Brückenbauer

Aus dem Alltag einer deutschen Kurstadt

Bad Salzuflen – Runder Tisch im Rathaus. Die Teilnehmer: Pädagogen, Sozialarbeiter, Politiker, Ehrenamtliche und Vertreter von Migrantenorganisationen. Denn Integration wird dort groß geschrieben. Die Diskussion beginnt…

Ja, ich lebe in Bad Salzuflen – einem Kurort, mit vielen gesundheitsfördernden Attraktionen: Neun Solequellen, einem Gradierwerk, das Meeresklima verbreitet, Thermalwasserbädern, die zur Entspannung und Erholung einladen… das alles und vieles mehr verspricht zumindest der Werbefilm auf der Homepage der Stadt.

Doch was der Film nicht zeigt – Bad Salzuflen hat noch mehr zu bieten: mindestens 35% Bevölkerungsanteil mit Zuwanderungsgeschichte bei den unter 18-Jährigen, multikulturelle Wohngegenden, in denen die Kurgäste eher keinen Urlaub machen, Straßenzüge mit zahlreichen Imbiss-, Oddset- und Obst- und Gemüseläden in „migrantischer Hand“, Cafes mit überwiegend männlichen „Migranten“ als Klientel, zahlreiche „Migrantenorganisationen“. Die Migrationsbewegungen der letzten 60 Jahre sind eben auch an Bad Salzuflen nicht spurlos vorbei gegangen. Die Stadt ist nicht nur ein attraktiver Ort für Rentner, sondern auch das zu Hause vieler Menschen, deren Familien als Gastarbeiter, Flüchtlinge und Aussiedler kamen und Bad Salzuflen heute zu dem machen, was es ist: eine Stadt inmitten Deutschlands mit einer pluriformen Bevölkerung. Angesichts dieser nicht mehr ignorierbaren Tatsache und sicherlich auch wegen der gesamtgesellschaftlichen Aktualität wird das Thema „Integration“ auch in Stadt Bad Salzuflen groß geschrieben.

___STEADY_PAYWALL___

So flattern in regelmäßigen Abständen Einladungen in unser Vereinshaus, die uns zur Teilnahme an Projekten zum besagten Thema einladen. Schließlich will man ja nicht über „die Migranten“ reden, sondern mit ihnen. Einer dieser Einladungen folgend saß ich kürzlich mal wieder an einem Runden Tisch im Rathaus, zusammen mit den üblichen ‚Verdächtigen‘ der Szene, mit PädagogInnen, SozialarbeiterInnen, PolitikerInnen und ehrenamtlich Engagierten. Die Anwesenden „mit Migrationshintergrund“ sind fast ausschließlich der letzteren Gruppe zuzuordnen, sie sind überwiegend als VertreterInnen ihrer sogenannten Migrantenorganisationen gekommen.

Das Anliegen der Gastgeber ist die Überprüfung und Erweiterung von Leitzielen und Maßnahmen zur „Integration von Zuwanderern“, die man vor sechs Jahren in Workshops erarbeitet hat.

Nach einleitenden Worten des Moderators beginnen wir mit der Diskussion. Ich ergreife das Wort und merke an, dass die Leitziele vorrangig die Menschen mit Migrationshintergrund im Fokus haben, nicht hingegen Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Ich schlage vor, für die Zukunft die interkulturelle Öffnung von Institutionen der Mehrheitsgesellschaft stärker anzugehen. Noch während ich mein Anliegen formuliere nehme ich vehementes Kopfschütteln in der Runde wahr. „Wie können Sie denn von Institutionen der Mehrheitsgesellschaft sprechen, wenn fast 70% der Kinder in unserer Einrichtung einen Migrationshintergrund haben“, widerspricht eine Erzieherin, offensichtlich pikiert von meinem Vorschlag. „Ich spreche von Institutionen der Mehrheitsgesellschaft, weil diese von der Stadt oder den alteingesessenen freien Trägern bereitgestellt werden, und die sind nun mal ein wesentlicher Bestandteil der Mehrheitsgesellschaft“, füge ich hinzu. Mein Argument scheint vor allem diejenigen „ohne Migrationshintergrund“ nicht sonderlich zu überzeugen, die anwesenden „MigrantInnen“ hingehen signalisieren mir mit einem „Daumen hoch“ ihre Zustimmung. Die Runde schweigt. Mit dem Ziel, die Situation zu entschärfen, schlägt die Moderation vor, das Thema an anderer Stelle noch mal zu diskutieren, es würde ohnehin besser zum Teil der Maßnahmen passen und sei als Leitziel eher ungeeignet. Gut, denke ich, dann halt später.

Ich melde mich erneut: „Bei dem Punkt gesellschaftliche Partizipation würde ich gerne das Leitziel ‚Stärkung der politischen Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund im kommunalen Politikgeschehen` mit aufnehmen“. Erneut geht ein Raunen durch den Raum. Dieses Mal kommt die Woge der Empörung aus der Richtung einiger anwesender Politikerinnen: das sei ja jetzt wohl nicht mein Ernst. Die Wege in die Gremien und Parteien stünden allen offen, politisches Engagement bedürfe wohl keiner extra Einladung, sie selbst seien schließlich auch nicht eingeladen worden, sondern aus eigener Motivation aktiv! Ich verkneife mir den Hinweis, dass eben nicht ALLE Menschen am politischen Geschehen in Bad Salzuflen teilnehmen können, schon allein aus rechtlichen Gründen – stattdessen sage ich: Wenn wir wollen, dass alle in dieser Stadt Lebenden gleichberechtigt teilhaben, dann muss sich die Vielfalt der Bevölkerung auch auf politischer Ebene widerspiegeln. In Bad Salzuflen tut es das nicht. In den Parteien und Ausschüssen sind kaum ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ vertreten, scheinbar gibt es da Zugangsschwierigkeiten!“ Die Dame zieht es vor, weitere Kommentare dazu mit ihrer Sitznachbarin zu teilen. Ihr Gesicht verrät allerdings, dass das Gesagte nicht in ihrem Sinne war.

Nun ergreift eine Vertreterin der freien Wählergemeinschaft das Wort: „Also ich würde ja gerne mal wissen, warum die Migranten sich so schwer tun, sich in unseren Vereinen zu engagieren, z.B. bei der Freiwilligen Feuerwehr oder bei den Schützen, stattdessen machen die immer was unter sich!“ Mir ist danach meinen Kopf gegen die Tischplatte zu hauen, aber ich beschließe tief durchzuatmen und an dieser Stelle mal nichts zu sagen. Eine Dame aus der ortsansässigen Moscheegemeinde ergreift das Wort: „Naja, also ich wollte meinen Sohn vor ein paar Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr anmelden, aber man hat uns gesagt, dass man im Moment überlaufen sei. Man wollte sich später bei uns melden. Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Das ist jetzt vier Jahre her. Wir waren auch bei den Pfadfindern, die haben uns gleich eine Absage erteilt. Einen Grund haben sie uns nicht genannt.“ Die Damen zu meiner Linken sind empört: „Nein, wo war das denn? Doch nicht hier in Bad Salzuflen, oder? Also das kann ich ja nicht glauben! Mit wem haben Sie denn gesprochen? Also da muss es ein Missverständnis gegeben haben“. Nee, ist klar, ein Missverständnis… was denn auch sonst!? Ich verkneife mir einen Kommentar.

Wir machen weiter im Programm: Mittlerweile sind wir bei dem Ziel der ‚Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern mit Migrationshintergrund´ angelangt. Wir sind uns alle darin einig, an dieser Stelle den Zusatz „mit Migrationshintergrund“ zu entfernen. Man habe zunehmend die Erfahrung gemacht, dass Eltern „ohne Migrationshintergrund“ an diesem Punkt genauso der Unterstützung bedürfen. Die Pädagoginnen berichten von verschiedenen Projekten, die zu diesem Leitziel erarbeitet und durchgeführt wurden, in der öffentlichen Wahrnehmung mit großem Erfolg. Die Dame aus der Moscheegemeinde meldet sich erneut zu Wort: „Schade, ich habe von vielen dieser Projekte nichts mitbekommen, die Informationen darüber sind nicht bei mir angelangt“. Wieder ein Raunen: „Also das kann ja wohl echt nicht sein! Die Flyer dazu haben überall ausgelegen. In der Zeitung gab es auch einen großen Artikel darüber. Und außerdem wurde das Projekt doch auch in unserem gemeinsamen Netzwerk vorgestellt, wo sie auch häufig anwesend sind“, antwortet eine sichtlich erregte Erzieherin. Ich versuche eine Anregung zu geben, wie man vielleicht diejenigen besser erreicht, an die sich die meisten Projekte richten: „Vielleicht sollte man in Zukunft die Projekte auch mal persönlich in den Migrantenorganisationen vorstellen. Über diese sind viele in der Stadt lebende Menschen mit Migrationshintergrund gut zu erreichen“. Wieder aufgebrachtes Kopfschütteln vieler Hauptamtlicher: „Nee also das kann ja wohl nicht sein. Man kann auch ins Rathaus gehen. Da gibt es einen großen Ständer, wo alle Projektflyer und Informationen ausliegen, da hole ich mir auch immer alle Informationen“.

Ich bin genervt und gelangweilt zugleich von der Vehemenz mit der die Erfahrungen und Anregungen der Menschen „mit Migrationshintergrund“ relativiert und abgeschmettert werden. Das was sich auf dem Papier so gut macht, scheint in der Praxis doch schwerer umzusetzen zu sein als sich viele eingestehen: Die ethnische und kulturelle Heterogenität in dieser Stadt als Normalität und Wirklichkeit zu begreifen und sich dieser zu öffnen, geht in der Umsetzung mit Beunruhigung und Widerstand einher, das zumindest ist meine immer wiederkehrende Beobachtung. Zu tief sitzen die ethno-natio-kulturellen Grenzziehungen in den Köpfen und zu groß die Angst, ein „Stück vom Kuchen“ abgeben zu müssen. Die Begegnung auf Augenhöhe fällt schwer.

Die Diskussion wird ohne wesentliche Ergebnisse beendet.

Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis auch mal die Wirklichkeiten von sogenannten „Menschen mit Migrationshintergrund“ in dem Werbefilm der Stadt eine positive Erwähnung finden: ich befürchte noch etwas länger.