Mein Dank gilt...

Diskussion über Alltagsrassismus endlich entfacht

Endlich ist das Thema Rassismus, und zwar im Sinne von Alltagsrassismus und nicht von Rechtsradikalismus, in den großen Medien angekommen. Inhaltlich hätte sich die Wochenzeitung „Die Zeit“ aber mehr Mühe geben können.

Als ich die Überschrift „Kinder, das sind keine N…! Unsere liebsten Kinderbücher werden umgeschrieben – ist das ein Fortschritt?“ auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe der ZEIT las, fand ich diese zwar provokant, wollte mich aber eigentlich bei der Redaktion bedanken. Endlich ist das Thema Rassismus, und zwar im Sinne von Alltagsrassismus und nicht von Rechtsradikalismus, in den großen Medien angekommen.

Ich hatte mit einer vielstimmigen, kontroversen Diskussion gerechnet, wie ich es eigentlich von der ZEIT gewohnt bin. Als ich dann begann, den ersten großen Artikel von Ulrich Greiner [1] zu lesen, war ich entsetzt: Wie kann man dieses brisante Thema mit so einer Überheblichkeit ins Lächerliche ziehen? Greiner empört sich darüber, wie man „in der menschenfreundlichen Absicht, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen“ einfach zur „Zensur“ greift. Er zieht Parallelen zu George Orwells Roman 1984, in dem ein Angestellter des Wahrheitsministeriums Bücher und Zeitungsberichte rückwirkend verfälscht. Der Journalist kommt jedoch zu dem Schluss: „So weit sind wir glücklicherweise nicht. Es ist nicht Orwells Großer Bruder, der interveniert, sondern der Kleine Bruder politischer Korrektheit. Dessen rastlose Tätigkeit sollte man aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener zahllosen, oftmals staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem Auftrag, sei es Feminismus, Antisemitismus oder Antirassismus, agieren und die mit ideologisch geschärftem Nachtsichtgerät dunkle Abweichungen vom Pfad der Gerechtigkeit unverzüglich aufdecken. Wer sucht, der findet.“

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Die einzige Gegenstimme im Text kommt von Mekonnen Meshgena, Initiator der Umschreibungen in dem Kinderbuch „Die kleine Hexe“ und Leiter des Referats „Migration und Diversity“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Seine Erfahrungen mit Vorurteilen und Diskriminierung als deutscher Staatsbürger mit eritreischem Migrationshintergrund spielt der Autor geschickt herunter und das Argument der Wirkmächtigkeit von Sprache wird einfach als „naiver Gedanke“ abgetan.

Erst der Letzte der drei Artikel [2], für den deutliche weniger Platz eingeräumt wurde, stimmte mich wieder positiver. Der Journalist Ijoma Mangold, dessen Vater nigerianischer Herkunft ist, spricht hier zwei wichtige Aspekte dieser Debatte an.

Erstens relativiert er die Aussage „Nicht Worte seien gefährlich, sondern Taten“ mit der Anmerkung: „Aber so manche Tat wurde durch Worte angekündigt. Und jeder weiß, dass Worte verletzen können.“ Zweitens beschreibt er einen „falschen Freigeist“, der mir selbst auch schon so oft in Diskussionen über dieses Thema begegnet ist.

Wenn ich versuche mit Leuten über das Problem des gegenwärtigen Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft zu sprechen, wird die Diskussion sehr schnell emotional und unsachlich: „Willst du damit sagen, dass ich ein Rassist bin? Nur weil ich meinen Kindern Bücher vorlese, in denen das Wort N… vorkommt?“

Warum fällt es vielen so schwer sich einzugestehen, dass es in der deutschen Gesellschaft einen strukturellen Rassismus gibt, der historisch gewachsen ist und auf eine brutale und bis heute nachwirkende Kolonialzeit zurückzuführen ist? Deswegen möchte ich noch niemanden als Rassist bezeichnen, aber ich erwarte, dass sich jeder mit seinen Vorurteilen und Stereotypen auseinandersetzt. Und ich halte es für wichtig, den Menschen zuzuhören, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder eines Migrationshintergrunds immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, sie seien „anders“ und würden nicht dazugehören – ob durch Kinderbücher oder Spendenplakate, ob im Schulunterricht oder am Arbeitsplatz.

Mein Dank gilt in diesem Fall Autorinnen wie Noah Sow oder Simone Dede Ayiv, die auf den medialen Diskurs der „Großen“ reagiert haben und deren Beiträge hoffentlich auch gelesen werden. Denn hier spricht nicht die weiße Mehrheitsgesellschaft.