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Die Wende – Ein semantischer Kampf der AfD

Am 9. November ist es soweit – 30 Jahre Mauerfall, die Wende. Es wird wieder darum gerungen, für wen die Wende was bedeutet, inklusive Umdeutungsversuche – wen wundert es – von der AfD.

Clara Herdeanu, Kolumne, MiGAZIN, Sprachrealität, Sprache

VONClara Herdeanu

Dr. Clara Herdeanu ist promovierte Linguistin und Kommunikationsexpertin mit rumänischen Wurzeln. Das Spannungsverhältnis von Sprache, Macht und Medien steht im Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Autorin arbeitet in der PR-Branche – zunächst bei einem Maschinenbauweltmarktführer und seit 2016 für eine internationale Kommunikationsagentur mit Fokus auf Digitalisierungsthemen. Zuvor studierte sie in Heidelberg und Rom Germanistik, Theologie und Archäologie. Die Linguistin erhielt Stipendien der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie der Deutschlandstiftung Integration. Herdeanu lebt in Berlin, wo sie sich ehrenamtlich bei Scientists 4 Future engagiert und im Publikumsorchester des Konzerthauses musiziert. Mehr von ihr gibt es auf Twitter.

DATUM4. November 2019

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RESSORTAktuell, Meinung

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Am 9. November ist es soweit – 30 Jahre Mauerfall. Privatpersonen, Medien und Politik diskutieren deshalb mit neuem Elan über die Ereignisse des Herbstes von 1989 – und es wird wieder darum gerungen, für was und für wen die Wende was bedeutet. Ein aktuelles Beispiel für den Versuch den Ausdruck die Wende umzudeuten, stammt – wen wundert es – von der AfD: Vollende die Wende und Wende 2.0 sprangen einem in diesem Jahr von den Wahlplakaten der Partei in Brandenburg und Thüringen entgegen.

Die AfD versucht hier, die Schlagkraft der historisch aufgeladenen Formulierung für sich zu nutzen. Die Deutung des historischen Ereignisses sollte in den Köpfen (potenzieller) Wähler zugunsten der AfD verschoben werden. Die Ergebnisse der Landtagswahlen sprechen dazu eine deutliche Sprache.

Woran liegt das? Es gibt dazu die bekannten gesellschaftspolitischen Erklärungsversuche: strukturelle und persönliche Umbrüche, unterschiedliche Lebensrealitäten und gesellschaftliche Unterschiede zwischen Ost und West. Viel subtiler sind aber die sprachlichen und diskursiven Faktoren. Wir erinnern uns: Sprache wirkt sich auf unser Denken aus, da wir mit Wörtern die Welt um uns herum begreifbar machen. Sprache beeinflusst also unsere Weltbilder – und das, obwohl wir selten darüber reflektieren, wie Sprache unseren Blick auf die Welt prägt.

Dies gilt für die Gegenwart wie auch die Vergangenheit. Hier kommt hinzu: Unsere Erinnerungen – auf der individuellen wie auch der kollektiven Ebene – sind Re-Konstruktionen. Das sogenannte kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ist diskursiv und sprachlich geprägt. In den Diskursen über vergangene Ereignisse, also den  thematischen Text- und Gesprächsnetzen, spiegeln sich sprachlich Machtverhältnisse.

Soll heißen: Deutungen sind nicht statisch, sondern stets im Fluss – quasi ein linguistisches Panta Rhei. Oder um es mit dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein auszudrücken: “Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache”.

Was also war der ursprüngliche Gebrauch der Formulierung und warum kann die AfD überhaupt versuchen, sich die Wende anzueignen?

Die Wende – eine linguistische Einordnung

Eine valide wissenschaftliche Quelle zur Begriffsgeschichte ist das Wörterbuch Schüsselwörter der Wendezeit aus dem Jahr 1997 von Dieter Herberg, Doris Steffens sowie Elke Tellenbach. Es basiert auf dem sogenannten Wendekorpus des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, in dem 3.387 Texte aus Medien, Politik und Gesellschaft in Ost- und Westdeutschland von Mitte 1989 bis Ende 1990 nach wissenschaftlichen Kriterien versammelt wurden.

Die Autoren arbeiten zehn Formulierungen für die gesellschaftspolitischen Ereignisse heraus: Veränderung, Wende, Reform, Revolution, Erneuerung, Wandel, Umbruch, Wandlung, Umwälzung und Umsturz (sortiert nach der absoluten Beleghäufigkeit). Das Wort “Wende hat als einziges eine wendezeitspezifische Neubedeutung hinzugewonnen” und wird auch nach den ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 am häufigsten verwendet.

Der erste Beleg der Formulierung Wende – noch mit distanzmarkierenden Anführungszeichen – stammt aus einem Text der Vereinigten Linken vom 5. Oktober 1989. Der wohl bekannteste Beleg (noch mit einem unspezifischen, unbestimmten Artikel) ist hingegen die Erklärung von Egon Krenz vom 18. Oktober 1989: “Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen”. Der SED-Generalsekretär nutzte dabei wohl “die Vagheit des Lexems aus, das den Sinn einer einfachen Kursänderung, einer Ablösung des politischen Personals haben kann, wie auch den eines tiefgreifenden Wandels”, wie der Germanist Michel Kauffmann 1994 in seinem Aufsatz „Wende und Wiedervereinigung. Zwei Wörter machen Geschichte konstatiert. Wegen dieses Bezugs zu Krenz’ Rede und des “sprachlichen Vereinnahmungsversuch(s)” erfuhr der Ausdruck auch starke Kritik von Bürgerrechtlern – zum Beispiel in subtiler Weise durch den Spottnamen Wendehals für allzu wendige Parteikader.

Dennoch setzte sich die Wende als geläufige Bezeichnung in der Öffentlichkeit und im kollektiven Gedächtnis durch und führte zu solch markanten sprachlichen Neuschöpfungen wie Nachwendezeit. Die Autoren des Schlüsselwörterbuchs haben dazu folgende Begründung: “Vermutlich sind Kürze, Griffigkeit und Bildhaftigkeit des Lexems Wende seiner Inbesitznahme durch den nicht mehr von der SED dominierten Sprachgebrauch, seiner Umprägung zum Namen für eine historische Phase und seiner allgemeinen Durchsetzung förderlich gewesen.”

Der damit konkurrierende Ausdruck Revolution (oft in Kombination mit Adjektiven wie friedliche, sanfte, stille, fröhliche, unblutige) ist übrigens einen Tag vor dem Mauerfall zum ersten Mal belegt. Bis zu den ersten Volkskammerwahlen am 18. März 1990 wird er zwar oft verwendet, danach nimmt die Häufigkeit allerdings ab. Ein markantes Beispiel hierzu sind die Präambeln der Staatsverträge: Der Vertrag vom 18. Mai 1990 referiert noch auf eine “friedliche und demokratische Revolution”, der Einigungsvertrag vom 03. August 1990 spricht nur noch von “denen, die auf friedliche Weise der Freiheit zum Durchbruch verholfen haben”.

Semantischer Kampf um die Wende

Was für Mechanismen greifen also, wenn die AfD versucht, sich den Ausdruck Wende und seine bewegende Geschichte einzuverleiben?

Nutzt die Partei ansonsten in ihrer sprachlichen Strategie vor allem Wortschöpfungen mit negativem Beigeschmack wie Klimawahn, Ökodschihadisten und Flüchtlingswelle, greift sie hier auf eine weitere Strategie zurück: Sie deutet bekannte Symbolwörter wie Wende für sich selbst um.

Der Schlüssel dazu ist das linguistische Phänomen der sogenannten semantischen Kämpfe wie sie der Heidelberger Germanistikprofessor Ekkehard Felder definiert: Die Versuche bestimmte Bezeichnungen oder Deutungen in einem Diskurs dominant zu setzen. Dies funktioniert besonders gut mit Wörtern, die auf abstrakte Erscheinungen – also zum Beispiel historische Ereignisse – verweisen. Denn dadurch, dass ich die Wende nicht wie ein konkretes Objekt wie zum Beispiel einen Tisch mit meinen Händen anfassen kann, bleiben uns als Gesellschaft nur die Wörter, um sie greifbar zu machen. Dadurch eröffnet sich automatisch ein gewisser Interpretationsspielraum. Die bereits angesprochene Vagheit des Ausdrucks, die ursprünglich zu seiner Erfolgsgeschichte beigetragen hat, erweist sich hier nun als Krux. Denn dadurch, dass quasi jeder seine persönliche Deutung in den Ausdruck hineininterpretieren kann, können Akteure wie die AfD überhaupt erst versuchen, den Begriff im allgemeinen Bewusstsein oder zumindest in der für sie relevanten Gruppe umzudeuten.

Die AfD versucht hier mit ihrer Wortwahl Wende 2.0 und Vollende die Wende gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie redet eine vermeintliche historische Analogiebildung herbei, mit der nicht nur zwei grundverschiedene geschichtliche Phasen gleichgesetzt, sondern gleichzeitig auch noch die historischen Ereignisse als solche wie auch ihre Nachwirkung umgedeutet werden sollen. Indirekt suggeriert sie auf perfide Weise damit auch, dass die Wahl dieser Partei eine geschichtliche Notwendigkeit sei.

Kollektives Gedächtnis erzählter Geschichte

Die der Sprache innewohnenden Ungenauigkeiten zu eigenen, manipulativen Zwecken auszunutzen, ist eine der erfolgreichsten Strategien der AfD – und die stete Wiederholung fungiert dabei als eine der wichtigsten Taktiken. Die semantischen Kämpfe um andere bedeutungsvolle Ausdrücke wie Freiheit und Demokratie sind dabei nur die offensichtlichsten Beispiele.

Was also tun? Wir dürfen nicht zulassen, dass die Geschichte und die Geschichten darüber von manipulativen Bewegungen einverleibt, umgedeutet und gestohlen werden. Natürlich kann man der AfD diesen Sprachgebrauch nicht verbieten. Die Stilisierung zum Opfer und das Beklagen über angebliche Sprachverbote und eine von der AfD suggerierte, vermeintliche Herrschaft der politischen Korrektheit gehören bereits jetzt zu den beliebtesten Topoi der Partei. Wir können aber den manipulativen Umdeutungsversuchen der Partei einen bewussten Sprachgebrauch entgegensetzen: Wir müssen nach- und hinterfragen und unsere Definitionen anbringen und erklären. Über was wollen wir eigentlich mit welcher Wortwahl wie reden?

Außerdem muss Geschichte immer wieder gemeinsam erzählt werden – angefangen von den konkreten, persönlichen Einzelgeschichten bis hin zu der übergeordneten kollektiv erinnerten Geschichte. Geschichte und die Geschichten darüber müssen im kollektiven Gedächtnis präsent bleiben, damit so Definitionen und Deutungen nicht einfach über den Haufen geworfen werden können – und damit aus vereinigenden und für die Freiheit einstehenden “Wir sind ein Volk”-Rufen nicht spaltende “Nur wir sind das Volk”-Aufrufe werden.

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Ein Kommentar
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  1. Peter Enders sagt:

    Die Autorin meint es vielleicht gut – ich vermag so verschrobenen Formulierungen nicht zu folgen. Die AfD nutzt einfach die Tatsache aus, dass die anderen Parteien die Geschichte nach je eigenem Gustus verfaelschen. An der Spitze ein Wendehals, der frei nach Wolf Biermanns Ah-ja-Lied lebt und redet: „Die grosse Freiheit hat gesiegt, wenn er die Pfruende hat!“ Auch die vielen Sendungen des Deutschlandsfunks, die ich hoere, versuchen, sich einen moeglichst objektiven Anstrich zu geben, sind – summa summarum – aber doch einseitig, wessilastig. Zum Beispiel wurde eine Sendung aus einem ehemaligen Grossbetrieb in Magdeburg uebertragen. Die beiden juengeren westdeutschen Journalisten verstanden die Menschen einfach nicht, mit denen sie sprachen, und versuchten oft, deren moderate Aussagen schoenzureden. Es wird der einzige ostdeutsche Treuhand-Direktor interviewt, natuerlich versucht dieser, seine Taetigkeit schoenzureden. Warum nicht auch Mitarbeiter zu Wort kommen lassen, die sich fuer ihr Tun bei der Treuhand geschaemt haben, wie ein Freund von mir? – Die Autorin klingt wie die SPD-Politiker, die sagen, die SPD muesse ihre Politik nur besser erklaeren. Besser schoenreden? „Auch der gewaltigste hohle Baum kann auf Dauer nicht verhehlen, dass er hohl ist.“



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