Studie

Antisemitismus ist Alltag an der Schule, Schweigen auch

Antisemitismus © MiG

Antisemitismus ist in der Schule Normalität, verbreitet sind auch Schweigen, Wegsehen und Bagatelisieren. Das sind Ergebnisse einer aktuellen Studie, die am 6. Dezember veröffentlicht wird. Prof. Dr. Julia Bernstein sprach vorab mit MiGAZIN über die wichtigsten Ergebnisse der Studie.

„Du Jude“ als Schimpfwort oder Sprüche wie, „mach keine Judenaktion“ oder „sei doch nicht so jüdisch“, wenn ein Schüler zum Beispiel das Gefragte nicht ausleihen will, sind im Klassenzimmer und auf dem Schulhof Normalität. Vergasungssprüche oder Hakenkreuze mit eindeutigem Bezug zum Holocoust oder Israelbezogener Antisemitismus sind ebenfalls verbreitet ebenso wie Verschwörungstheorien zu jüdischer (All-) Macht. In allen weiterführenden Schulformen. Auf Regel- wie auf Privatschulen. In der Stadt oder auf dem Land. Das sind Ergebnisse von Julia Bernsteins aktueller Studie zu Antisemitismus an der Schule, die am 6. Dezember veröffentlicht wird. Sie sprach vorab mit dem MiGAZIN über die wichtigsten Ergebnisse der Studie.

Bernstein ist Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences und hat Antisemitismus an der Schule erstmals aus der Sicht von Betroffenen und Lehrkräften wissenschaftlich untersucht. Mit insgesamt 227 Interviews hat sie Lehrkräfte aus weiterführenden Regel- und Privatschulen überwiegend in Hessen befragt, sowie jüdische Lehrkräfte und jüdische Jugendliche oder ihren Eltern, die Antisemitismus an der Schule erlebt haben, bundesweit.

Schweigen ist schlimmer

Bernstein sagt: „über das ‚wehret den Anfängen‘ sind wir längst hinaus.“ Adäquate Reaktionen seien in Schulen aber noch die Ausnahme. Antisemitische Stereotype würden oft überhört oder abgewiegelt, „das war nicht so gemeint“. Es fehle das Bewusstsein, dass auch mit „nicht so gemeinten“ Stereotypen judenfeindliche und antisemitische Bilder vom „Juden als Personifizierung des Bösen“ oder vom „geizigen, geldgierigen Juden“ transportiert und gefestigt werden. Auch fehle die Kenntnisvermittlung für Antisemitismuskritische Bildungsarbeit im Lehramtsstudium.

Die von ihr befragten jüdischen Jugendlichen oder ihre Eltern, die Antisemitismus in ihrer Schule erlebten äußerten, dass sie das Schweigen der anderen als ebenso schlimm oder noch schlimmer empfanden als die Vorfälle selbst. Statt Schutz zu erhalten, hörten sie Beschwichtigungen oder dass sie nicht so empfindlich sein sollten. Auch eine jüdische Lehrkraft, die immer wieder mit „Du Jude“ beschimpft wurde und Unterstützung vom Schulleiter forderte, erfuhr Ignoranz. Dieser habe geantwortet: „Du bist doch Jude – wo ist das Problem?“

Problem: Bagatellisierung

Auch harte Vorfälle würden bagatellisiert und Aufklärung verhindert, vorgeblich um den Ruf der Schule nicht zu gefährden. Dabei könne es den guten Ruf einer Schule fördern, wenn diese auch öffentlich zeige, dass sie reagiert und sich für Betroffene einsetzt und Lehrende und Schüler sensibilisiert, meint Bernstein.

Überrascht wurde Bernstein von der Relevanz von Judenfeindlichen Bildern aus dem christlichen Mittelalter. Ein Lehrer, der sich selbst als atheistisch bezeichnete, hatte die Religionszugehörigkeit seiner Schüler verunglimpft und Juden zudem als Gottesmörder beschuldigt. Ein Mädchen erzählte, dass ein Junge seinen Kopf gepackt hätte und auf seinen Protest gesagt hätte, er wolle nur mal die Hörner fühlen.

Die Entlastungsfunktion des Weghörens

Weghören an der eigenen Schule habe beim Thema Antisemitismus auch eine Entlastungsfunktion, auch im Hinblick auf die eigenen Familiengeschichten, sagt Bernstein. Mit aktiven Reaktionen auf antisemitische Äußerungen müssten Lehrkräfte die vorherrschende Meinung und Komfortzone verlassen, dass die Tradierung familiärer Täter- und Mitläuferschaft im Holocaust und damit auch der Antisemitismus in Deutschland hinreichend aufgearbeitet und überwunden sei.

Auch für die, die es täglich hören, sei die Erkenntnis, dass es Antisemitismus an der eigenen Schule und damit mitten in der Gesellschaft gibt, womöglich schwer zu ertragen. Viele würden das „harte Wort Antisemitismus“ gar nicht aussprechen wollen. Sie sehen es wenn woanders. Lehrkräfte aus Hessen in Schulen in Berlin zum Beispiel, die mit antisemitischen Mobbingfällen in die Schlagzeilen gerieten.

Reaktion oft bei harten Schimpfworten

Bernstein erfuhr, dass Reaktionen oft erst auf harte Schimpfworte oder Tagen folgten wie „Judenschwein“ oder eindeutige Bezüge zum Holocaust bei Vergasungssprüchen. Doch selbst zum Spruch „bis zum Vergasen“ hörte sie als Beschwichtigung, das stamme ja aus dem 1. Weltkrieg und stelle daher keinen Bezug zum Holocaust her. Gängige Sprüche wie „dich (deine Vorfahren) haben sie wohl beim Vergasen vergessen“ mit eindeutigem Bezug zur Judenvernichtung hörte sie auch in einem anderen Projekt von Juden, die in den 50er, 60er und 70er Jahren in Deutschland zur Schule gingen.

Die Frage, ob Antisemitismus aktuell zugenommen habe, kann sie wissenschaftlich nicht beantworten, es gibt in der Vergangenheit keine Studien zu Antisemitismus an Schulen. Dennoch gewann sie in Gesprächen mit Juden den Eindruck, dass in den vergangenen zehn Jahren eine Enttabuisierung stattgefunden habe und stigmatisierende Bilder oder sogar Vernichtungsfantasien wieder offener gesagt würden.

Praktischen Handlungsmöglichkeiten

Ein ganzes Kapitel der Studie ist praktischen Handlungsmöglichkeiten gewidmet. Sie sieht Schule als Spiegel der Gesellschaft, aber auch als Chance, um Grenzen und andere Perspektiven, insbesondere die der Betroffenen aufzuzeigen. Sie empfiehlt Beziehungsarbeit, persönliche Geschichten und Kontakte, die Einladung von Shoa Überlebende auch aus der zweiten Generation, oder Begegnungen, um jüdisches Leben heute positiv zu vermitteln.

Sie verweist auch auf die Angebote vom Kompetenzzentrum der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, das bundesweit Schulen und Lehrkräfte berät und Projekte im Bereich der Holocaust Education, Antidiskriminierungspädagogik und Antisemitismusprävention anbietet.

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