Kılıçs kantige Ecke

„Kleine Adolfs“

Der Rückzug von Heinz Fromm ist nur ein symbolisches Opfer. Der Verfassungsschutz muss regelmäßig überprüft werden, ob dort nicht der eine oder andere kleine Adolf arbeitet, schreibt Memet Kılıç in seiner neuesten MiGAZIN Kolumne.

Bei der Aufklärung der NSU-Morde kommen immer mehr Details ans Tageslicht. Am 28. Juni 2012 wurde bekannt, dass der Bundesverfassungsschutz mehrere Akten vernichtet hat. Die Akten hatte der Verfassungsschutz für den Generalbundesanwalt zusammengestellt, aber noch am gleichen Tag (11.11.2011) vernichtet. Das ist ein Skandal. Ich hatte vereinzelt E-Mails erhalten, ob meine bohrenden Fragen in Richtung einer Verschwörungstheorie zielen würden, jetzt merke ich, dass ich sogar zu wenige Fragen gestellt habe.

Ich hatte unter anderem der Bundesregierung die Frage gestellt, ob der als „Kleiner Adolf“ bekannte Verfassungsschützer Andreas Temme, der bei der Ermordung von Halit Yozgat im Jahr 2006 im Internetcafé anwesend war, immer noch im Regierungspräsidium Kassel arbeitet. Die Bundesregierung verweigerte eine Antwort darauf mit der Begründung, dass die Antwort das laufende Verfahren gefährden würde. Dabei gab es zum Zeitpunkt der Fragestellung kein Verfahren gegen Herrn Temme.

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Jetzt ist bekannt geworden, dass der „Kleine Adolf“ bis 1994 lange Zeit für die Bundeswehr gearbeitet hat und von dort zum Verfassungsschutz gewechselt ist. Von seiner Tätigkeit beim Verfassungsschutz wurde er entbunden, nachdem festgestellt wurde, dass er bei der Ermordung von Halit Yozgat am Tatort war, neben vier legalen großkalibrigen Waffen auch noch 100 illegale Manöverpatronen der Bundeswehr, mehrere selbstgeschriebene, verfassungsfeindliche Texte und Haschisch besaß. Anschließend nahm er eine Tätigkeit als Beamter beim Regierungspräsidium in Kassel auf.

Bisherige Antworten der Bundesregierung auf Fragen von Memet Kılıç bzgl. der NSU:
8.3.2012 [3]
24.1.2012 Teil 1 [4] & 2 [5]
18.1.2012 [6]
27.1.2011 [7]

Als Kriminalbeamte festgestellt haben, dass Herr Temme 45 Minuten vor und 15 Minuten nach der Ermordung von Herrn Yozgat mit bekannten rechtsextremistischen V-Leuten telefoniert hat, weigerte sich der Landesverfassungsschutz der Polizei, Herr Temme zu vernehmen. Die Sicherheit des Landes würde ansonsten gefährdet werden. Rückendeckung hatte der Landesverfassungsschutz Hessen dabei vom damaligen Innenminister und dem heutigen Ministerpräsidenten Hessens, Herrn Volker Bouffier, erhalten.

Der Rückzug von Heinz Fromm ist nur ein symbolisches Opfer, da im Verfassungsschutz vielfach die falschen Leute sitzen. Spätestens ab jetzt muss das komplette Amt regelmäßig überprüft werden, ob dort nicht der eine oder andere kleine Adolf arbeitet, der unsere Verfassung gefährdet, statt sie zu schützen. Da liegt sicher noch einiges im Argen.