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"Glückliche, selbstbewusste Mädchen"

Musikunterricht gibt Roma-Kindern aus Bulgarien eine Perspektive

„Musik statt Straße“: Nach einer Weltkarriere hilft der Gießener Konzertgeiger Georgi Kalaidjiev Roma-Kindern, die in einem bulgarischen Armenviertel leben – wie einst er selbst.

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Geige (Symbolfoto) © Matt Trudeau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Kinder betreten den Raum, nacheinander, sehr ruhig, konzentriert. Die Musik schaffe diese Disziplin, sagt der Konzertgeiger Georgi Kalaidjiev. Die Jungen und Mädchen stammen aus dem Romaviertel „Nadeshda“ (Hoffnung) in der bulgarischen Stadt Sliven, diesen Sommer sind sie für einige Konzerte nach Deutschland gekommen. Kalaidjiev hat ein besonderes Projekt ins Leben gerufen: „Musik statt Straße„. Die Kinder aus Nadeshda bekommen ein Instrument und professionellen Unterricht. Dabei helfen Spenden aus Deutschland.

Kalaidjiev stammt selbst aus dem Romaviertel. Früh wurde sein Talent entdeckt, er kam auf ein Musik-Konservatorium, die erste Tournee ging nach Japan. Eine Weltkarriere startete, die ihn mit dem „Sofia Soloist Chamber Ensemble“ in die großen Konzertsäle führte. Bis vor vier Jahren spielte er bei den Gießener Philharmonikern. Jetzt ist er im Ruhestand. Ruhestand? Kalaidjiev muss lachen.

Klein angefangen

Bei einem Besuch in seiner Heimat vor zehn Jahren entwickelten der Musiker und seine Gießener Lebensgefährtin Maria Hauschild die Idee, den Kindern mit Musik zu helfen. „Alles hat klein angefangen“, berichtet Hauschild. Erst waren es nur einige Kinder, die in der Garage von Kalaidjievs Schwester übten. „Es war Mundpropaganda“, erzählt der Geiger. Immer mehr Kinder kamen zu der Garage, bis heute um die 300. Acht schafften es auf das Musik-Konservatorium.

Dahinter steckt ein unheimlicher Kraftakt. „Natürlich muss ich viel üben“, sagt Veli achselzuckend. Der 16-Jährige will Berufsmusiker werden, auf den großen Bühnen der Welt. „Ich weiß, wie der Beruf aussieht. Dass es viele Stunden Arbeit braucht, um fünf Minuten auf der Bühne zu sein.“ Das habe er sehr gut beschrieben, pflichtet ihm sein Lehrer Georgi Kalaidjiev bei.

Aus Spenden bezahlt

Wie Veli besucht auch die 16-jährige Zvetelina das Konservatorium, sie war das erste Mädchen aus dem Projekt. Jetzt hat auch ihre kleine Schwester Franzeska die Aufnahmeprüfung bestanden. „Besonders die Mädchen wollen nicht den vorgegebenen Weg gehen und mit 13 Jahren heiraten“, erzählt Maria Hauschild. „Aber wir sehen viele Kinder, die Kinder vor sich herschieben.“

30 Teilnehmer kann das Projekt aufnehmen, es gibt Wartelisten. Acht Lehrer unterrichten die Mädchen und Jungen, auch sie werden aus den Spenden bezahlt. Sie bieten Unterricht für zahlreiche Instrumente an: Cello, Violine, Klavier, Gitarre, Bass und Flöte. Zweimal pro Woche ist Unterricht, noch immer in der Garage. Die jungen Musiker dürfen ihre Instrumente mit nach Hause nehmen, um zu üben.

Teilnahme ein Privileg

Es komme vor, dass Kinder wieder aus dem Projekt ausstiegen, berichtet Lehrerin Radka Kuseva, die die 16 Kinder und Jugendliche aus Sliven auf ihrer Deutschlandreise begleitete. Es seien diejenigen, „die nicht genug Geduld aufbringen“. Die Teilnahme sei ein Privileg: „Sie dürfen etwas mit Musik machen, anstatt auf der Straße zu sein.“ Die meisten – und inzwischen auch viele Eltern – begriffen das Projekt als „Riesen-Chance“.

„Musik statt Straße“ habe das Leben seiner Familie „unglaublich verändert“, schrieb vor kurzem ein Vater in einem Brief an die Projektleiter. Er habe lange benötigt, um seinen Töchtern „ein anderes Leben als das in der Romatradition vorgesehene zu erlauben“. Aber jetzt erlebe er „glückliche, selbstbewusste Mädchen“. Und hoffe, dass das Projekt noch vielen Kindern diese Chance eröffne.

Armut mitten in Europa

Einer der ehrenamtlichen Unterstützer aus Deutschland ist der Fotograf Rolf K. Wegst. Viermal besuchte er das Roma-Ghetto in Bulgarien. „Armut ist nichts, was ich zum ersten Mal sehe“, sagt er. Aber solch eine Armut mitten in Europa habe ihn doch überrascht: „Das Ghetto ist durch einen Tunnel von der Stadt Sliven getrennt. Morgens sieht man Hunderte Kinder vor dem Tunnel. Ein Teil geht zur Schule, die anderen gehen auf die Müllhalden der Stadt.“ Wegst hat das Leben in Nadeshda in Fotos festgehalten und mehrere Bildbände veröffentlicht.

„Seine Arbeit gab dem Projekt einen Schub“, betont Kalaidjiev. Die Fotos zeigen die bröckelnde Ghetto-Mauer, den Schutt auf den Straßen, herumlungernde Erwachsene – und die Kinder mit ihren Instrumenten: ernst, hochkonzentriert, mit leuchtenden Augen. (epd/mig)

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