Kino

Canim Kreuzberg

„Canim Kreuzberg“ – in zwei Kurzfilmen, bestehend aus „Kiymet“ und „Bastarde“, erklären die beiden Regisseurinnen Canan Turan und Aslı Özarslan ihre Liebe zu Kreuzberg. Kinostart: 23. Mai. Pervin Temiz hat sich den Film vorab für MiGAZIN angeschaut.

Kreuzberg ist ein Ortsteil Berlins, wohin viele Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren hinzogen und dort seit Jahrzehnten in großer Zahl leben. Die Inspiration zum Filmtitel war das Gedicht „Canim Istanbul“ von Necip Fazil Kısakürek über seine Liebe zu Istanbul.

Kiymet
Den Auftakt macht Canan Turan mit „Kiymet“ – das bedeutet im Deutschen „Wert“. Anders als erwartet beginnt der Film nicht in Berlin, sondern in „Vakıf“, einem kleinen Küstendorf an der türkisch-thrakischen Mittelmeerküste. Die Filmemacherin besucht hier ihre Großmutter Kiymet, die dem Kurzfilm ihren Namen gibt. Abwechselnd mit Aufnahmen über das idyllische Leben im Dorf erzählt Kiymet Özdemir ihrer Enkelin ihre Geschichte.

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Im Zuge des Gastarbeiter-Programms wanderte sie damals mit ihrem Ehemann als Ausweg aus der politischen Verfolgung nach Deutschland aus. Das Paar lässt sich in Berlin-Kreuzberg nieder. Sie erzählt ihrer Enkelin von ihrem Leben mit ihrem gewalttätigen Mann, über ihre Rolle als Mutter, Arbeiterin und auch Aktivistin. So setzte sie sich für die Rechte der türkischen Gastarbeiter, für diskriminierungsfreie Bildung und gegen Rassismus ein.

Nach vielen Jahren kehrt Kiymet Özdemir in ihr Heimatdorf zurück und verlässt ihren Ehemann unter dem sie viel gelitten hat. „Die Natur hier ist schön“, erklärt sie, „Ich liebe es in meinem Garten zu arbeiten und Dinge wachsen zu sehen.“ Mit ihrer Enkelin reist sie wieder nach Kreuzberg, wo ihre Kinder und Enkel leben. Hier kommen alte Erinnerungen hoch. Am Ende des Films kehrt Kiymet wieder in ihr Dorf zurück. Dort ist der Ort, wo sie ihren Frieden letztendlich gefunden hat. Anders als ihre Enkelin Canan. „Kreuzberg“, sagt sie, „ist mein Zuhause.“

Bastarde
Im zweiten Kurzfilm „Bastarde“ von Aslı Özarslan wird ein etwas anderer Kampf um Gleichberechtigung gezeigt – auf der Bühne. Hier wird das Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg vorgestellt. Das Ballhaus versteht sich selbst als postmigrantisches Theater. In den Inszenierungen geht es vorwiegend, so Chefdramaturg Tuncay Kulaoğlu, um die „Migration danach“, d.h. um die Menschen aus der zweiten, dritten und vierten Generation, die noch immer ihren Platz in der deutschen Gesellschaft suchen. Migrationsthemen spielen in fast allen Stücken eine Rolle, für die im tradierten deutschen Theater kein Platz ist.

Die dokumentarischen Kurzfilme sind jeweils 25 Minuten lang. Premiere ist am 23. Mai im ältesten Kino Deutschlands, das Moviemento, in Berlin-Kreuzberg. Weitere Infos gibt es hier [3].

Im Kurzfilm werden exemplarische Stücke des Ballhaus vorgestellt. Künstler, so etwa Neco Çelik und Nurkan Erpulat, sowie die Leiterin, Shermin Langhoff, kommen zu Wort und erzählen von ihrer Arbeit im interkulturellen Theater. Das Logo ist ein schwarzer Straßenköter. „Straßenköter, auch Mischlinge oder Bastarde genannt, sind immer präsent im öffentlichen Leben, werden aber ausgestoßen“, erklärt Tuncay Kulaoğlu die Wahl des Logos. „Sie überleben aber trotzdem.“ So stellen sich die postmigrantischen Kreativen im Ballhaus als selbstbewusste „Kanaken“ oder „Bastarde“ auf die Bühne und inszenieren ihre Lebenswelt.