Sigmar Gabirel

Der Rückgriff auf die Eugenik fällt gar nicht mehr auf

SPD-Chef Sigmar Gabriel wundert sich, was im Deutschland des 21. Jahrhunderts alles möglich ist. Viel mehr als Sarrazins Buch mache ihm Sorge, dass der Rückgriff auf die Eugenik in Deutschland gar nicht mehr auffalle und sogar frenetisch gefeiert werde.

Keinen Zweifel lässt Sigmar Gabriel daran, dass über Probleme der Integration offen gestritten werden könne und müsse. Doch „wer unter dem Banner der Meinungsfreiheit ethnische Ressentiments in der Politik wieder geschäftsfähig macht, der bereitet den Boden für Hassprediger im eigenen Land“, schreibt der SPD-Vorsitzende in einem Beitrag für die „Zeit“.

Gabriel geht in seinem Artikel detailliert auf Textpassagen ein, die belegen, dass das Buch „nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigungsschrift für eine Politik, die zwischen (sozioökonomisch) wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet“.

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„Es ist also im Deutschland des 21. Jahrhunderts möglich, mit den eugenischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts stürmischen Beifall zu erzeugen.“

„Oben“ und „unten“ entstehe durch Vererbung
Sarrazin greife dabei auf bevölkerungspolitische Theorien zurück, „die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden“. Am Ende bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik [1], die ihnen die „perversen Begründungen für die Auslöschung ‚unwerten‘ Lebens“ lieferte.

Sarrazin hielte das Entstehen von „oben“ und „unten“ in unserer Gesellschaft für das Ergebnis natürlicher Auslese durch Vererbung. Gabriel kommentiert: „Einflussfaktoren wie Einkommensverhältnisse, Bildung, Sozialstatus, kulturelle Prägung, Integration oder Desintegration sind für ihn vernachlässigende Restgrößen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Gesellschaft ist für Sarrazin deshalb vor allem davon anhängig, dass die ‚richtigen‘ Menschen viele Kinder bekommen, um ihre Intelligenz zu vererben“.

„Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch […] Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt.“

Eine ungeheure intellektuelle Entgleisung
Gabriel zitiert den britischen Naturwissenschaftler Francis Galton aus dem 19. Jahrhundert, dem Vater der modernen Eugenik, auf dessen Theorien Sarrazin immer wieder in seinem Buch zurückgreift – und ist entsetzt darüber, dass es im Deutschland des 21. Jahrhunderts möglich ist, „mit den eugenischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts stürmischen Beifall zu erzeugen.“ Wenn ihm etwas Sorge mache, schreibt Gabriel, „dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als ’notwendiger Tabubruch‘ frenetisch gefeiert wird.“

Der SPD-Vorsitzende fügt hinzu: „Der Hobby-Eugeniker Sarrazin und seine medialen Helfershelfer sind dabei, Theorien der staatlichen Genomauswahl wieder salon- und hoffähig zu machen. […] Sie erhalten eine echte Chance, wenn Thilo Sarrazins Buch als intellektuelle Bereicherung gilt statt als das, was es wirklich ist: eine ungeheure intellektuelle Entgleisung.“ Würde diese gesellschaftsfähig, so Gabriel, wäre der Titel des Buches berechtigt und Deutschland schaffe sich tatsächlich ab.

Keine Integrations-, sondern eine Selektionsdebatte
An anderer Stelle weist der SPD-Chef auf die Gefährlichkeit der Anwendung der Mendelschen Gesetze auf die Menschen hin. „Nimmt man Sarrazin ernst“, schreibt Gabriel, „ist es egal, ob sich die Eltern anstrengen, ihre Kinder zur Sprachförderung in den Kindergarten schicken oder die Hausaufgaben kontrollieren. Der Misserfolg ist ja bereits genetisch angelegt.“ Und er schlussfolgert: „Welch ein hoffnungsloses Menschenbild wird hier, mehr als 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung, produziert?“ Zu Sarrazins Forderung nach staatlichen Gebärprämien für junge Akademikerinnen schreibt Gabriel: „Welch ein Wahnsinn! Spätestens jetzt ist klar: Thilo Sarrazin führt keine Integrations-, sondern eine Selektionsdebatte.“

Schlimmer als der kritisierte Autor ist aus Sicht des SPD-Vorsitzenden allerdings die Rezeption seines Buches in den Medien, wo es trotz seiner gefährlichen Thesen weithin als notwendiger Tabubruch begrüßt worden sei.