Meine Wahl 2013

Raus aus Deutschland – auf nach Istanbul

Wenn man in die richtigen Kreise geboren wird und nicht jemand ist, der aneckt, und dazu noch am besten seine Herkunft, seine kulturellen Wurzeln quasi leugnet; dann kann man sich auch in Deutschland als Künstler mit türkischen Wurzeln wohl durchaus gut entfalten. Ich erfülle all diese Voraussetzungen nicht.

In den 80er, 90er und 2000er Jahren wurden hunderttausende junger Menschen in Deutschland aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert. Sie wurden in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt und ausgegrenzt. Zahlreiche Möglichkeiten, die diese Gesellschaft jungen Menschen bietet, wurden ihnen vorenthalten. Kulturell bedingte, von der „allgemeinen Norm“ abweichende Verhaltensweisen wurden von weiten Teilen der Gesellschaft, ohne sie zu verstehen, als schlecht oder schädlich bewertet.

Fast alle diese jungen Menschen hatten einen schlechteren Zugang zu guter Bildung und zu angemessener Förderung ihrer Begabungen. Sie bekamen viel schwerer eine Wohnung, die ihnen gefiel oder einen Arbeitsplatz, der sie erfüllte. Sie wurden oft wegen kleinster Vergehen wie Kriminelle behandelt. Den meisten von ihnen wurde sehr oft im Leben von verschiedensten Behörden oder staatlichen Vertretern das Gefühl vermittelt, nicht erwünscht zu sein. Vielen von ihnen sagten Beamte und andere Personen des Öffentlichen Dienstes ganz offen und direkt, dass sie hier „nur Gäste“ seien und sich auch gefälligst so verhalten sollten.

___STEADY_PAYWALL___

Menschen, die hier geboren waren. Menschen, deren Heimat Deutschland war und ist. Viele von ihnen wurden in ihrem Leben dutzende Male kontrolliert, einfach so. Ohne Grund wurden Ausweispapiere usw. überprüft. Ein Großteil dieser jungen Menschen wurde aufgrund äußerlicher Merkmale häufig beleidigt. Viele wurden grundlos beobachtet, abgehört oder schikaniert. Einige wurden, obwohl schon in Handschellen brutal von Beamten geschlagen … und einige wenige wurden sogar von kranken und dem Staat bekannten Rassisten getötet …

Insbesondere seit dem 11. September 2001 haben vor allem auch die Medien durch ihre häufig spaltende und zu großen Teilen undifferenzierte Berichterstattung dazu beigetragen, dass in der deutschen Gesellschaft ein leises, manchmal auch schweigendes, aber dennoch unübersehbares Misstrauen gegenüber vor allem jungen Menschen islamisch-orientalischer Herkunft aufgebaut wurde.

Deutlich wird dies nicht zuletzt durch die Tatsache, dass ein Buch, dass die Einzigartigkeit jedes Menschen außer Acht lässt und mit Statistiken und Zahlen ein Gefühl der Angst, ja der existenziellen Bedrohung der eigenen Kultur hervorruft, zum meist verkauften Buch der Nachkriegsgeschichte avancierte. Betroffen von diesem Misstrauen und der abneigenden Haltung vieler Biodeutscher waren und sind absurderweise auch oft diejenigen, die gar keinen islamischen Hintergrund haben, aber aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale einfach als Kollateralfälle mitausgegrenzt wurden.

Trotz alledem hat ein bedeutend grosser Teil dieser jungen Menschen es geschafft, die Vorteile und Schönheiten dieses Landes für sich zu nutzen, sich zu entwickeln, eine dieser Gesellschaft zu gute kommende Existenz aufzubauen und dieses Land zu ehren. Dennoch kehren insbesondere gut ausgebildete Menschen türkischer Herkunft seit einigen Jahren immer öfter ihrer Heimat Deutschland den Rücken zu. Sie sind es leid, tagtäglich diskriminiert und ausgegrenzt zu werden und viel schlechtere Chancen zu haben, gesellschaftlich aufzusteigen als Biodeutsche mit gleichen Fähigkeiten.

Es ist der aus einem Obrigkeitskomplex gepaart mit einem tief sitzenden Rassismus resultierende Neid einer deutschen Elite, die es nicht wahrhaben kann, dass es auch mal Kinder von Taxifahrern aus Jugoslawien, Näherinnen aus Afrika oder Fabrikarbeitern aus Anatolien sein können, die geistig weitaus höhere Leistungen zu vollbringen imstande sind als ihre eigenen „Herrenkinder“, welcher diese hochqualifizierten jungen Menschen nichtdeutscher Herkunft aus Deutschland wegtreibt.

Zu meiner großen Enttäuschung muss ich übrigens feststellen, dass im Wahlkampf der vergangenen Wochen all diese Themen kaum oder nur sehr oberflächlich behandelt wurden.

Ich persönlich habe als taxifahrender Pianist und Komponist in den vergangenen 12 Jahren über 120.000 km im Taxi zurückgelegt, mehr als 20.000 Menschen befördert und parallel dazu dutzende Meisterwerke der Klavierliteratur einstudiert und viele eigene Werke komponiert. Die letzten 6 Jahre war ich zudem Hartz-4-Empfänger und musste alle möglichen behördlichen Entwürdigungen über mich ergehen lassen. Ich habe im Durchschnitt kaum mehr als 5 Stunden geschlafen in den vergangenen Jahren und empfinde es deshalb als geradezu zynisch, wenn ich Politiker sagen höre, dass sich Leistung ja weiterhin auch lohnen soll in Deutschland. Und dieses ständige Gerede darüber, wie gut es uns doch allen hier geht, trotz weltweiter Wirtschaftskrisen usw….

Ja, wahr ist wohl, dass keiner hungert oder auf der Straße schlafen muss hierzulande, aber es ist doch verlogen, das Wohlergehen von Menschen nur anhand ihrer materiellen Grundversorgung zu bemessen. Die Zahl der Menschen, die zwar einen guten Job haben und materiell abgesichert sind, aber dennoch unter Depressionen leiden, ist erschreckend hoch in Deutschland. Warum wird dies so bewusst ausgeblendet? Warum spricht kaum jemand über die psychischen und sozialen Bedürfnisse von Menschen, die ebenso Voraussetzung für eine erfüllte und glückliche Existenz sind wie materielle Sicherheiten? Millionen von Menschen flüchten in ihrer Einsamkeit in Alkohol und Drogen oder brauchen ständig wechselnde Sexualpartner, um die Sinnlosigkeit ihres Daseins bloß nicht in ihr Bewusstsein rücken zu lassen. Millionen von Menschen leben in Angst um ihren Arbeitsplatz oder leiden unter dem ständigen Druck, dem sie durch das JobCenter ausgesetzt sind.

Wenn man in die richtigen Kreise geboren wird und nicht jemand ist, der aneckt, und dazu noch am besten seine Herkunft, seine kulturellen Wurzeln quasi leugnet; dann kann man sich auch in Deutschland als Künstler mit türkischen Wurzeln wohl durchaus gut entfalten. Ich erfülle all diese Voraussetzungen nicht und ziehe nun die notwendigen Konsequenzen daraus, um in einem Umfeld leben zu können, in welchem man mir den selben Respekt und das selbe Vertrauen entgegenbringt, das auch ich meinen Mitmenschen stets entgegengebracht habe und auch weiterhin entgegenbringen werde.

Daher heißt meine persönliche Wahl 2013: Raus aus Deutschland und auf nach Istanbul. Mein Traum ist es, eines Tages auch in Deutschland als der Mensch wahrgenommen zu werden, der ich bin.