Niedersachsen-Studie

Junge Migranten fühlen sich trotz deutschem Pass als Ausländer

Türkische, russische und polnische Jugendliche fühlen sich in erheblichem Umfang ausgegrenzt und trotz der deutschen Staatsbürgerschaft als Ausländer. Ursache: Die Mehrheitsgesellschaft hat ein Problem, sie als zugehörig einzuordnen.

Obwohl über die Hälfte der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, fühlen sie sich mehrheitlich (51 Prozent) als „Ausländer“. Bei Jugendlichen mit russischem oder polnischem Migrationshintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit lag der Wert mit 38 Prozent deutlich niedriger. Beiden Gruppen ist jedoch gemeinsam, dass sie sich in erheblichem Umfang ausgegrenzt fühlen.

„Dabei mussten wir feststellen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sich in hohem Maße mit Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert sehen und dies als eine deutliche Belastung empfinden“, erklärt Prof. Dr. Rudolf Leiprecht, Pädagoge an der Universität Oldenburg und Initiator der am Montag vorgestellten Studie „Quantitative Erhebung zur Lebenssituation und Lebensgestaltung von männlichen Jugendlichen mit Migrationsgeschichte in Niedersachsen“.

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Mehrheitsgesellschaft hat ein Problem
„Die Selbstzuordnung als ,Ausländer‘ in beiden Gruppen und ihre Diskriminierungserfahrungen stellen eine gewaltige Herausforderung für die Gesellschaft dar. Die Ursachen liegen vor allem darin, dass die sogenannte Mehrheitsgesellschaft Probleme hat, Jugendliche mit Migrationshintergrund als selbstverständlich zugehörig einzuordnen“, so Leiprecht.

Das Bildungsniveau der Befragten lag im Haupt- und Realschulbereich. Die Unterscheidung nach Migrationshintergründen entspreche einer groben Einteilung, da es sich in Wirklichkeit keineswegs um homogene Gruppen handele, betont Leiprecht. „Für die einzelnen Jugendlichen ist der Migrationshintergrund oft nicht die bedeutsamste Unterscheidungskategorie und meistens nicht der einzig wichtige Faktor in ihrem Leben. Dennoch sind sie sich der sozialen Zuordnung bewusst, die so oder so ähnlich – oft mit Hilfe von Bezeichnungen wie ‚Ausländer‘, ‚Türken‘ oder ‚Russen‘ – in der Gesellschaft vorgenommen werden und die eine (negative) Wirkung entfalten.“

700 Jugendliche befragt
„Die Lebenssituation von Migranten zu erforschen, gibt uns wichtige Informationen für einen besseren Zusammenhalt der Gesellschaft. Die Untersuchung zeigt mögliche Ansatzpunkte für die Integrationsarbeit vor Ort und gibt dafür wertvolle Impulse“, stellt die niedersächsische Wissenschaftsministerin, Johanna Wanka (CDU), heraus. Ihr Haus förderte die gerade abgeschlossene Untersuchung.

Darin wurden die Erfahrungen und Sichtweisen von über 700 männlichen Jugendlichen beziehungsweise jungen Männern im Alter von 15 bis 21 Jahren untersucht. Befragt wurden drei Gruppen: männliche Jugendliche mit türkischem, mit polnischem oder russischem und ohne Migrationshintergrund.

Türken sanfter
Verglichen haben die Oldenburger Wissenschaftler ihre Ergebnisse auch mit einer Studie von Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakaşoğlu über junge Frauen mit Migrationshintergrund. Dabei zeigte sich, dass junge Männer und junge Frauen mit Migrationshintergrund unterschiedliche Erfahrungen machen: Die männlichen Jugendlichen erleben eineinhalb Mal häufiger diskriminierende Situationen als weibliche. „Offenbar wirken sich in den Erfahrungen der Jugendlichen stereotype Negativ-Zuschreibungen aus – bedrohlich, gefährlich, gewalttätig. Negativ-Zuschreibungen, die in besonderer Weise auf männliche Jugendliche gerichtet sind“, erläutert Leiprecht.

Angesichts dieser Zuschreibungen untersuchten die Wissenschaftler außerdem das Selbstbild der Jugendlichen – und zwar mit Blick auf Männlichkeit. Überraschendes Resultat: Das Bild „sanfter Männlichkeit“ traf bei Jugendlichen mit türkischem Hintergrund im Durchschnitt auf hohe Zustimmung. Diejenigen mit russischem bzw. polnischem lehnten es jedoch genauso ab wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Wird nach der traditionellen Männlichkeit in der Familie gefragt, so ergeben sich allerdings teilweise ganz andere Ergebnisse: Hier sind es stets die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, die sich durchschnittlich weniger hart und weniger traditionell zeigten. Insgesamt macht die Untersuchung deutlich, dass die Männlichkeitskonstruktionen komplexer und uneinheitlicher sind, als dies gemeinhin angenommen wird.

Aufmerksamkeit gegenüber Diskriminierung und Ausgrenzung geboten
„Für die Arbeit in pädagogischen Handlungsfeldern bedeutet dies, dass vor schnellen Einordnungen und Fixierungen gewarnt werden muss: Nicht wenige Jugendliche zeigen Denkmuster und Sichtweisen, die recht widersprüchlich sind“, so Leiprecht. Es komme darauf an, die „positive Seite“ bei der pädagogischen Arbeit zu unterstützen. Gleichzeitig sei eine größere Aufmerksamkeit gegenüber Diskriminierung und Ausgrenzung dringend geboten. (sb)