Die Ausbildungsmarktsituation für jungen Menschen hat sich laut Auswertung der Bundesregierung in Deutschland weiter verbessert. Im Ausbildungsjahr 2010/2011 wurden 570.140 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. Gegenüber 2010 (559.960) bedeutet dies eine Steigerung um 1,8 Prozent. Und zum vierten Mal hintereinander gab es mehr unbesetzte Ausbildungsplätze (29.689) als unversorgte Bewerber (11.550). Das geht aus dem am Mittwoch im Bundeskabinett vorgestellten Berufsbildungsberichts 2012 hervor.
Erheblicher Handlungsbedarf besteht allerdings bei Menschen mit Migrationserfahrung. Deren Ausbildungschancen müssen weiter verbessert werden. Denn in der Berufsausbildung sind ausländische Jugendliche weiterhin stark unterrepräsentiert. 2010 fiel die Ausbildungsbeteiligungsquote junger Ausländer mit 33,5% (2009: 31,4%) nur etwa halb so hoch aus wie die der deutschen jungen Menschen mit 65,4% (2009: 64,3%).
Konkrete Maßnahmen? Fehlanzeige
Vorrangiges Ziel der Bundesregierung sei es daher, vorhandene Zugangsbarrieren in Ausbildung und Beschäftigung für Jugendliche mit Migrationshintergrund abzubauen. Wie das gelingen soll, steht derzeit in den Sternen. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), appellierte vielmehr an die Eltern und an die Arbeitgeber, die Jugendlichen zu unterstützen und nicht abzukoppeln. Konkrete Maßnahmen stellte die Bundesregierung nicht vor.
Stattdessen fordert Böhmer, die Eltern verstärkt einzubeziehen. Außerdem mahnte die CDU-Politikerin eine veränderte Datenerhebung an. Da die Statistik bisher lediglich die Staatsangehörigkeit erfasst, sei nur ein eingeschränkter Blick auf die Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund möglich. „Um über eine der Realität entsprechende Datengrundlage zu verfügen und damit die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen zu können, ist dringend die Erfassung des Migrationshintergrundes notwendig“, forderte Böhmer.
Probleme bekannt
Dabei liegen die Probleme ganz woanders: Zum einen gelingt es dem deutschen Bildungssystem nicht, Schüler mit Migrationshintergrund derart zu fördern, dass sie die Schule zumindest mit einem Abschluss verlassen. So verließen im Jahr 2010 ausländische Jugendliche mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss wie deutsche Jugendliche (12,8 Prozent gegenüber 5,4 Prozent).
Download: Der Berufsbildungsbericht 2012 und eine Zusammenfassung des Berichts können kostenlos heruntergeladen werden.
Zum anderen gestaltet sich die Ausbildungsplatzsuche für junge Menschen mit Migrationserfahrung schwieriger als für junge Menschen ohne Migrationshintergrund. Das belegt eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aus dem Jahr 2010: Bei gleichen schulischen Voraussetzungen sind die Chancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund signifikant niedriger als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.
Rassistische Selektionsprozesse
Woran das liegt? Als möglicher Erklärungsansatz werden Selektionsprozesse der Betriebe bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen angeführt. Darüber hinaus gibt es auch innerhalb der Gruppe der jungen Migranten große Unterschiede nach Herkunftsregionen. So ist es insbesondere für junge Menschen türkischer/arabischer Herkunft deutlich schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Welche Folgen diese Selektion haben wird, zeigen andere Zahlen: Bis 2030 wird die Altersgruppe junger Menschen zwischen 17 und 25 Jahren um rund ein Fünftel schrumpfen. Parallel hält der Trend zu höheren Schulabschlüssen an. Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre angebotenen Ausbildungsstellen zu besetzen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): „Wir müssen alle Potenziale nützen, um den Fachkräftebedarf zu sichern.“
Bleibt zu hoffen, dass das gelingt. Derzeit sieht es aber eher danach aus, dass auch die nächsten Jahre ungenutzt vergeudet werden – mit Sammeln von Daten und Einbeziehung der Eltern, die nichts bewirken können, solange Betriebe bei Auswahlverfahren aus rassistischen Gründen diskriminieren. (etb)