Islam Studie

Gebildete Muslime müssen häufiger Sozialhilfe beziehen

Die Studie „Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ offenbart: Je gebildeter Muslime sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit Sozialhilfe leben müssen – Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt?

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat das nordrhein-westfälischen Arbeits- und Integrationsministerium am Montag die Studie „Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ veröffentlicht. Die Studie widerlegt gängige Vorurteile, offenbart aber auch Probleme, die bisher nicht oder kaum bekannt waren.

Mit der Bildung sinken die Chancen
Ein zentrales Ergebnis ist, dass Muslime in NRW generell eine bessere Schulbildung vorweisen können als der Bundesdurchschnitt. 40 Prozent haben Fachhochschulreife oder Abitur. Auf Bundesebene erreichen 28,5 Prozent der Muslime diese Abschlüsse. Die Studie zeigt aber auch, dass ein höherer Bildungsabschluss nicht zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt führt.

Denn je höher der Bildungsabschluss, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Muslime, dass sie von staatlichen Transferleistungen abhängig leben müssen. Laut Studie beziehen 17,8 Prozent aller Muslime ohne Schulabschluss Transferleistungen. Muslime mit Hauptschulabschluss weisen eine Quote von 13,9 Prozent auf und Muslime mit mittlerer Reife nur noch 9,3 Prozent. Überraschend ist allerdings, dass über 20 Prozent der Muslime mit Abitur staatliche Leistungen erhalten.

Dies wirft erneut die Frage nach Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt auf. Und muslimische Frauen sind von diesem Phänomen ganz besonders betroffen. Bei ihnen liegt diese Quote sogar bei 29,7 Prozent, wenn sie mindestens ein Abitur vorweisen können. Der Studie zufolge beträgt der Anteil der muslimischen Haushalte, die von Transferleistungen abhängig sind, insgesamt bei 21,6 Prozent.

Schule: Kein Massenphänomen
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung bezieht sich auf die Teilnahmen an Schulangeboten. Danach nehmen muslimische Schüler signifikant seltener an religionsbezogenen Unterrichtsangeboten teil als christliche Schüler. Allerdings sprechen sich 83 Prozent der befragten Muslime für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts aus, was auf das fehlende Angebot zurückzuführen ist.

Interessant sind die Ergebnisse der Studie auch in Bezug auf die Teilnahme am gemischtgeschlechtlichen Sport- und Schwimmunterricht, den Sexualkundeunterricht sowie mehrtägige Klassenfahrten. Nur ein kleiner Teil muslimischen Schüler verweigert explizit die Teilnahme an diesen Schulangeboten. Religiöse sowie sonstige Gründe werden kaum genannt. Das von muslimischen Schülern am häufigsten verweigerte Unterrichtsangebot ist die Teilnahme an mehrtägigen Klassenfahrten, an der 3,7 Prozent der muslimischen Schüler aus religiösen oder sonstigen Gründen nicht teilnehmen. „Insgesamt zeigt sich, dass die Verweigerung von Unterrichtsangeboten kein ‚Massenphänomen‘ ist“, so in der Studie.

Bildungsaufstieg im Generationenablauf
Integrationsdefizite zeigen sich vor allem im Bereich der Bildung und der Arbeitsmarktintegration. Über alle Herkunftsländer hinweg weisen Muslime ein signifikant niedrigeres Bildungsniveau als die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften auf. Dies gilt sowohl bei der Schulbildung im Herkunftsland und Deutschland zusammengenommen als auch bei den Schulabschlüssen in Deutschland. Im bundesweiten Vergleich schneiden Muslime in Nordrhein-Westfalen jedoch relativ gut ab und verfügen über eine höhere Schulbildung als Muslime in ganz Deutschland.

Vergleicht man die Bildungsabschlüsse der Muslime verschiedener Herkunftsregionen, zeigt sich, dass Muslime aus Iran und Süd-/Südostasien ein hohes Bildungsniveau aufweisen. Ein Großteil besitzt die Hochschulreife. Muslime aus der Türkei und dem sonstigen Afrika haben gemessen am Anteil der Personen ohne Schulabschluss ein relativ niedriges Bildungsniveau. Zudem sind bei Muslimen aus der Türkei die niedrigsten Anteile an Hochgebildeten vorzufinden.

Allerdings verlassen Bildungsinländer aller Herkunftsregionen die Schule deutlich seltener als ihre Elterngeneration ohne Schulabschluss. Insofern lässt sich bei den Muslimen aus den untersuchten Herkunftsländern generell ein deutlicher Bildungsaufstieg im Generationenablauf beobachten.

Die StudieMuslimisches Leben in Deutschland [1]“ kann kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Soziale Kontakte
Auch die Häufigkeit der sozialen Kontakte zu Personen deutscher Abstammung ist höher als allgemein angenommen. Muslime aus allen Herkunftsregionen zeigen eine hohe Bereitschaft zu mehr Kontakt mit Deutschen.

Gut jeder zweite Muslim ist Mitglied in einem deutschen Verein, Verband oder einer Organisation. Dazu gehören zumeist Sportvereine, aber auch Gewerkschaften oder Kulturvereine. Die Mehrzahl verfügt ausschließlich über eine deutsche Vereinsmitgliedschaft. Ein kleinerer Teil ist sowohl in einem deutschen Verein als auch in einem Verein mit Bezug zum Herkunftsland, darunter auch in Deutschland gegründeten Vereinen, organisiert.

Dennoch wohnen 38,9 Prozent der befragten Muslime in einer Gegend, in der der Anteil an Ausländern überwiegt. Das allerdings trügt nicht die Verbundenheit zu Deutschland. 68,9 Prozent der Muslime antworten, sich stark oder sehr stark mit Deutschland verbunden zu fühlen. Mit dem Herkunftsland fühlen sich 63,6 Prozent stark oder sehr stark verbunden. 31,7 Prozent der Muslime antworten, dass sie eine stärkere Bindung Deutschland gegenüber haben als zum Herkunftsland.

Fast die Hälfte aller Muslime sind deutsche Staatsbürger
Laut Studie leben in Nordrhein-Westfalen zwischen 1,3 Millionen und 1,5 Millionen Muslime aus islamisch geprägten Herkunftsländern. Beachtet man, dass in Nordrhein-Westfalen insgesamt rund 18 Millionen Menschen leben, beträgt der Anteil der Muslime an der nordrhein-westfälischen Gesamtbevölkerung zwischen 7 und 8 Prozent. Dies ist anteilig etwas höher als die Quote für ganz Deutschland von rund 5 Prozent.

46,3 Prozent der Muslime in Nordrhein-Westfalen sind deutsche Staatsangehörige. Ihre Zahl beläuft sich auf 566.600 bis 714.100 Personen. Weitere 702.400 bis 771.255 Muslime (53,7 Prozent) haben eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Die größte Herkunftsgruppe sind Türkeistämmige mit einem Anteil von 65,3 Prozent. Muslime aus Südosteuropa bilden die zweitgrößte Gruppe, ihr Anteil beträgt 10,8 Prozent. Muslime aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika stellen einen Anteil von je 9,0 Prozent. Die restlichen 5,9 Prozent stammen aus Süd-/Südostasien, Iran, dem sonstigen Afrika südlich der Sahara oder Zentralasien/GUS. (es)