Ausländerkind

Meine knifflige Integrationsgeschichte

Es heißt, das Hauptproblem sei, dass sich die Menschen mit Migrationshintergrund nicht ausreichend integrieren würden. Was bedeutet Integration? Es bedeutet, dass man die Sprache lernt, sich Kenntnisse über das Land und die Geschichte aneignet und vielleicht auch noch arbeitet.

Also, ich wurde in einer kleinen hessischen Stadt geboren, war dort das einzige Ausländerkind, bin dort in den Kindergarten gegangen und mein Deutsch hatte eher einen hessischen als ausländischen Akzent. Ich bin in einer wohlbehüteten Kleinstadt ohne Kriminelle, Drogenabhängige und Co aufgewachsen, in der die Ausländerfamilie die einzige Attraktion war.

Mal schauen inwieweit ich mich integrieren konnte. Also, die deutsche Sprache habe ich gelernt. Ich hatte sogar im Abitur Deutsch als Leistungsfach belegt und mit einem Abischnitt von 1,8 auch recht gut abgeschnitten. Also, sprachtechnisch gesehen: integriert.

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Weiterhin habe ich angefangen Recht zu studieren und dieses Studium auch erfolgreich abgeschlossen. Integrationstechnisch gesehen, sehr gut. Mit dem deutschen Recht kenne ich mich besser aus als die meisten Deutschen, die sich nicht mit dem Zusatz „mit Migrationshintergrund“ schmücken dürfen.

Soweit so gut. In meiner Freizeit versuche ich Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter die Arme zu greifen und versuche ihnen näher zu bringen, dass auch sie ein Teil dieser Gesellschaft sind und sich hier zu Hause fühlen sollen.

Nach dem Jurastudium wollte ich meinem Integrationsziel noch näher kommen und habe meine Referendariatsstelle bei Gericht angetreten. Mit leichter Nostalgie blickte ich vom Gericht auf das genau gegenüber liegende Krankenhaus, in welchem ich das Licht der Welt erblickte und fühlte mich heimisch. Bis hierher klingt alles sehr integriert.

Dummerweise hielt dieses heimische Gefühl nicht lange. Kurz nach meinem Antritt wurde ich vom Präsidenten des Gerichts gerufen. Ich dürfe nicht neben dem Richter sitzen.

„Aber warum denn? Ich habe doch mein Examen erfolgreich abgeschlossen und soll doch hier ausgebildet werden.“

„Nein, wenn ich neben dem Richter sitze, gefährde ich die Neutralität.“

„Wie? Ich sitze doch nur neben ihm und ich habe doch wie die anderen alle auch bei Amtsantritt auf die Verfassung geschworen.“

„Nein, durch das Kopftuch, welches ich trage, nutzt keine Beteuerung mehr. Allein meine Anwesenheit im Gerichtssaal neben dem Richter gefährdet die Neutralität.“

Da ich Staatskirchenrecht als Wahlfach hatte, versuchte ich zu erklären, das Deutschland eben kein säkularer Staat ist, wie z.B. Frankreich, und dass Neutralität auch bedeuten, dass alle Religionen gleichermaßen zugelassen werden, wie z.B. in England, wo die Polizisten mit der Uniform ein Sikhturban oder das passende Kopftuch bekommen und tragen dürfen.

Man könnte jetzt sagen: „Dann geh doch nach England“. Aber ich bin doch hier zu Hause, ich habe hier das Rechtssystem studiert. Meine Familie, meine Freunde sind hier. Viele deutsche Eigenschaften entsprechen meinem Wesen. Ich mag Deutschland, ich bin hier zu Hause. Ich kann weder etwas mit dem englischen Humor noch mit dem Rechtsfahrsystem anfangen. Außerdem will ich doch gar nicht weg. Mein zuhause ist hier.

Nachdem die Diskussionen mit dem trotzdem sehr freundlichen, aber doch eine ganz andere Meinung vertretenden Präsidenten nichts brachten, musste ich im Zuschauerraum Platz nehmen.

Viele meiner Referendariatskollegen kamen aus anderen Bundesländern nach Hessen, weil man bei uns schneller einen Referendariatsplatz bekam. Sie durften in meiner Heimatstadt neben dem Richter sitzen. Aber ich habe doch genauso Examen gemacht wie die anderen. Ich habe genauso gelernt. Und wie befremdlich, diejenigen, die nicht mal richtig hessisch sprechen konnten und nicht wussten, wo es die besten Pommes gab und wie der Kioskverkäufer um die Ecke heißt. Sie durften und ich nicht.

Plötzlich war ich die Fremde in meiner Heimatstadt. Es wurde diskutiert und diskutiert. Manchmal mit mir, aber oft über mich. Über mich und mein Kopftuch und darüber, dass ich den Rechtsstaat gefährden würde.

„Aber nein, ich stehe dazu, ich finde die freiheitlich-demokratische Grundordnung gut und ich habe doch geschworen sie zu schützen. Ich habe das wirklich so gemeint, sonst hätte ich es nicht geschworen.“

„Nein, das reicht nicht“, heißt es dann. „Erst wenn Du das Tuch absetzt, glauben wir dir.“

„Ja, aber Moment mal. Ich soll mich doch emanzipieren. Außerdem ist die Annahme dass man ohne Tuch nicht auch die Neutralität gefährden könnte, wenn man denn wolle doch wirklich naiv. Mit Tuch achtet doch jeder erst Recht darauf. Ohne wäre es unauffälliger und einfacher. Aber da ich das gar nicht möchte, spielt das keine Rolle. Ich will das tun was ich für richtig halte. Ich soll mich doch befreien. Ein freier Mensch sein.“

Ja, das soll ich, aber ohne Tuch. „Seien Sie eine freie, emanzipierte Frau, aber bitte ohne Tuch!“ heißt es dann.

„Aber für mich gehört das Tuch dazu. Ich kann es nicht einfach ausziehen. Das wäre für mich gleichbedeutend mit „Zieh, Deine Hose aus“. Das geht nicht. Ich würde mich schämen. Außerdem hätte ich ein schlechtes Gewissen. Ich würde mich unwohl fühlen. Auch steht doch im Grundgesetz, dass ich meine Religion ausüben darf und dass niemand aufgrund seiner Religion benachteiligt werden darf. Und das alle Religionen gleich behandelt werden müssen.“

„Werden sie doch auch,“ heißt es dann. „Außer die christlich- abendländische Religion, die ist gleicher als die anderen. Da Deutschland ein christlich abendländisch geprägtes Land ist, darf man diese bevorzugen bzw. ist das gar keine Bevorzugung. Sie ist einfach gleicher als die anderen.“

„Moment mal, mag ja sein, dass die Mehrheit der Menschen ein christlich- abendländisches Werteverständnis hat, aber wieso nimmt man dann die Klausel alle Religionen seien gleich nicht einfach aus dem Grundgesetz heraus? So suggeriert man nach außen, man würde alle Religionen gleich behandeln, tut es aber nicht. Da erscheint mir Frankreich mit seinem Säkularismus ehrlicher.“

„Die Klausel kann man nicht herausnehmen“, kommt dann als Antwort. „Aufgrund der Vorkommnisse während des Nationalsozialismus gibt es gemäß Art. 19 II GG die Wesensgehaltsgarantie. Danach darf ein Grundrecht in keinem Fall in seinem Wesensgehalt angetastet werden. Es soll vermieden werden, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus wiederholt.

„Ach, und die Gesetzestexte dann so anders interpretieren, das obwohl explizit drin steht, dass alle gleich sind, dann doch eine gleicher ist, das geht? Das kann doch gar nicht sein.“

„Doch, genauso ist es“, widerspricht man dann und fügt hinzu: „Es ist ja auch so, dass du armes kleines kopftuchtragendes Mädchen ja gar nicht weißt, was gut für dich ist. Du wurdest einer Gehirnwäsche unterzogen und weißt eigentlich gar nicht was richtig für dich ist.“

„Moment mal, werde ich da gerade für unzurechnungsfähig erklärt? Ich bin eine erwachsene Frau und weiß sehr wohl, was ich tue. Ich weiß, was ich will und ich weiß, was ich nicht will. Ich könnte das Tuch jederzeit abnehmen. Mich würde und könnte auch kein Mensch daran hindern. Aber das will ich nicht. Ich werde nicht unterdrückt.“

„Aber das weißt du doch gar nicht“, erklärt man mir. „Wirkliche Freiheit besteht darin, kein Kopftuch zu tragen.“

„Wie? Ich dachte Freiheit würde bedeuten, dass ich mir aussuchen kann, was ich will. Lasst mir doch bitte die Freiheit SELBST zu definieren was Freiheit für mich bedeutet. Genau darin besteht doch die Freiheit. Ich fühle mich frei. Wollt ihr mich jetzt zu einem von euch bestimmten Freiheitsbegriff zwingen? Hat mit Freiheit aber nicht mehr viel zu tun.

Die Referendariatszeit ist seit einiger Zeit vorbei. Leider ist ein kleiner Knacks geblieben. Es war eine schwere Zeit. Sich immer wieder verteidigen zu müssen, immer wieder beteuern zu müssen, dass man keinen islamischen Staat errichten möchte, dass man zur Verfassung steht und dass man nicht unterdrückt wird. Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, die Menschen misstrauen mir. All das wegen eines Stückes Stoff 80 x 100 cm? All die Diskussionen, all die Blicke, all die Konfrontationen. Nicht das der Examensstress, die vielen Akten, die Aufgaben, die man bekommt, schon genug wären. Dazu auch noch der emotionale Stress. Und es heißt immer, „nehmen Sie es bitte nicht persönlich.“

Wie denn das bitte? Sie verlangen von mir, dass ich mein Tuch abnehmen soll, weil sie davon ausgehen, ich würde die Neutralität des Gerichts untergraben und ich soll es nicht persönlich nehmen?

Eine zeitlang habe ich es sehr persönlich genommen. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, ob ein Land, welches mir das Gefühl, ich sei ein Neutralitätsmonster, welches den Richter samt Neutralität fressen würde, wenn es neben ihm sitzen würde, meine Heimat sein kann.

Ich habe es überwunden, nach dem Motto, es ist meine Heimat in guten und in schlechten Zeiten.

Jetzt geht wieder die Diskussion los. Es wird diskutiert, ob in Rheinland- Pfalz ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen eingeführt werden soll. Und ich denke mir, „oh nein, die armen Betroffenen.“ Schon wieder diese Diskussionen. Schon wieder diese pausenlosen Rechtfertigungen, schon wieder diese Blicke. Schon wieder das Gefühl etwas ganz anderes zu sein. Schon wieder diese Unterstellungen. Schon wieder dieses Gefühl man sei das Neutralitätsmonster.

Ich frage mich, was ist die Alternative? Abnehmen? Das Tuch abnehmen? Ich soll mich doch emanzipieren. Ich soll das tun, was ich für richtig halte. Ich soll nicht auf meinen Vater oder Bruder hören, wenn sie mich zwingen ein Tuch zu tragen. Aber auf den Präsidenten des Landgerichts, wenn er sagt, ich solle es abnehmen? Ist das nicht dasselbe? Werde ich nicht auch hier gezwungen etwas zu tun, was ich nicht möchte? Werde ich nicht auch hier gehindert mich frei zu entfalten? Wird mir nicht auch hier etwas aufgedrückt, was ich nicht möchte? Werden nicht auch hier meine Karrierechancen auf Null reduziert?

Heißt es nicht immer, „Kopftuchfrauen dieser Welt emanzipiert euch!“ Scheinbar nur in eine gewisse Richtung und zu einem gewissen Grad.

Putzen im Supermarkt: ja; Küche im Krankenhaus: ja; Bügeln in der Wäscherei: ja;

Aber Ärztin im Krankenhaus: nein; Richterin im Gericht: nein; Lehrerin in der Schule: auch nein.

Ja, wie jetzt? Putzen, bügeln und kochen zu Hause bedeutet unterdrückt und nicht integriert zu sein?

Putzen, kochen, bügeln außerhalb des Hauses bedeutet nicht unterdrückt und dafür aber integriert sein?

Lehren, richten und verarzten bedeutet …

Ja, was bedeutet es denn? Integriert oder nicht integriert? Oder so wie der Jurist sagen würde „die Integration ist solange schwebend unwirksam, bis das Kopftuch abgenommen wird“?