Die Mär vom

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Anlässlich der Feierlichkeiten zur Gründung des Ministeriums für Auslandstürken in der Türkei sprach der Türkische Premier Recep Tayyip Erdogan vor zahlreichen Vertretern türkischer Minderheiten und Moscheevertretern aus dem Ausland.

Erdogan hob die Bedeutung des Ministeriums für die Auslandstürken hervor und definierte klare Ziele für den Beauftragten: „Was ist der Kern oder die Gemeinsamkeit all der verschiedenen Gruppen, die hier anwesend sind? Ich würde sagen: das Bekenntnis zur eigenen kulturellen Identität. Das vereint Sie, verbindet Sie und das lässt Sie trotz unterschiedlicher Lebenssituationen auch immer wieder zusammenfinden und dem Beauftragten sagen, worum es eigentlich in der Ausführung dieser Aufgabe geht. Ich glaube, es ist auch richtig und wichtig, dass wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass es ein ureigenes und auch ein ganz natürliches Bedürfnis ist, die eigene Sprache zu sprechen und die eigenen Traditionen, Sitten und Bräuche zu leben und zu beleben. Genau das soll auch in der Zukunft weitergeführt werden.

In seiner Rede ging Erdogan auch auf Probleme mit Staaten ein, die sich eine Einmischung der türkischen Regierung nicht wünschen. „Das ist nicht immer einfach gewesen; da gab es dicke Bretter zu bohren. Das wird in gewisser Weise auch so bleiben. Es gab eine Menge Skepsis gegenüber unserer Unterstützung. Wir haben immer versucht, dieses Misstrauen abzubauen, allerdings mit einem klaren Kompass, nämlich dass es unser Recht und unsere Pflicht ist, diese Minderheiten auch außerhalb der Türkei zu unterstützen.

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Im weiteren Verlauf seiner Rede zitierte Erdogan den türkischen Innenminister Besir Atalay: „Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.“ Dabei legte Erdogan auf dieses „Fühlen“ ausdrücklich Wert: „Es kann ja sein – das ist auch im Gespräch mit den Titularnationen immer wieder möglich –, dass die meisten finden, alles sei in Ordnung, nur die, um die es geht, fühlen das nicht. Deshalb will ich ausdrücklich sagen: Es geht darum, dass sie sich gut fühlen, und nicht, dass wir oder dass andere Länder glauben, sie täten schon alles, was notwendig ist. Das ist die Grundlage des Gesprächs.

Faruk Celik, Beauftragter für Auslandstürken, hingegen machte auf die Notwendigkeit von türkischen Schulen im Ausland aufmerksam: „Im Zuge einer so verstandenen Hilfenpolitik kommt der Sprachförderung und der Förderung eines türkischen Schulwesens, das an die Bedürfnisse der türkischen Minderheit anknüpft, eine zentrale Bedeutung zu.

Eine klare Ansage
Viel Stoff für kontroverse Diskussionen. Erdogan gibt unmissverständlich vor, dass sie die Minderheiten außerhalb der Türkei dabei unterstützen werden, ihre kulturelle Identität, ihre Sprache, Traditionen, Sitten und Bräuche zu erhalten – zur Not auch gegen den Willen der Titularnationen. Denn entscheidend sei, wie sich die Türken im Ausland fühlten. Sich dafür einzusetzen sei das Recht und die Pflicht der Türkei. Der türkische Beauftragte hingegen scheint die Debatte um türkische Schulen in Deutschland erneut entflammen zu wollen. Insgesamt eine klare Ansage an alle Staaten, in denen türkische Minderheiten leben.

So manch einer wird an dieser Stelle möglicherweise enttäuscht sein, wenn er liest, dass hier weder Erdogan oder Atalay noch Celik zitiert wurden. Nein, es sind nicht die Worte des türkischen Premiers, Innenministers und Beauftragten; es sind Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und des Beauftragten der Bundesregierung, Christoph Bergner. Und wenn wir schon dabei sind: An dieser Stelle macht es Sinn, in den ersten vier Absätzen Türkei durch Deutschland, Türken durch Deutsche, türkisch durch deutsch, und Moschee durch Kirche zu ersetzen.

Und selbstverständlich fielen diese Worte auch nicht bei den Feierlichkeiten zur Gründung des Ministeriums für Auslandstürken, die tatsächlich ins Leben gerufen werden soll. Nein, diese Worte fielen – knapp sieben Monate nach dem Auftritt Erdogans in Köln im Februar 2008 – anlässlich der Feierlichkeiten zum „20 Jahre Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.“ Kurz: 20 Jahre Beauftragte für Auslandsdeutsche.

Wieso dieses Rollenspielchen?
Der Berliner Innensenator Erhard Körting (SPD) hatte sich kürzlich über die Türkei beschwert [1] und gemeint, dass dessen Einmischung die Integration der in Deutschland lebenden Türken erschwert. Er habe den Eindruck „etwa durch das kürzlich gegründete Ministerium für Auslandstürken -, dass der türkische Staat seine ehemaligen Bürger nach wie vor mit Beschlag belegt und meint, deren Angelegenheiten regeln zu müssen – als sei der türkische Staat für die in Deutschland lebenden Türken verantwortlich. Für die hier lebenden Türken sind aber wir in Deutschland verantwortlich.

Download: Die Reden von Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Christoph Bergner und viele weitere lesenswerte Beiträge für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sind in dem Band „Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland [2]“ [pdf] festgehalten.

Mehr als Körtings Äußerungen aber drängten folgende Worte Angela Merkels zu diesem Rollenspiel: „Die Garantie ihrer [gemeint sind Minderheiten in Deutschland] jeweiligen kulturellen Identität ist uns ein wichtiges Anliegen. So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Wieso, Frau Merkel, werden an dieser Stelle viele Leser schmunzelnd-ungläubig mit dem Kopf schütteln und sich insgeheim dennoch wünschen, dass Sie mit aller Konsequenz hinter Ihren Worten stehen?