Frankreichs WM-Sieg

Erfolg sagt nichts über Integration und Vielfalt aus

Die französische Flagge © notfrancois auf flickr.com (CC 2.0), barb. MiG

Frankreichs WM-Sieg wird als Positiv-Beispiel für ein buntes Land gefeiert. Das finde ich gefährlich, denn im Falle einer Niederlage wäre die gesellschaftliche Vielfalt mindestens angezweifelt worden. Von Said Rezek

Nach dem deutschen Vorrunden-Aus mehrten sich hierzulande die Stimmen, wonach Multi-Kulti gescheitert- und insbesondere Mesut Özil für das Ausscheiden der Mannschaft verantwortlich ist. Neben AfD-Politikern, DFB-Funktionären, Fußball-Rentnern und Pseudo-Experten durfte jeder einmal auf Özil draufschlagen.

Es war sicher kein Zufall, dass ausgerechnet Özil als Sündenbock auserkoren wurde. Als Migrant und Muslim bot er reichlich Angriffsfläche. Jerome Boateng brachte das System dahinter sehr treffend auf den Punkt: „Wenn es gut läuft, sind wir Deutsche. Wenn es schlecht läuft, sind wir Ausländer.“

Franzose bei Sieg, Araber bei Niederlage

So ähnlich läuft es auch in Belgien. Einer ihrer besten Spieler sagte: „Wenn es gut lief, war ich Romelu Lukaku, der belgische Stürmer. Wenn es nicht gut lief, war ich Romelu Lukaku, der belgische Stürmer kongolesischer Abstammung.“

Zurück nach Frankreich: Der algerisch-stämmige Spieler Karim Benzema meinte einmal, es sei wirklich nicht einfach mit den Fans: „Wenn ich ein Tor schieße, bin ich Franzose, aber wenn ich keins schieße oder wenn es Probleme gibt, dann bin ich Araber.“

Es geht nur um Fußball

Die Parallelen sind offensichtlich. Fußballerische Siege werden zu Indikatoren für individuelle Integrationserfolge und als Maßstab einer multikulturellen Gesellschaft herangezogen. Dabei geht es um Fußball. Um nicht mehr und nicht weniger.

Hierzulande haben 20 Prozent einen Migrationshintergrund. Von daher darf nicht zur Debatte stehen, ob wir eine vielfältige Gesellschaft sind oder nicht. Und das sollten wir erst nicht davon abhängig machen, ob wir Weltmeister werden oder in der Vorrunde ausscheiden. Der Fußball kann uns wiederum eines lehren, nämlich: Das wir gemeinsam gewinnen oder eben verlieren. Glückwünsch Frankreich, für die fußballerische Leistung!

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Kommentare (1)
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  • Rudolf Stein

    „Erfolg sagt nichts über Integration und Vielfalt aus“ Als ich diese Überschrift las, hatte ich ein Déjà-vu: 1954 – die BRD wurde erstmalig und unerwartet Fußballweltmeister. Ausgerechnet gegen die Klassenbrüder aus Ungarn. Ein gewisser Karl-Eduard von Schnitzler schrieb damals aus diesem Anlass einen Kommentar im Neuen Deutschland. Sein Kernsatz war sinngemäß:“Diese Weltmeisterschaft der westdeutschen Fußballer ändert nichts an der historischen Tatsache, dass auch in der westdeutschen Bundesrepublik der Sozialismus gemäß der Lehre von Marx und Lenin, siegen wird. Der hintergründige Sinn des Textes war: Westdeutschland ist Fußballweltmeister, aber das viel Bedeutendere ist, dass die DDR in der historischen Entwicklung bereits mindestens einen Schritt weiter ist. Will uns der Artikel sagen, dass – obwohl Deutschland blamabel ausgeschieden ist – in seiner gesellscahftlichen Entwicklung aber historisch einen Schritt weiter ist als Frankreich?