Filiz’ Kolumne

Die Angst des Bundesinnenministers vor dem „Muselmann“

Wieso hat Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich die Ergebnisse der Studie „Junge Muslime in Deutschland“ derart „konterkariert? Diese Frage stellt sich Filiz Polat ,Grüne-Landtagsabgeordnete in Niedersachen, in ihrer neuesten MiGAZIN-Kolumne.

Eine Studie „Lebenswelten junger Muslime“ vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben, hat Bundesinnenminister Friedrich dazu veranlasst – noch bevor er selbst die Ergebnisse der Wissenschaftler gelesen zu haben scheint – über die BILD-Zeitung Muslime pauschal zu verunglimpfen und vor radikalen Muslimen zu warnen.

Zu Recht erklären die islamischen Landesverbände, dass Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich fehl am Platz sei. Denn allein das Vorgehen macht deutlich, dass ihm an einer politischen Zuspitzung mehr gelegen ist, als an einer differenzierten Debatte. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse in keiner Weise repräsentativ sind. Die Autoren weisen selbst auf die Schwächen in der Repräsentativität ihrer Studien hin: „Wichtig ist an dieser Stelle noch einmal darauf hinzuweisen, dass diese und die folgenden Prozentangaben keinesfalls weder auf alle in Deutschland lebenden Muslime im Allgemeinen noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren hochgerechnet werden können und dürfen.“ (S. 277)

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So beruhen die ca. 16 % „deutscher Muslime“, die laut der Studie als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ bezeichnet werden, auf einer Gruppe von 25 Personen aus den insgesamt 162 Befragten. Angesichts der vier Millionen Muslime ist es daher eine Farce, wenn der Bundesinnenminister hier vom ‚Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten‘ spricht. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion warnte gar vor einem wachsenden Fanatismus und bezeichnete die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationsunwilliger Muslime als ‚erschreckend‘. Damit sind Politiker in einem hohen Amt wieder einmal Stichwortgeber für plumpen Populismus. Der Bundesinnenminister und sein CSU-Parteifreund schüren damit höchstpersönlich einmal mehr die Angst in der Bevölkerung vor vermeintlich gefährlichen Muslimen und tragen damit in Deutschland zur wachsenden Islamfeindlichkeit bei.

Vor dem Hintergrund der Anschläge und der Morde durch eine rechtsterroristische Organisation und dem bekannt gewordenen Versagen der Behörden in diesem Zusammenhang stellen solche Äußerungen eine Schande für unser Land dar. Gleichzeitig werden zum wiederholten Male wissenschaftliche Studien von einem Ministerium missbraucht. Die Autoren der Studie sind zu Recht entrüstet. Sie müssen mit Ansehen wie öffentlich ihre Forschungsergebnisse verzerrt und missinterpretiert werden. Gleichzeitig muss man allerdings auch konstatieren, dass die Studie selbst eklatante unwissenschaftliche Aspekte aufweist.

Die Studie geht von einem einseitigen Integrationsbegriff aus. Allein das Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft und die Annahme der Kultur zu dieser werden als Gradmesser der Integration gewertet. Das Problem dieser Bewertung ist schlicht und einfach, dass dieses Zugehörigkeitsgefühl natürlich vom Klima innerhalb der Aufnahmegesellschaft abhängt. Eine Freundschaft muss selbstverständlich von beiden Seiten ausgehen. Die renommierte Wissenschaftlerin Naika Foroutan bringt es in ihrer Stellungnahme [1] zur Studie auf den Punkt: „Man kann auch nicht fühlen, dass man dazugehört, wenn die soziale Gruppe zu der man sich angeblich zugehörig fühlt, dies nicht bestätigt oder Ausschluss suggeriert.“

Dies wird sogar von den Forschungsergebnissen bestätigt. Denn als Grund für das fehlende Zugehörigkeitsgefühl nennen die Teilnehmer, dass sie „von „den Deutschen“ niemals als Deutscher anerkannt würde, egal wie lange man schon in Deutschland lebt und wie gut man beispielsweise die Sprache spricht. Als ursächlich für diese Ablehnung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft sehen die Teilnehmer eher rassistische Motive als religiöse, weil nichtreligiöse Muslime ebenso diskriminiert werden.“ Wir müssen also einmal mehr die Frage stellen, was den Innenminister motiviert hat, die Ergebnisse der Studie in der Art und Weise zu konterkarieren. Ist es die eigene Angst vor dem „Muselmann“?