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Kampf um die Sprache

Vor genau zehn Jahren hielt Guido Westerwelle eine Pressekonferenz, die zu den berühmtesten seiner Amtszeit werden sollte. Und zwar nicht, weil der damalige (designierte) Außenminister ein revolutionäres Konzept zu den Konflikten in Afghanistan oder im Nahen Osten präsentieren wollte, sondern weil er sich weigerte, die Frage eines BBC-Journalisten auf Englisch zu beantworten. Wir sind ja in Deutschland, sagte der FDP-Chef, und ja, in Deutschland ist es üblich, dass man Deutsch spricht.

Egal, ob Englisch die Weltsprache der Gegenwart ist, und egal, ob internationale Journalisten im Saal waren. Es folgte eine lange mediale Debatte: die einen begrüßten das nationale Selbstbewusstsein Westerwelles, das hier in Form vom Sprachstolz auftrat, die anderen machten sich über seinen Trotz lustig. Fakt ist, dass Westerwelle offenbar einen Nerv traf: Sprache.

Die Debatte um die Sprache ist eine, die immer wieder aufflammt. Manchmal genügt schon die Aussage eines unbekannten Landespolitikers oder Schulleiters, um die Gemüter zu erhitzen. Dabei sind die zentralen Fragen immer dieselben: wieviel Raum soll die deutsche Sprache den anderen überlassen? Sollen Fremdsprachen, die von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen werden, gefördert und unterrichtet werden? Sind alle Sprachen gleichwertig?

Im Februar 2019 sorgte ein Vorschlag von Tayfun Keltek, SPD-Politiker und Vorsitzender des Integrationsrates NRW, für Schlagzeilen. Das Thema: die Sprache. Keltek schlug vor, in der Grundschule den Englischunterricht zu streichen und stattdessen Muttersprachen von Schülern mit Zuwanderungsgeschichte zu unterrichten.

Schließlich wird Mehrsprachigkeit allgemein als Gewinn betrachtet, und als solches gefördert. Allerdings nur solange die Sprache eine westeuropäische ist, am besten Englisch oder Französisch. Anders ist es, wenn es sich um Arabisch oder Türkisch handelt. „Es geht darum, den Lebensrealitäten der Kinder in unserem Land gerecht zu werden“, erklärte Keltek. Ihm ginge es gar nicht um das Türkische, sondern um die Sprachen, die von den Kindern zuhause gesprochen werden. „Angenommen, ein Kind spricht von Haus aus Italienisch und Deutsch, wäre es für die sprachliche Entwicklung dieses Kindes von großem Vorteil, diese Kenntnisse gerade in den ersten Schuljahren zu vertiefen und Italienisch auch in der Schriftsprache zu beherrschen“, schrieb er. Auch rein deutschsprachige Kinder würden davon profitieren, wenn die Herkunftssprachen der Mitschülerinnen an den Grundschulen unterrichtet würden, so Keltek weiter.

Dem Vorschlag des SPD-Politikers folgte eine mediale Debatte, die sich durchaus als aggressiv und aufgeheizt erwies. Die Facebook-Seite „SAT.1-NRW“ startete eine Umfrage, in der die Nutzer abstimmen konnten, ob sie für Englisch oder Türkisch sind. Die FAZ titelte: „Türkisch- statt Englischunterricht in der Grundschule?“, die BILD „Türkisch statt Englisch? Gebauer lehnt Vorstoß ab“. Dass der SPD-Politiker mit seinem Vorschlag – man möge ihn teilen oder nicht – einen Schritt in Richtung Inklusion machen wollte, wurde übersehen. An ihn wurden Beschimpfungen wie „Nationalist“ und „Islamisierer“ gerichtet, die Debatte polarisierte sich zwischen den Pro-Englisch- und den Pro-Türkisch-Lager. Dann wurde das Thema von aktuelleren Meldungen überrollt, und verschwand aus den Augen – vorerst.

Anfang August, mitten im Sommerloch, löste eine Aussage des CDU-Politikers Carsten Linnemann eine weitere Diskussion aus. Der Unionsfraktionsvize im Bundestag sagte in einem Interview: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Für betroffene Kinder schlug er eine Vorschulpflicht vor, notfalls müsse sogar die Einschulung zurückgestellt werden. Ist die Grundschule nicht etwa ein Ort für alle Kinder, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, fragten sich die Kritiker. Und wo, wenn nicht in der Grundschule, werden Sprachkenntnisse verfestigt?

In allen drei Beispielen geht es um die Sprache, über den lebhaft und zum Teil vergiftet debattiert wurde. Der Philosoph Jürgen Habermas schrieb einmal, dass das deutsche nationale Selbstbewusstsein sich immer noch um Kultur und Sprache dreht, das heißt um die Idee einer ethnischen Nation. Und zwar anders als in Ländern wie Frankreich, in dem zum Beispiel die Bürgerrechte eine größere Rolle gespielt haben, nach dem Motto: Franzose ist, wer französischer Staatsbürger ist – Habermas Aussage stammt aus der Vor-Marine-Le-Pen-Zeit.

Der hohe Stellenwert der Sprache für die Deutschen hat vornehmlich historische Gründe: vor der Reichsgründung bestand Deutschland aus einer Reihe von Kleinstaaten, die vor allem eine gemeinsame Sprache und kulturelle Aspekte teilten. So wurde die Sprache zum Klebstoff des Landes, und immer noch gehört sie zu den wichtigsten Aspekten des Deutschseins.

So inklusiv die Funktion der Sprache anfänglich war, so konservativ scheint sie heute zu sein. Deutschsein ist gleich deutsche Sprache. Umgekehrt funktioniert es aber nicht: Deutsch ist nicht, wer Deutsch spricht, sondern nur, wer deutschsprachige Ahnen hat. Und vor allem, wer sich zuhause nur auf Deutsch verständigt. So wird Sprache als Synonym für Blut verwendet – denn Blut stinkt im Schatten des Holocaust, Sprache hingegen duftet im Lichte von Goethe und Schiller.

Der Kampf der Sprachverteidiger, die jedes Mal eingreifen, wenn andere Sprachen einen Platz für sich reklamieren, ist also häufig nichts anderes als der Kampf derer, die das Deutschsein über die DNA bestimmen wollen. Die deutsche Sprache ist nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Sie wird von immer mehr Menschen gesprochen.