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Genscher verkündet Ausreise der DDR-Botschaftsflüchtlinge in den Westen

Den Koffer brachte ein Prager bei der Deutschen Botschaft vorbei, ein paar Wochen ist das erst her: rotes Karomuster, brauner Griff, zum Verschließen ein Reißverschluss. „Den muss jemand hier zurückgelassen haben, dem die Freiheit wichtiger war als auch noch seine letzte Habe“, sagt Botschafter Christoph Israng.

Sein Büro liegt nur ein paar Schritte entfernt von dem Balkon, von dem aus vor 30 Jahren, am 30. September 1989, der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) den DDR-Flüchtlingen die Ausreise in den Westen zusagte. Der Koffer ist zu einem der Symbole für die Ereignisse geworden: Er muss einst einem der Botschaftsflüchtlinge gehört haben. Die ganze Zeit über bewahrte ihn eine tschechische Familie auf, jetzt gab sie ihn bei der Botschaft ab – und die sucht schon seit Wochen nach dem Besitzer.

Tausende DDR-Bürger fanden ab dem Sommer des Jahres 1989 Zuflucht in der Botschaft der Bundesrepublik in Prag – in die damalige Tschechoslowakei, einen „sozialistischen Bruderstaat“, konnten sie meist problemlos reisen. Am Anfang waren es eine Handvoll Ausreisewilliger, dann wurden es immer mehr, bis schließlich mehrere Tausend Botschaftsflüchtlinge zusammenkamen.

Schlafen in Stockbetten

Heute erinnert nichts mehr an die dramatischen Geschehnisse von damals: Die Botschaft residiert im Palais Lobkowicz auf der Prager Kleinseite – ein mächtiger Adelspalast aus österreichisch-ungarischer Zeit mit parkartigem Garten. Ein roter Teppich führt über das prunkvolle Treppenhaus hinauf in den Kuppelsaal.

Wo heute unter üppigem Stuck regelmäßig Konzerte und Empfänge stattfinden, war damals ein Bettenlager: In Stockbetten schliefen die Botschaftsflüchtlinge, sie zelteten im Garten, und selbst die breiten Treppenstufen mussten als Schlafstatt dienen. Draußen im Park verwandelte der einsetzende Herbstregen die Erde in Matsch, die drangvolle Enge rüttelte zusammen mit der Ungewissheit an den Nerven. Familien mit kleinen Kindern waren unter den Flüchtlingen, Kranke und Schwangere.

Täglich strömten neue DDR-Flüchtlinge

Das Rote Kreuz half bei der Versorgung, Lehrer unter den Flüchtlingen gaben den Kindern Schulunterricht – die Situation dauerte schließlich über Wochen hinweg an. Täglich strömten neue DDR-Flüchtlinge hinzu, die meisten kletterten kurzerhand über den Zaun auf der Rückseite der Botschaft in das Gelände.

„Die Leute wollten nicht den Verdacht der Sicherheitsbehörden erregen, deshalb ließen sie oft ihre Habseligkeiten am Bahnhof in einem Schließfach zurück und kamen mit leeren Händen hierher“, sagt der heutige Botschafter Christoph Israng, der damals Abiturient war. Als sie sich in der Botschaft in Sicherheit gebracht hatten, baten sie Prager, für sie die Koffer am Bahnhof abzuholen.

30. September 1989

Legendär sind auch die Bilder von den Straßen rings um die Botschaft geworden, in denen jede freie Stelle mit Trabis und Wartburgs zugeparkt war: Die Besitzer ließen die Autos einfach stehen, die Schlüssel blieben stecken – dass sie sie nicht mitnehmen können in die Freiheit, war ihnen klar. Am 30. September kam schließlich Außenminister Hans-Dietrich Genscher nach Prag.

Vom Balkon des Palais’ Lobkowicz sprach er zu den Flüchtlingen, die sich im Garten versammelt hatten. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist“, rief er, und seine Stimme ging unter im vieltausendfachen Jubel, noch ehe er den Satz beendet hatte. Schon kurz darauf setzten sich Sonderzüge in Bewegung, die die Botschaftsflüchtlinge über Dresden nach Bayern brachten. Bis die Mauer dann endgültig fiel, waren 15.000 DDR-Bürger in drei Wellen über die deutsche Botschaft in Prag ausgereist.

Koffer wieder aufgetaucht

„Der Balkon ist heute noch ein bewegender Ort“, sagt Botschafter Christoph Israng und deutet auf die bronzene Erinnerungsplakette, die dort an die geschichtsträchtige Rede erinnert: „Mit Gästen besuchen wir häufig den Balkon, und alle haben gleich die Bilder von damals im Kopf: die Stockbetten und die Zelte unten im Garten.“ In einem Seitenraum der Botschaft läuft für Besuchergruppen regelmäßig ein Film, der die Ereignisse von 1989 noch einmal in Erinnerung ruft.

Der Besitzer des karierten Koffers war schon unterwegs in die Freiheit, bevor er ihn entgegennehmen konnte. Jetzt ist der Koffer auf einem Dachboden eines der Helfer von damals wieder aufgetaucht. Leer ist er inzwischen, und auf die einstigen Besitzer gibt es keinerlei Hinweis. Vielleicht aber taucht noch jemand auf, der ihn wiedererkennt – jetzt, 30 Jahre nach den schicksalhaften Tagen in der Deutschen Botschaft. (epd/mig)