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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Buchtipp zum Wochenende

Spaghetti vom Landesarbeitsamt

Karl Heinz Meier-Braun und Reinhold Weber schreiben in ihrem Buch die erste Geschichte der Einwanderung in den Südwesten seit dem 19. Jahrhundert. MiGAZIN veröffentlicht exklusiv einen Auszug aus dem Buch. Darin geht es um italienische „Gastarbeiter“ und die Pasta.

Baden-Württemberg, Buch, Cover, Koffer, Hoffnung
"Ein Koffer voll Hoffnung - Das Einwanderungsland Baden-Württemberg" von von Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber © Silberburg-Verlag GmbH, bearb. MiG

VONKarl-Heinz Meier-Braun

DATUM18. Oktober 2019

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Am 20. Dezember 1955 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Italien das erste bilaterale staatliche Anwerbeabkommen. Es regelte die Vermittlung italienischer Arbeitsmigranten von der Anforderung der deutschen Betriebe über die Auswahl der Bewerber bis hin zur konkreten Anreise, zur Lohnregelung und zum Familiennachzug. Begonnen hat die Ausländerbeschäftigung nach dem Zweiten Weltkrieg aber schon früher und zwar auf den Bauernhöfen in Südwestdeutschland. Dort betreute der legendäre italienische Priester der ersten Stunde, Don Mutti, seine Landesleute.

In ihren Koffern brachten die „Gastarbeiter“ oftmals ihren Proviant mit, vor allem ihre Pasta, die sie sich in ihren Unterkünften zubereiteten, zum Erstaunen der Einheimischen. Denn kaum zu glauben aber wahr: In den 1950er Jahren waren Spaghetti in Deutschland noch unbekannt. Inzwischen sind ganze Generationen damit aufgewachsen. Spaghetti bolognese ist nach einer Umfrage längst zum Lieblingsgericht der Deutschen geworden. Aber auch Mozzarella, Basilikum, Cappuccino, Auberginen oder Zucchini galt es damals noch zu entdecken.

Bei der Beschäftigung und Verköstigung der italienischen Arbeitskräfte bereitete deshalb in den frühen „Gastarbeiterjahren“ das Essen so seine Schwierigkeiten. Schwäbischer Most und Backsteinkäse waren eine ungewohnte Kost für die Italiener. Don Battista Mutti besuchte einst mit einem Vertreter des Arbeitsamtes einen Landwirt auf einem Hof bei Künzelsau, „wie üblich wegen Schwierigkeiten mit einem Italiener“. Die erste Frage war gleich: „Wie ist es mit der Verköstigung?“ Die Antwort des Bauern: „Das Beste, was wir haben: Blutwurst und Kraut.“ Darauf die beiden aus Stuttgart: „Oh heidenei! Spaghetti müssen Sie machen. Spaghetti!“ Der Bauer: „Spaghetti kenne ich nicht. Aber schicken Sie mir ein Pfund Samen, ich werde sie anbauen.“

Das Landesarbeitsamt Baden-Württemberg gab 1960 sogar eine Pressemitteilung mit „Ratschlägen für die Zubereitung von Speisen nach italienischer Art“ heraus. Darin heißt es:

„Der Italiener liebt im allgemeinen keine flüssigen und dünnen Soßen, insbesondere keine Mehlsoßen. Zu Teigwaren, die nicht zu weich gekocht werden sollten, gibt man Tomatensoße. […] Der Italiener ist nicht gewohnt, Obstsäfte (Most) zu trinken; zum Essen trinkt er mit Vorliebe Wein und Wasser, während des Tages und abends auch Milch.“

Ergänzend hielt das Landesarbeitsamt 1960 fest:

„Im allgemeinen sind die Italiener anspruchslos, was die Verpflegung anbelangt. Aus Genügsamkeit neigen sie dazu, auf Fleisch zu verzichten. Lediglich Teigwaren ohne Fleischzugabe sind aber nicht als ausreichende Mahlzeit anzusehen. Es sollte deshalb darauf geachtet werden, dass sich die Italiener so kräftig ernähren, dass sie als Arbeitskräfte leistungsfähig bleiben; die negativen Beobachtungen der Krankenhausärzte sprechen sehr dafür. Es wird empfohlen, den Italienern bei der Beschaffung ihrer Lebensmittel behilflich zu sein und hierbei Vergünstigungen wie z. B. durch den Einkauf im Großhandel in Anspruch zu nehmen.“

Wenn Don Mutti zurückdenkt, dann waren die größten Probleme der „Gastarbeiter“ das ständige Heimweh und die schlechte Unterbringung:

„Baracken mit 45 Leuten in einem Raum. Nur wenige Kochgelegenheiten. Schlangestehen vor dem Herd, Überstunden, Schichtarbeit in Hoch- und Tiefbau, Lärm, Radio, Rauchen. Das Schlimmste waren die Unterbringungen in Bunkern, zum Beispiel bei der Firma Bosch am Löwentor in Stuttgart. Zu Hause lebten diese Menschen an der Sonne, hier im Grab!“

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