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Christliche Identität? Wovon reden wir eigentlich?

Es läuft häufig so: Das Gespräch, in den Politshows oder unter Freunden, landet irgendwann bei schwierigen Themen, egal ob es um den EU-Beitritt der Türkei, den Bau von Moscheen oder die Migration allgemein geht. Man diskutiert heftig, schließlich handelt es sich um aktuelle Fragen, die uns alle betreffen und auch spalten.

Und dann plötzlich fällt sie, die berühmteste Floskel des Identitätsdiskurses, die von rechts bis links verwendet wird: „Europa hat eine christliche Identität“, die es zu verteidigen gelte. Der erste Teil stimmt: das Christentum hat die Geschichte Europas geprägt wie keine andere Religion, die Grenzen Europas entsprechen mehr oder weniger dem Raum des lateinischen Christentums. Und trotzdem ist nicht klar, was mit christlicher Identität genau gemeint ist. Und vor allem, welche Bedeutung diese für die Zukunft Europas haben soll.

Reden wir von christlicher Identität, denken wir meistens an eine homogene, harmonische christliche Welt. Eine, die es nicht mehr gibt: spätestens ab der Reformation, die in den katholischen Ländern wie Italien immer noch misstrauisch gesehen wird, entstanden zwei unterschiedliche Traditionen, die dann auch getrennte Wege gingen – einerseits die Katholiken, andererseits die Protestanten. Diese zwei unterschiedlichen Wege des Christentums sind noch heute zu sehen: nicht nur in der Doktrin (Beispiel Zölibat), sondern auch im Alltagsleben (Beispiel unterschiedliches Sparverhalten der Familien). Sind also die christlichen Wurzel eher katholisch oder eher protestantisch? Oder vielleicht anglikanisch oder orthodox? Wenn man über die christliche Identität Europas in zukünftiger Perspektive redet, ist die Frage gar nicht so irrelevant – aber wahrscheinlich zu dogmatisch, um überhaupt weit und breit diskutiert zu werden.

Was hingegen auf das Publikum wirkt ist die Debatte um die christlichen Werte Europas. Vor allem nach dem 11. September hat man mit diesem Thema etliche Zeitungsseiten gefüllt: Christlich seien Werte wie die Nächstenliebe, die Menschenwürde, die Unterstützung für die Armen und sogar die Feindesliebe. Wenn man für einen Augenblick die tausendjährige koloniale Geschichte der Kirche nicht berücksichtigt, dann erscheint die gesamte Botschaft, die von ihrem Wesen her universal sei, zum Teil sogar progressiv (die mangelnde Gleichstellung der Geschlechter, man versteht sich, gehört nicht dazu). In der Praxis aber werden eben diese Werte vor allem dort geltend gemacht, wenn es um die Ausgrenzung anderer geht: Nicht bei Fragen wie die Kinderrechte oder die Armut in unseren Städten appelliert man an die christliche Identität unseres Kontinents, sondern ausschließlich, wenn es um den Islam geht. Der Islam hat es geschafft, die größte Obsession der Populisten aller Farben zu werden – doch ist er tatsächlich so gefährlich für das Christentum?

Der französischer Politikwissenschaftler Olivier Roy behauptet in seinem Buch Is Europe Christian?, dass das wahre Problem für das Christentum nicht der Islam, sondern eher die Säkularisierung und selbst der Populismus seien. Die Säkularisierung, weil sie einen immer stärkeren Ausschluss der Religion aus dem öffentlichen und politischen Raum impliziert, wie mittlerweile in politischen Kreisen (fast) überall akzeptiert wird. Der Populismus hingegen, weil er zur Folklorisierung der Religion führt. Für viele Populisten ist die christliche Identität nicht ein Glaube (viele Populisten praktizieren nicht), und schon gar nicht ein Wertesystem (die Verweigerung des Fremden hat mit den christlichen Werten nichts zu tun), sondern eher eine Reihe von traditionellen Symbolen wie das Kreuz, der Kirchturm und die Weihnachtskrippe, die aber von ihrer religiösen Bedeutung entleert werden.

Als Horst Seehofer sagte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, argumentiert er so: „Deutschland ist durch das Christentum geprägt. Dazu gehören der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten“. Nicht universale Werte, also, nicht die christliche Barmherzigkeit, sondern Rituale, die heutzutage komplett säkularisiert sind. Oder glaubt Seehofer, dass die Deutschen den freien Sonntag als Tag des Herrn feiern, und nicht etwa als Ruhetag von der Arbeit? Dass sie in Pfingsten etwas sehen, was nicht ein langes Wochenende in den Bergen oder am Meer ist?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist in dieser Hinsicht noch offensichtlicher. Zum sogenannten Kreuzerlass befragt, argumentierte er, das Kreuz sei „nicht ein Zeichen einer Religion“, sondern ein „Bekenntnis zur Identität“ und zur „kulturellen Prägung“ Bayerns. Nicht überraschend wurde Söders Aussage von Kirchenkreisen, in ersten Linien vom Kardinal Reinhard Marx, stark kritisiert: Was ist schon religiöser als das Kreuz?

So scheint die Rehabilitierung der christlichen Identität Europas, wie sie im politischen Diskurs von den Konservativen vorangetrieben wird, zwischen Folklore und Instrumentalisierung zu schwanken. Denn hier geht es gar nicht um christliche Werte an sich, oder um den Kampf gegen die Säkularisierung als großer Feind der Kirche, sondern lediglich um den Ausschluss des Islams. So wird die christliche Identität zu einer Anti-Identität: Ob das gut ist für die Zukunft dieser christlichen Wurzeln?