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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)
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Rezension zum Wochenende

„Das neue Wir“ von Jan Plamper

Migration ist das Normalste der Welt, Nation kein Schimpfwort. Der Historiker Jan Plamper erzählt die deutsche Geschichte seit 1945 radikal anders. Francesca Polistina hat es für das MiGAZIN gelesen.

Das neue Wir, Buch, Buchcover, Jan Plamper
"Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen" von Jan Plamper

VONFrancesca Polistina

 „Das neue Wir“ von Jan Plamper
Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Die Autorin unterstützt den gemeinnützigen Verein "Journalisten helfen Journalisten" (JhJ), zur Unterstützung von Journalisten und ihren Familien in Kriegs- und Krisengebieten. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM15. November 2019

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RESSORTAktuell, Rezension

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Es gibt zwei Gründe, warum es sich lohnt, sich mit der Geschichte der Migration zu beschäftigen. Der erste liegt darin, dass man das Phänomen besser einordnen kann: ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Menschen seit Urzeiten wandern, und die Deutschen sind typische Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Der zweite Grund hat eher mit dem Narrativ der Migration als bedrohliches Phänomen zu tun. Dieses Narrativ kursiert seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten: es ist also nicht neu, besser gesagt: es ist schon langweilig. Der einzige Unterschied ist, wer dieses Narrativ bestimmt und gegen wen der Hass gerichtet ist.

Der Geschichte der Migration von und nach Deutschland hat der Historiker Jan Plamper sein letztes Buch „Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen“ (S.Fischer) gewidmet. Jan Plamper, geboren 1970, ist Professor für Geschichte am Goldsmiths College in London. Er hat selbst mehrere Jahre im Ausland gelebt, darunter in den USA und Russland, und sich die Tradition der amerikanischen erzählenden Geschichtsschreibung zu eigen gemacht: sein Essay kombiniert historische Dokumente mit Erfahrungsberichten, die Sprache ist nicht nur den Akademikern, sondern allen zugänglich, die Lektüre spannend trotz der Komplexität der Inhalte.

Zu den üblichen Themen, die in Sachen Migration stets für Schlagzeilen sorgen, fügt er weitere Aspekte hinzu: so werden die Flüchtlinge 2015 und die Gastarbeiter als Teil einer größeren und vielseitigeren Geschichte präsentiert, zu der auch die Auswanderung aus Deutschland in die USA und nach Russland, die Einwanderung von zwölf Millionen Vertriebenen aus den Ostgebieten und die Migrationsdebatte ab den Nullerjahren gehören. Das Ergebnis ist ein Buch, in dem wenig bekannte oder vernachlässigte Kapitel der deutschen Migrationsgeschichte präsentiert werden, und dazu beitragen, ein Gesamtbild weit entfernt von Pauschalisierungen und Vereinfachungen wiederzugeben.

Es ist daher kein Zufall, dass das erste Kapitel des Buches nicht mit dem „Einwanderungsland Deutschland“, sondern mit der entgegengesetzten Bewegung beginnt. „Jeder Mensch ist Migrant, fast überall, fast immer – besonders die Deutschen“, lautet der Titel. Ein solches Statement könnte Politikern und Wählern eines bestimmten Spektrums nicht gefallen, und trotzdem zeigen die Zahlen, dass bis vor wenigen Jahrzehnten es die Deutschen waren, die massenhaft ihr Glück jenseits des Ozeans suchten.

„Heute stellen Deutsche von der Herkunft her die größte Gruppe in den USA“, schreibt Plamper, ein Sechstel der Bevölkerung in den USA gibt an, deutsche Vorfahren zu haben – mehr als die Afroamerikaner, die Latinos und die Italoamerikaner, die von der Filmindustrie immer wieder als Verkörperung des Anderen dargestellt werden. Mit einer Willkommenskultur wurden die Neuzugezogenen allerdings nicht aufgenommen. So schreibt der Autor:

Starke Gefühle gegenüber Migranten, vor allem Ängste, sind der Nährboden für Phantasien verschiedenster Art. Im Pennsylvania der 1750er Jahre fürchtete man, die deutschen Neuankömmlinge könnten unbekannte Krankheiten verbreiten. Immer wieder wurden Gesetzvorschläge gemacht, die Seuchengefahr, die angeblich von den Deutschen ausging durch Isolierung und Quarantäne zu bannen. Selbst bei einem eigentlich so vernünftigen, breit gebildeten Intellektuellen wie Benjamin Franklin glitt das Denken ins Phantasmatische ab, wenn es um die deutschen Einwanderer ging.

So schrieb Benjamin Franklin 1751 in einem Brief: „Anstatt dass die Deutschen unsere Sprache lernen, müssen wir die ihre lernen oder wie in einem fremden Lande leben“. Sprache, Krankheiten, Angst von der bedrohten Identität – im Kern war alles schon da: Wenn man das Wort „Deutsche“ mit „Araber“ oder „Türken“ ersetzt, könnte der Text, der vor mehr als 250 Jahren entstanden ist, sogar aktuell wirken. Wie es häufig bei Migration der Fall ist, hatte sich Benjamin Franklin allerdings verschätzt. Als er seine Angst vor einer deutschen Parallelgesellschaft ausdrückte, waren die Deutschen längst dabei, Amerikaner zu werden: ihre Nachnamen wurden von „Schmidt“ zu „Smith“, von „Jäger“ zu „Jager“ und „Hunter“, sie passten sich an und begannen sogar, die Sprache und Kultur des Ortes zu beeinflussen. Nicht, weil sie im Vergleich zu anderen besonders anpassungsfähig waren, sondern weil die amerikanische Gesellschaft es ihnen erlaubte.

Heute ist Deutschland ein Einwanderungsland, das sich aber schwertut, sich als „Einwanderungsland“ zu bezeichnen, obwohl dieser Status de facto seit mehreren Jahrzehnten andauert. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit wanderten zwölf Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten ein. Zwölfeinhalb Millionen in sechs Jahren, wahrscheinlich die größte Zwangsumsiedlung der Menschengeschichte.

„Die Aufnahmegesellschaft begegnete den Vertriebenen mit Ängsten, Ablehnung, konfessioneller Diskriminierung und Rassismus“, so der Historiker, der dem Thema ein umfassendes Kapitel widmet. Dass die Integration glückte, war keineswegs sicher, und trotzdem, wenn es um migrantische Phänomene nach Deutschland geht, denkt man sofort an die Gastarbeiter der Sechziger und Siebziger Jahre und an die Flüchtlinge 2015. Die Geschichte der Vertriebenen wird heute anders wahrgenommen, und rückt somit in den Hintergrund. Zu Unrecht, findet der Autor:

Wenn deutsche Vertriebene zu einer Migrantengruppe unter vielen würden, nicht wichtiger und höhergestellt als Migranten aus Eritrea, Spanien, der Türkei oder Kasachstan, dann wäre viel gewonnen. Im Großen und Ganzen ist ihre Geschichte nach dem Ankommen in Deutschland ja auch ähnlich wie die vieler anderer Migranten: erst kalte Aufnahme, dann zähes Hocharbeiten, heute erfolgreich.

Das Buch von Plamper zeigt, wie entscheidend Politik und Aufnahmegesellschaft sind, um aus jeder Migrationsgeschichte eine erfolgreiche zu machen – obwohl die Rede immer von der „Anpassungsunfähigkeit“ der Zugezogenen ist. Zwölf Millionen Vertriebene wurden in den fünfziger Jahren trotz der anfänglichen Schwierigkeiten (man sprach von einem „akutem Krieg zwischen Alt- und Neubürgern“) integriert, weil man das richtige Modell fand. Etwa: deutsch und schlesisch. Für die vierzehn Millionen Gastarbeiter, von denen elf Millionen zurückgingen, galt hingegen die Formel: Deutscher oder Ausländer – eine vielseitige, mehrkulturelle Identität wurde, und zum Teil wird immer noch, für unmöglich gehalten.

Genau hier liegt laut Plamper das Problem. Denn schließlich ist es so, dass wir alle unzählig viele Identitäten leben, die sich ständig wandeln. Doch nur in bestimmten Fällen lassen sich unsere Identitäten summieren: „Es gibt die Vorstellung, dass sich Deutschsein und die Herkunft aus einem anderen Land ausschließen – Deutsche oder Russin, beides gleichzeitig geht nicht. Oder dass man schon sehr lange hier gewesen sein muss, um ‚echt‘ deutsch zu sein. Oder dass man christlich sein muss. Oder dass man ein bestimmtes Aussehen haben muss“, so der Historiker.

Er plädiert dafür, das Verständnis von Nation breiter und inklusiver zu machen: Zusammengehen statt ausschließen – und er argumentiert in seinem Buch historisch. Das Modell, das er vorschlägt, herrscht seit den 1960er Jahren in den USA, und kann mit der Metapher der Salatschüssel erklärt werden: „Die Schüssel als die nationale Kollektividentität, in der viele Herkunftsidentitäten, die Blätter des bunten Salats, Platz haben“.

Für alle deutschen Staatsbürger mit zusätzlichem kulturellem Gepäck schlägt Plamper einen Sammelbegriff vor: „Deutsche plus“, oder „Plusdeutsche“. Sie sind Deutsche plus etwas, und sprechen andere Sprachen zusätzlich zum Deutschen. So ein Begriff legt Wert auf die mehrkulturelle Identität. Und trotzdem fragt man sich, insbesondere wenn es um zweite oder dritte Generationen geht: Wie wäre es einfach nur mit der Bezeichnung „Deutsch“?

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Ein Kommentar
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  1. Antoinette de Boer sagt:

    Ich werde auf jedenfall das Buch weiterempfehlen ( ohne es schon gelesen zu haben ) weil mir die Aufarbeitung des Problems und die Gedankengänge sehr sympathisch sind – wenn auch in seiner anscheinenden Zusammenfassung fast zu schön,um in naher Zukunft Wirklichkeit werden zu können.

    Die grössten Probleme zum Thema Migration liegen m.E. darin,dass auf der ganzen Welt,nicht nur bei uns ,Politik + Religion nicht getrennt gelebt werden sondern die Religionen politisch missbraucht und instrumentalisiert werden,siehe unter vielen Anderen in : Irland – Balkanländer – Syrien – Irak – Türkei – Iran – Saudiarabien – Pakistan – Indien etc. . . Christlich geprägte Länder haben Angst vor den Muslimen ( viele Krege ) – Buddhisten vor den Hindus und umgekehrt – Juden vor den Palestinensern und umgekehrt – die Auguren + Tibeter vor den Chinesen u s w . . .

    T r o t z d e m müssen wir A l l e versuchen ,Frieden + Toleranz anzustreben und dazu können u A. Bücher beitragen,wenn sie denn verständlich der Aufklärung dienen



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