Klischees

Von einer starken Frau und einer schwachen Gesellschaft

Eine muslimische Frau sitzt zu Hause und kocht und betreut die Kinder. Der Mann – natürlich ein Patriarch und Macho – geht arbeiten. So stellt man sich eine typisch muslimische Familie vor. Die Realität hingegen kann ganz anders aussehen.

Dank prominenter Persönlichkeiten wie Sarrazin oder Buschkowsky werden wir immer wieder daran erinnert, was Menschen aus der muslimischen Welt, falsch gemacht hätten, und warum sie eigenverschuldet im Abseits lebten. Beispiele werden zahlreich genannt. Ganze Stadtteile – nein, ein ganzes Land – sei mehr oder weniger aufgrund ihres Unvermögens zum Scheitern verurteilt.

Auch in der Politik hieß es immer wieder, Zuwanderer und insbesondere Muslime lebten zu oft in „tradierten, patriarchalisch geprägten Partnerschaften“. 1 [1] Die Rede ist hier vom muslimischen Macho. Ein Bild, das wir unlängst als etabliert bezeichnen können (siehe als Beispiel die jüngst herausgegebene Kolumne auf Spiegel Online [2]. 2 [3] Zu erinnern ist auch an die in den Medien viel beachtete Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. von 2010, dessen methodische Vor¬geh¬ens¬weise nicht unumstritten war. 3 [4]

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Weniger dokumentiert als der muslimische Macho ist jedoch, dass die Zeiten heute ganz andere Geschichten schreiben, als der Mainstream vielleicht glauben möchte. Dass die Rollenverteilung auch in muslimischen Familien längst nicht mehr das Gleiche ist wie vor 50 Jahren,– wenngleich es wohl auch niemals so war, wie es ihnen nachgesagt wurde – gerät in den Hintergrund.

Verallgemeinerungen reichen längst nicht mehr, um der Komplexität und Vielschichtigkeit einer Einwanderungsgesellschaft gerecht zu werden. Sondern es sind die vielfältigen Familienkonstellationen, die zeigen, dass Klischees moderner Familien längst nicht mehr gerecht werden.

So wie das folgende Beispiel einer Deutsch-Amerikanerin, dass deutlich zeigt, das sowohl die eigenen Lebensentwürfe vielfältig sind als auch die gesellschaftlichen Umstände, in denen wir heute leben:

Jasmin Franklins 4 [5] Mutter ist Deutsche; ihr Vater ist Amerikaner. Sie selbst ist sowohl in den USA als auch in Deutschland aufgewachsen. Ihr Abitur hat sie an einem evangelischen Internat in Süddeutschland gemacht. In dieser Zeit bekam sie eine Tochter. Nach der Schulzeit wollte sie wieder zurück in die USA, um dort zu studieren.

Doch es kam anders. Da sie von ihrer Familie keine Unterstützung erhielt, war sie gezwungen, die kostspieligen Gebühren an der amerikanischen Universität selber zu finanzieren. Doch Arbeit und Studium konnte die alleinerziehende Mutter nicht vereinbaren. Sie geriet an ihre Grenzen und kam zurück nach Deutschland. In Bremen begann sie einen Neustart. Sie nahm ein Studium in Kulturwissenschaften auf und lernte hier ihren Mann kennen. Das erste Buch, mit dem sie sich während ihres Studiums beschäftigte, war der Koran. Sie konvertierte zum Islam. Ihr Mann ist ebenfalls muslimischen Glaubens und ist vor rund 25 Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen.

Sie gehört zu den Frauen, die sich für Familie und Karriere entschieden haben. Bereits während ihres Studiums bekam sie zwei weitere Kinder. Ihr Mann unterstützte sie von Beginn an und gab ihr die Möglichkeit, sich auf das Studium zu konzentrieren. Dafür kümmert er sich bis heute als Hausmann um die Kinder. Seine Unterstützung hat sie also.

Wie selbstverständlich ist sie diejenige, die die Entscheidungen für die Familie trifft. Sie gibt die Richtung an. Ihr Mann stand immer über seiner Rolle als Hausmann. Wenn Freunde ihn ansprachen, Kinderbetreuung sei nicht seine Aufgabe, wiegelte er ab. Die Betreuung der Kinder war so gesichert, jedoch hat diese Aufgabenverteilung einen ernsten Hintergrund. Jasmins Ehemann hat den Arbeitsmarkt aufgegeben. Er wollte zwar immer einen Schulabschluss nachholen, selber eine Ausbildung machen. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt, seine Arbeitsverhältnisse waren stets prekär. Daher entschieden sie sich, in ihre Ausbildung zu investieren.

Dabei war der Weg ins Berufsleben auch für Jasmin schwierig. Als sie sich für ein Pflichtpraktikum bei jeglichen Goethe-Instituten und anderen Einrichtungen in Deutschland bewarb, erhielt sie nur Absagen. Sie vermutet, es läge vielleicht an ihrem Hijab. Die Suche empfand sie als Tortur. Das Gleiche galt für ihre Kommilitoninnen, die einen Hijab trugen. Einige von ihnen mussten deswegen sogar ihr Studium abbrechen, da sie das Pflichtpraktikum nicht absolvieren konnten.

Jasmin hingegen entschied sich, es im Ausland zu versuchen. Zunächst in Marokko, wo das Goethe-Institut ihr auch eine Absage erteilte, da sie keine Deutsch-Muttersprachlerin sei. In Abu Dhabi bekam sie endlich den erhofften Praktikumsplatz.

Die Kontakte, die sie sich 2009 in den Emiraten aufgebaut hat, konnte sie glücklicherweise bis nach dem Studium aufrechterhalten. Denn nach längerer Zeit der Suche kam ein Jobangebot aus Abu Dhabi von einer Firma für interkulturelle Kommunikation, für die sie nun seit Kurzem arbeitet. Ihre Kinder und ihr Mann werden im Sommer nachkommen.

Zurück nach Deutschland wolle sie nicht mehr. Wenn es in Abu Dhabi nicht weiter ginge, würde sie eher in den USA leben wollen. Die schlechten Erfahrungen, die sie bei der Praktikumssuche gemacht hat, wolle sie nicht noch einmal erleben. Sozialleistungen wolle sie auch nicht mehr annehmen, sondern ihre Qualifikationen nutzen und ein Vorbild für ihre Kinder sein. Aber zunächst hofft sie, in Abu Dhabi bleiben zu können, denn hier fühlt sie sich bisher am wohlsten. All die Schwierigkeiten, die sie bisher hatte, möchte sie hinter sich lassen. Jasmins Leben ist von vielen Faktoren geprägt. Die Ausgangslage machte es nicht einfach, ein Leben zwischen den USA und Deutschland, kaum Unterstützung vom Elternhaus. Später der Balanceakt zwischen Studium und Kindern. Dann der schwierige Einstieg ins Berufsleben, der ihr in Deutschland verschlossen blieb. Als Ausweg die Auswanderung.

Deutlich wird hier, dass anders als die Islam-Macho-Theorie verheißen mag, die Widerstände für Jasmin aus einer ganz anderen Richtung kamen.

  1. Vgl. Naika Fourotan (Hrsg.) (Dez. 2010). „Sarrazin Thesen auf dem Prüfstand [8]“, S. 11.
  2. Jan Fleischhauer, „S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal: „Sag das Wort nicht““. Artikel vom 25.04.2013, Spiegel Online. Der Autor berichtet hier von seinem Kommentar auf einem von der taz organisierten Kongress: „Ich habe nur gewisse Zweifel, dass wir an der Sexismusfront wirklich weiter kommen, wenn in unserem Fall an die Stelle des weißen Mittelschichtsmannes sein türkischer, arabischer oder indischer Kollege tritt.“ [9]
  3. Dirk Baier, Christian Pfeiffer, Susann Rabold, Julia Simonson, Cathleen Kappes (2010). „Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum. Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN“. Forschungsbericht Nr. 109 [10], S. 126, 131, 322. In dem Bericht ist wird die Bereitschaft zu Gewalt in Verbindung mit „der muslimischen Machkultur“ gebracht.
  4. Name geändert [11]