MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010
Anzeige

Nebulöse Ketten

Deutschstunde oder wie wir Denken sollen!

Martin Walser und Halle, Lübcke-Mord und NSU, Migration und Schattenarmee, Gewalt und Medien, AfD und Elite – und unsere Nazis. Versuchen wir diesen Argumentations- und Assoziationsketten, so nebulös sie auch konstruiert sein mögen, einmal zu folgen. Spaßeshalber.

glatze, rechts, rechtsextremismus, nazi, neonazi
Glatze © Photocapy auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAlpay Yalçın

Alpay Yalçın hat Politologie und Germanistik studiert. Er arbeitete in der freien Wirtschaft als Anwendungsentwickler, hat für ein diplomatisches Magazin geschrieben, sowie für ein Magazin für die deutsche Minderheit in Polen. Er arbeitete als Integrations- und Anti-Aggressions-Co-Trainer in einer JVA.

DATUM21. November 2019

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Vor-Gedanken: In der Diskussion um eine Grundrente kam es zu dem Argument, dass keine Bedürftigkeitsprüfung dem Steuerzahler nicht zu zumuten sei. Aber die jahrelange Verschwendung von Steuergeldern beim Bau des Berliner Flughafens BER schon? In der Diskussion um Kürzungen beim ALG II, kam es zur Aussage, dass in Deutschland niemand verhungern müsse. Die Würde beginnt also beim Hunger?!

Hier treffen sich Beschreibungen über ALG II-Bezieher/Arme und soziale Außenseiter die zu Tätern werden: beide sind isoliert und bewegen sich nur noch im Internet. Warum in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich soziale, aber nicht wirtschaftliche Transfers thematisiert werden, legt die marode Rolle der etablierten Medien offen. Die verbalen Entgleisungen könnten unter anderem auch hier ihren Ursprung haben: diese Argumentations- und Assoziationsketten auch noch alimentieren zu müssen. Versuchen wir diesen Ketten, so nebulös sie auch konstruiert sein mögen, einmal zu folgen. Spaßeshalber.

Fasst man den Ablauf des Anschlags in Halle zusammen, so wird man das Gefühl nicht los, dass er den ideologischen Hintergrund des sogenannten NSU-Komplexes zusammenfasst oder symbolisiert. In der Nacht vor dem Besuch von Ignatz Bubis im April 19961 in Weimar, baumelte eine Puppe mit Davidstern und der Aufschrift Jude von einer Autobahnbrücke der A4 nahe der Ortschaft Pösen bei Jena. Trotz des richtigen Riechers der Polizei und der Verurteilung durch das Amtsgericht Jena, hob im Berufungsverfahren das Landgericht Gera das Urteil gegen Uwe Bönhardt wieder auf.

Zwei Jahre später spricht Martin Walser bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels davon, was „…. Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande“. Später distanzierte sich Walser deutlich von dieser Rede. Stella Hindemith bewegten diese Worte zur Aussage: „Dafür tragen nicht zuletzt Angehörige der kulturellen und politischen ‚Elite‘ wie Martin Walser die Verantwortung“ und verortet die Elite genau richtig, nämlich bei denjenigen, die sich nun als Opfer der Neo-Nazis (oder vielleicht auch: Straßennazis) generieren.

Erst als das wahre Ziel der Rechten publiziert, und auch bei der Dramaturgie des Anschlags in Halle – aber auch beim Lübcke-Mord – offenbar wurde, reagierten diese Eliten. Wenn politische Amokläufer keine Juden oder Politiker vor die Flinte bekommen, dann erwischt es zufällig Straßenpassanten oder, etwas ‚zielgerichteter‘, Personen in einem Döner-Imbiss.

Man könnte hämisch hinzufügen: Das könnte auch ein Ergebnis sein, Multi-Kulti als für tot zu erklären. „Stattdessen ist von politischer Seite die Integration etabliert worden. Integration als neuer Maßstab fordert von Migranten, deutsche Werte, deutsche Normen und deutsche Sitten zu übernehmen.“2

Das Offenbare, nämlich die nationale Erneuerung durch Migration, wird selten thematisiert. Ob Hugenotten, Juden, Türken oder nun Flüchtlinge. Hüben wie drüben, damals wie heute, treten die Vertriebenen und Ermordeten auch als kulturelle Erneuerer auf, deren intellektuelle Beiträge die Kulturnation erst mitbegründen. Denn im hermeneutischen Rückblick sind die „nationalen Kulturgüter“ eben immer übernational. Ihre historische Bedeutung für die Kulturnation offenbart sich in ihrer globalen Rezeption. Und in dieser Hinsicht, und nur in dieser Hinsicht, war Hitler „kosmopolitisch“ und führte eine traditionelle Denkweise der deutschen Nationalromantik3 fort.

Während also die „Herausforderungen der Begriffsgeschichte“4 sich an „Demokratie“, „Autorität“, „Schuld“, „Restauration“, etc. abarbeiten, will dem Autor noch immer niemand erklären, wie aus dem Kosewort für Ignatz (auch abwertend: dumm, einfältig, etc., aber auch Soldaten der kuk-Monarchie (Österreich-Ungarn)), unser heutiges „Nazi“ als Bezeichnung für Nationalsozialist (was ja abgekürzt: NaSo bezeichnet werden müsste) wurde.

Dieser Zusammenhang kulminiert in einer Aussage eines Pegida-Anhängers: „Wir sind ja auch nicht geflüchtet.“ Ob damit die Flucht aus der DDR oder aus dem Dritten Reich gemeint war, ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Es gibt Menschen, die brauchen nicht zu flüchten. Familien-Clans, denen es noch nie schlecht ging?!

So kann im Nachgang von NSU-Verklärung, Schattenarmeen und falschen Flüchtlingen gesagt werden: Ja es sind Nazis (jeweils mit den Präfixen: Strassen- oder Neo-), aber es sind unsere Nazis, und auch deren Würde muss geschützt werden. Diese Assoziationskette führt sich fort, wo in Harald Lüders „Dunkelmacht“5 der Terror aus den Sicherheitsbehörden kommt (Franco A.?), und der Nachname des Autors zufällig dem der NSU-Ausschussvorsitzenden Lüders im NRW-Untersuchungsausschuss zum selben Thema gleicht, die zufällig auch in einem arbeitsrechtlichen Verfahren Anwältin des späteren Polizistenmörders Michael Berger war. Wer war Michael Berger nochmal?

Und so verortet das Autoren-Team Conny Schwarz in ihrem Buch „Der Dunkle See“6 einen NSU-Zusammenhang nicht nur im Osten der Republik, sondern auch in einer süddeutschen Kleinstadt. Man bedenke den Anruf an den Tatort Theresienwiese aus einer hohenlohischen Gemeinde, kurz vor der Tat, aus einer Firma die zufällig die Instrumentenschränke für die Spurensicherung produziert.

In einer Talk-Runde sprechen Teilnehmer von einer „eingewanderten Gewalt“, ob aus dem Netz oder aktuell im Zusammenhang mit Antisemitismus aus dem Nahen-Osten. Damit sind die etablierten Medien (sie haben z.B.: die AFD mitetabliert, warum nicht z.B. die MLPD) nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems, weil sie sich politischen Konjunkturen und nationalen Vorgaben unterordnen, anstatt sie kreativ zu bearbeiten. Der Ausschluss einer europäischen Perspektive zeugt davon.

So gesehen sind Flüchtlinge, ob im Straßen- oder Medienjargon, nur eines: Ein Problem. Die Reaktionen auf diese „Verlautbarungen“ der etablierten, vielleicht überregionalen, Medien sind dann in den sozialen Medien nachzulesen: Was ist mit islamistischem und linkem Terror?

Was die etablierten, vielleicht Großstadt-Medien, und die aktuelle politische Klasse, nicht auszusprechen wagen, lassen sie durch eine geschickte Argumentations- und Assoziationskette ‚vermeintliche‘ Nazis aussprechen. Man bedenke die Reaktion der Politik nach den Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen. Die Opfer rechter Gewalt sind aus dieser Warte „Kollateralschäden“ der deutschen Identitätssuche der Wende- und Nachwendezeit, die bis heute im ‚alternativen‘ Visier der Identitätssuchenden sind. Dass die meisten möglichen Opfer auf Listen, die unter anderem als ominöse 10.000´er-Liste bekannt wurde, nicht darüber informiert wurden und werden, schwächt diese These nicht gerade ab. Ein solches Verhalten erinnert an folgende Aussage:

„Im Namen der Kriminalprävention können so in vielen deutschen Großstädten künstliche Einkaufswelten unter Ausschluss sozialer Randgruppen mit kriminalpräventiven Bürgerforen legitimiert werden.“7

Was die etablierten Medien wirklich interessiert, oder eben nicht interessiert zeigt sich bei der Vorstellung der Langzeitstudie zur Kinderarmut in Deutschland. Im Pressesaal sitzen gerade einmal vier Journalisten – vor allem die Interaktion zwischen der Vertreterin des evangelischen Pressedienstes und der Sprecherin der Studie ist beeindruckend. So sehr sich also die AfD als Alternative präsentiert sehen will, letztendlich folgt sie den unausgesprochenen Argumentations- und Assoziationsketten der von ihnen kritisierten Eliten. Und noch immer spricht aus diesen Ketten eine Elite, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlt. Das Wechselverhältnis zwischen Elite und Zivilgesellschaft offenbart sich dann in folgenden Zusammenhängen:

„Die Befragten des SVR-Integrationsbarometers sind einhellig der Auffassung, dass die Medien unangemessen negativ berichten und die verschiedenen Zuwanderergruppen ein besseres Medienimage verdient hätten. Dabei wird an der Mediendarstellung von ‚Arabern‘ und ‚Muslimen‘ die stärkste Kritik geübt.“

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, was es bedeuten und auslösen würde, wenn in naher Zukunft der NSU als Geheimdienst-Konstruktion entlarvt werden würde. Können wir uns vorstellen, was mit all den Autoren und Journalisten, sowie Politiker, die sich vehement für die Opfer eingesetzt haben, werden würde? Können wir uns vorstellen, was in der politischen Landschaft in diesem wiedervereinigten Land passieren würde?

Der Konjunktiv II (Irrealis), spricht nicht nur unmögliche, unwahrscheinliche Formulierung von Bedingungen und deren Folgen an, sondern auch Vorstellungen, Wünsche, die sowieso nicht eintreten werden oder unmöglich sind, oder eben Zweifel des Ausdrückenden/Schreibers/Sprechers an bestimmten Sachverhalten zum Ausdruck bringen.

Das Problem: Die vorgetragenen Zusammenhänge lassen im Fall des NSU Zweifel aufkommen. Nicht unbedingt an den Abläufen und personalen Bezügen, sondern an den veröffentlichten Interpretationen. Vor allem wenn man bedenkt, wie ‚ordentlich‘ die deutsche Bürokratie arbeitet.

So oder ähnlich klingen die vorgebrachten Zweifel z.B.: aus der baden-württembergischen AfD. Das klingt im Nachgang: Als hätten interessierte Kreise den NSU inszeniert, um auf staatliche rechtsradikale Netzwerke hinzuweisen, da etablierte Medien nicht, oder nur ungern, darüber berichten würden. Worüber und in welchem Format berichten also deutsche Medien in diesen Fällen?

Am Beispiel der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Freiburg teilt sich die Berichterstattung in zwei Schwerpunkte: Zum einen die Wirkung von Drogen, zum anderen die Bedrohungen gegenüber der Justiz und den Sicherheitsbehörden. Im ersten Fall wird ausgiebig über die Drogenerfahrung z.B. der Nebenklägerin lamentiert. Zum anderen weiß der Leser nicht, von wem die Justiz bedroht wird. Eindeutigkeit bringt eben keine Leser. Oder doch?

Warum z.B. in den etablierten Medien die Veröffentlichung einer Lageeinschätzung zu rechtsterroristischen Strukturen in der Bundesrepublik, kurz vor dem Anschlag auf der Heilbronner Theresienwiese, nicht auftauchte, spricht für die Uneindeutigkeit, die hier produziert werden soll.

  1. Damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden []
  2. in: Nico Elste: Von der Migration zur Integration – Literarische Konstruktionen von Kultur und Kulturkonflikt in der deutsch-türkischen Literatur nach `89. Dissertation, Halle 2012, S.5 []
  3. Über diesen Zusammenhang: Gerd Langguth (Hrsg.): Autor, Macht, Staat. Düsseldorf 1994. Selbstverständlich ist die In-Verhältnissetzung eine eigene. []
  4. Christian Dutt (Hg.): Herausforderungen der Begriffsgeschichte. Heidelberg 2003 []
  5. Harald Lüders: Dunkelmacht. Frankfurt 2016 []
  6. Conny Schwarz: Der Dunkle See. Köln 2015 []
  7. Holtkamp, 2005, S. 22 []
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...