Anonymes Bewerbungsverfahren

Startschuss für deutschlandweites Pilotprojekt

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes startet heute das Modellprojekt „Anonymisiertes Bewerbungsverfahren“. Sieben große Unternehmen und Behörden werden ein Jahr lang neues Personal anhand anonymer Bewerbungen auswählen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) startet heute um 14 Uhr mit einer Pressekonferenz in der Glinkastraße 24 in Berlin-Mitte das Modellprojekt „Anonymisiertes Bewerbungsverfahren“. Sieben große Unternehmen und Behörden werden ein Jahr lang neues Personal für das gesamte Unternehmen oder für Teilbereiche ihres Unternehmens anhand anonymer Bewerbungen auswählen.

Die ADS ist im Jahr 2006 durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) eingerichtet worden. Gemäß § 27 AGG kann sich jeder an diese Stelle wenden, der meint, aufgrund der Rasse oder der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität diskriminiert zu werden.

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Kein Foto, Keinen Namen
Die anonymen Lebensläufe der Bewerberinnen und Bewerber sollen kein Foto, keinen Namen, keine Adresse, kein Geburtsdatum und keine Angaben zu Geschlecht, Herkunft und Familienstand beinhalten. Im Vordergrund sollen Qualifikation, Kompetenz und fachliche Eignung stehen, sodass Personalverantwortliche ausschließlich anhand dieser Kriterien die betreffende Person auswählen und zu einem Gespräch einladen.

Zur Vorbereitung auf das Gespräch wird die Anonymität aufgehoben. Die anonyme Bewerbung soll verhindern, dass Bewerberinnen und Bewerber bereits in der ersten Stufe des Auswahlverfahrens beispielsweise aufgrund ihres Alters scheitern und keine Möglichkeit bekommen, sich persönlich zu präsentieren.

Diskriminierung ist belegt
Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Jahren empirisch durch eine Reihe von Feldversuchen belegt worden. Die Universität Konstanz hat jüngst in einer Studie ermittelt, dass die Angabe eines türkisch klingenden Namens im Lebenslauf die Chance, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, um 14 Prozent reduziert. In kleineren Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten betrug der Wert sogar 24 Prozent. Untersucht wurden Stellenausschreibungen für studienbegleitende Praktika – die Bewerberinnen und Bewerber waren alle hochqualifiziert.

Im europäischen Ausland gibt es einige Erprobungen des anonymisierten Bewerbungsverfahrens. Ein schwedischer Versuch ergab, dass vor allem Frauen davon profitierten. Die Stadt Göteborg hat von Oktober 2004 bis Juni 2006 für den öffentlichen Dienst das anonyme Bewerbungsverfahren ausprobiert. Auf über 100 Stellen im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie im Bereich der sozialen Dienstleistungen hatten sich 3.500 Personen anonym beworben. Ziel war es, mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Tatsächlich hat sich sowohl für Frauen als auch für Menschen mit Migrationshintergrund die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Einladung zu einem Auswahlgespräch zu erhalten. Für Frauen waren sogar die Chancen gestiegen, ein konkretes Arbeitsplatzangebot zu bekommen, was bei Bewerberinnen und Bewerbern mit Migrationshintergrund nicht der Fall war.

Kritiker skeptisch
Verschiedene Arbeitgeber- und Unternehmensverbände stehen der anonymen Bewerbung skeptisch gegenüber. So kritisiert beispielsweise der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt, dass das anonyme Bewerbungsverfahren nicht praktikabel und mit viel Aufwand für die Unternehmen verbunden sei.

Download: Muster für einen anonymisierten Bewerbungsbogen [3] und die Studie des IZA [4] „Anonymisierte Bewerbungsverfahren im internationalen Vergleich“

Drei Bewerbungswege sind in deutschen Unternehmen gängige Praxis: Das Bewerbungsschreiben per Post, per E-Mail und per Online-Formular. Es besteht die Möglichkeit, relevante Merkmale wie Name, Alter, Geschlecht etc. im Nachhinein im Unternehmen zu anonymisieren oder aber den Bewerbern, die den Lebenslauf per Post oder Mail schicken, von vorneherein ein gesondertes Formular zur Verfügung zu stellen, das nur arbeitsplatzbezogene Angaben verlangt. Bei Online-Bewerbungen kann die Eingabemaske so verändert werden, dass Bewerberinnen und Bewerber anonym bleiben oder aber persönliche Angaben verdeckt werden und Personalverantwortliche zunächst keinen Zugriff auf diese Daten erhalten.

Auswertung nach einem Jahr
An dem in Deutschland bislang einmaligen Modellprojekt beteiligen sich das Kosmetikunternehmen L´Oréal, der Dienstleister Mydays, der Konzern Procter & Gamble, die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina (KOWA) evaluieren das Projekt nach Ablauf eines Jahres quantitativ und qualitativ. Unter anderem sollen Personalverantwortliche erläutern, ob sie das Verfahren der anonymen Bewerbung für praktikabel halten, und Bewerbende werden befragt, wie sie mit der anonymen Bewerbung zurecht gekommen sind. Zudem wird untersucht, ob es bestimmte Personengruppen mit der anonymen Bewerbung häufiger in ein Bewerbungsgespräch schaffen.

Quellen: