ostasiatischen Ländern, aber auch in Australien, Kanada, Estland, Finnland und Liechtenstein haben Schüler aus benachteiligten sozialen Schichten ähnlich gute Ergebnisse wie sozio-ökonomisch begünstigte Schüler.

Spitzenländer legen Wert auf Lehrerausbildung
Wie die Studie belegt, haben viele der erfolgreichsten Bildungssysteme eine Reihe von Eigenschaften gemein. So legen die Spitzenländer großen Wert auf die Auswahl und Ausbildung ihrer Lehrer. Sie investieren in die Qualität der Lehrkräfte, die Klassengröße spielt eher eine untergeordnete Rolle. Lehrer in diesen Ländern werden ermuntert, zusammenzuarbeiten, sie erhalten klare Zielvorgaben, haben dann aber viel Autonomie bei der Umsetzung.

Auch die Einstellung der Eltern beeinflusst die Lernerfolge der Kinder. Schüler, deren Eltern hohe Erwartungen in sie setzen, schneiden beim PISA-Test besser ab als jene, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen, deren Eltern aber weniger ehrgeizig sind: Sie strengen sich mehr an, sind motivierter und in Bezug auf ihre Fähigkeiten selbstbewusster. Wichtig ist laut Studie auch die Lernkultur. „In manchen Ländern sind die Schüler davon überzeugt, dass Erfolg hauptsächlich aus Anstrengung und Arbeit erwächst, nicht aus vermeintlich vererbter oder nicht vererbter Intelligenz“, heißt es darin. Diese Überzeugung helfe ihnen dabei, hohe Leistungen zu erringen und ihr Potenzial vollauf zu nutzen. (sb)