Etliche Beschwerden

EU-Kommission nimmt Bundesregierung wegen Visa-Wartezeiten ins Visier

Deutschland könnte bald ein EU-Vertragsverletzungsverfahren ins Haus flattern. Wie aus einem Schreiben der EU-Kommission hervorgeht, liegen etliche Beschwerden von Reisenden über erhebliche Visa-Wartezeiten in den deutschen Auslandsvertretungen vor.

Verwundert reibt sich Ahmet* die Augen. Er hält ein Ablehnungsschreiben der deutschen Botschaft in Ankara in den Händen. Darin steht, dass seine Mutter kein Besuchervisum erhält, weil unklar sei, wann sie ein- und ausreisen wird. Vorsichtshalber schaut Ahmet noch einmal auf das bereits gebuchte und bei der Botschaft eingereichte Flugticket. Dort sind sowohl Ankunft als auch Abflug klar und deutlich dokumentiert. Er ist und fassungslos.

Zeit für ein klärendes Gespräch oder eine schriftliche Remonstration hat seine 69jährige Mutter nicht mehr. Die Hochzeit seiner Tochter wird damit wohl ohne die Oma stattfinden müssen. Dabei hatten er und seine Mutter sich viel Mühe gegeben bei der Antragstellung, mehrere Bürgschaftserklärungen, Verdienstnachweise, ärztliche Atteste, die belegen, dass die Mutter kerngesund ist, hatten sie ihrem Antrag beigelegt. Alles umsonst.

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Kein Ausnahmefall
Ahmet uns seine Mutter sind kein Ausnahmefall. Antragsteller in anderen Ländern müssen statistisch gesehen viel häufiger mit einer Ablehnung rechnen [1] – aus welchen Gründen auch immer -, längere Reisen bis zur nächsten Botschaft auf sich nehmen und in der Regel auch viel länger warten [2], ehe sie überhaupt einen Termin bei einem der deutschen Auslandsvertretungen bekommen.

In Kairo etwa müssen Deutschlandbesucher durchschnittlich 66 Tage warten, in Kiew 42 Tage und in Peking fast vier Wochen. Das verstößt gegen den europäischen Visa-Kodex. Danach müssen Antragssteller innerhalb von zwei Wochen einen Termin bekommen. Und weil Deutschland diese Frist häufig nicht einhalten kann, hat die EU-Kommission unter anderem gegen Deutschland ein Pilotverfahren eröffnet, eine Vorstufe zu einem möglichen Vertragsverletzungsverfahren.

Etliche Beschwerden
In einem Schreiben an die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen (Die Linke), die sich nach mehreren mahnenden Anfragen an die Bundesregierung schließlich an die Kommission gewandt hatte, teilt die Kommission mit: „Der Kommission liegen über Ihre Beschwerde hinaus etliche ähnliche Beschwerden von Drittstaatsangehörigen, EU-Bürgern und Behörden von Drittländern über erhebliche Verzögerungen betreffend die Vereinbarung eines Termins für die Beantragung von Schengen Visa in einigen konsularischen Vertretungen (Visumstellen) der Mitgliedstaaten vor.“

In dem Schreiben bestätigt die Kommission zudem, was Dağdelen der Bundesregierung mehrfach vorgetragen hat: dass „systematische Wartezeiten von mehr als zwei Wochen, denen sämtliche Visumantragsteller im Laufe des Jahres oder in bestimmten Perioden des Jahres“ ausgesetzt sind, einen Verstoß gegen EU-Recht darstellen und „nicht hinnehmbar“ sind.

Verbotene Privatisierung auf Kosten von Reisenden
Nicht erlaubt ist laut EU-Kommission auch die mittlerweile gängige Praxis, das Visumverfahren an externe Dienstleister auszulagern. In ihrem Schreiben teilt die Kommission mit, dass eine solche Auslagerung aufgrund zusätzlicher Kosten für die Reisenden nur „aufgrund besonderer Umstände“ erlaubt ist und „als letztes Mittel“ eingesetzt werden dürfen. In China, Russland, der Ukraine oder der Türkei ist das aber die Regel mit der Folge, dass Antragssteller zu den Visagebühren zusätzlich 20 Euro für den externen Dienstleister zahlen müssen.

Die Bundesregierung betreibe die Teil-Privatisierung des Visumverfahrens ohne Not und quasi aus Prinzip, kritisiert Dağdelen. „Es ist ein Skandal, wenn auf offiziellen Internetseiten deutscher Auslandsvertretungen der Eindruck erweckt wird, Visaanträge müssten grundsätzlich über die privaten Dienstleister eingereicht werden und zugleich verschwiegen wird, dass nach EU-Recht eine kostenlose Antragstellung innerhalb von zwei Wochen in den Visastellen weiterhin immer möglich sein muss“, so die Linkspolitikerin weiter.

Irreführende Informationen
Eine stichprobenartige Recherche im Internet zeigt tatsächlich, dass nicht wenige deutsche Vistastellen die Reisenden in die Irre führen. In der Türkei etwa [5] werden sie nicht einmal darauf hingewiesen, dass die Antragstellung weiterhin ohne Zusatzkosten direkt in den Visastellen möglich ist. Auch in einem verlinkten Hinweisblatt [6] wird zunächst der Eindruck erweckt, die Inanspruchnahme des externen Dienstleisters sei zwingend. „Alle Anträge für Schengenvisa sind grundsätzlich in den Büros der Firma iDATA zu stellen“, heißt es dort. Nur mit viel Glück entdeckt der Reisende den versteckten Hinweis ganz weit unten, dass ein Antrag auch direkt bei der Botschaft gestellt werden kann.

Wenn Ahmet Glück hat, kann seine Mutter die Familie in Deutschland – es wäre das erste Mal seit Ahmet vor 47 Jahren nach Deutschland gekommen ist – zu einem späteren Zeitpunkt besuchen, sofern die Fluggesellschaft das hart ersparte Flugticket zu einem hoffentlich geringen Aufpreis umbucht. Zuvor müssen Ahmet und seine Mutter aber eine Remonstration schreiben oder gleich einen neuen Antrag stellen.

Immer mittwochs zwischen 13 und 14 Uhr
Glücklicherweise wohnt die Mutter in Ankara und hat damit vergleichsweise günstige Rahmenbedingungen. Sie kann sich telefonisch einen Termin geben lassen. In Istanbul müsste die 69jährige dafür persönlich Schlange stehen. Dort werden die Termine auch „direkt in der Visastelle“ vergeben, heißt es im Hinweisblatt der Botschaft – mittwochs zwischen 13 und 14 Uhr. Oder sie wendet sich gleich an den externen Dienstleister und packt mehr Geld ein. (es)

* Name geändert