Critical und Incorrect

Integrationsdebatte und Menschenbild

Der aktuelle Diskurs über die angeblichen Integrationsverweigerer sichert die Privilegien derjenigen, die zwar von „Fördern und Fordern“ reden, aber alles dafür tun, dass ein gleichwertiges Mittun nicht erfolgt.

Der Begriff ist in aller Munde und damit bestätigen selbst die Verdächtigten seine Existenz: Der Integrationsverweigerer. Der Idee der Integrationsverweigerung liegt jedoch ein bestimmtes Menschenbild zugrunde, das verbreitet zu sein scheint und dennoch nicht der Natur des Menschen entspricht. Wie in der ganzen Debatte wird an dieser Stelle deutlich, dass davon ausgegangen wird, dass man den Menschen zum Mittun besonders motivieren, ja notfalls zwingen, muss. Es ist aber genau umgekehrt: Der Mensch ist ein soziales Wesen, aufs Mittun angewiesen. Nervös oder gar bockig wird er erst bei drohendem oder tatsächlichem Ausschluss aus der Gemeinschaft.

„Es geht um die Aus- grenzung der Erfolg- reichen, der (potenti- ellen) Konkurrenten.“

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Und genau diesen Ausschluss betreibt der aktuelle Diskurs über die angeblichen Integrationsverweigerer. Diese Unterstellung, und die damit einhergehende Verlagerung der Verantwortung auf die Ausgeschlossenen, sichert die Privilegien derjenigen, die zwar von „Fördern und Fordern“ reden, aber alles dafür tun, dass ein gleichwertiges Mittun nicht erfolgt – wie man beispielsweise an der Erwägung von Kopftuchverboten sehen kann. Wo kämen wir denn hin, wenn etwa Akademikerinnen mit Kopftuch unsere Stellen wegnehmen?

Nehmen wir mal an, es gibt tatsächlich 15 Prozent Integrationsverweigerer, ob freiwillig oder unfreiwillig – das bedeutet nämlich, dass es 85 Prozent mäßig bis gut oder gar sehr gut Integrierte gibt, wie immer sich das auch misst. Würde man jedoch diesen hohen Anteil Erfolgreiche benennen, würde vielleicht mehr Menschen klar, dass es sich bei der sog. Integrationsdebatte um eine Abwehrdebatte handelt. Es geht um die Ausgrenzung der Erfolgreichen, der (potentiellen) Konkurrenten – und das dürfte sich in Wirtschafts- und Identitätskrise dank Globalisierung noch verschärfen. Es geht um Exklusion und nicht um Inklusion.

Auch wenn man auf Integrationsgipfeln betont, dass man sich um die Minderheit in der Minderheit nun besonders kümmern würde. Das kann ja nicht schaden, aber ehrlicher wäre die Debatte, wenn die Themen Rassismus und (diskursive) Frustration endlich mit auf den Tisch kämen.

Dann würde man beispielsweise zwei empirische Ergebnisse mit einbeziehen, die man dringend einmal zusammen betrachten sollte:

  1. Türkischstämmige Eltern sind schulischen und anderen Autoritäten gegenüber besonders hörig.
  2. Türkischstämmige Kinder gehören zu den Bildungsverlierern.

„Ehrlicher wäre die Debatte, wenn die Themen Rassismus und (diskursive) Frustration endlich mit auf den Tisch kämen.“

Sind die also vielleicht falsch beraten worden? Was viele Äußerungen aus Politik und sogar dem Bildungsbereich zur Mehrsprachigkeit anbelangt, lässt sich das eindeutig nachweisen. Hier wie anderswo wird der wissenschaftliche wie praxisbewährte Forschungsstand weitestgehend ignoriert. Und viele Betroffene plappern die falschen Parolen auch noch brav nach. Das soll nicht alle Verantwortung weg von den Betroffenen nehmen – aber eine richtige Analyse wäre die Voraussetzung für richtige Maßnahmen. Her wird jedoch vor allem Selbstbestätigung betrieben zum Schaden vieler Kinder!

Wie man aber Kindern ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, dafür musste man kürzlich einmal von den Talkshowritualen im Fernsehen wegschalten – auf ARTE – zu einem Film der Berliner Philharmonie, der Balsam für die Seele ist: Rythm is it! Dieser Film verkörpert genau das hier angedeutete. Die Akteure, die eine Gruppe von Schülern für eine Tanzvorführung trainieren, sind dem natürlichen Menschenbild verpflichtet. Sie sehen bei der Verweigerung des Mittuns durch die Schüler eine Störung, die ihre Ursachen im Werden dieser jungen Menschen hat – in den Begegnungen, in der Art des Unterrichts, in dem was man soziales Umfeld nennt und das sich mehrheitlich dadurch auszeichnet, dass es die jungen Menschen schwächt. Dieser feststellbaren und sehr hinderlichen Schwäche geben die Tanzlehrer nicht nach, sondern sie ermöglichen es den Betroffenen dadurch, dass sie die Jugendlichen ernst nehmen, diese Schwäche zu überwinden – Inklusion statt Selektion, gemeinsames Erreichen statt Konkurrenz, und eine wunderbare Aufführung am Schluss, die den Erwerb von mehr Selbstwertgefühl und damit Leistungsfähigkeit plastisch werden lässt. Rythm is it!