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Kampf um die Sprache

Sprache hat für Deutsche einen hohen Stellenwert. Deutschsein ist gleich deutsche Sprache. Umgekehrt funktioniert es nicht: Deutsch ist nicht, wer Deutsch spricht.

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Francesca Polistina © privat, bearb. MiG

VONFrancesca Polistina

Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Die Autorin unterstützt den gemeinnützigen Verein "Journalisten helfen Journalisten" (JhJ), zur Unterstützung von Journalisten und ihren Familien in Kriegs- und Krisengebieten. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM17. September 2019

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RESSORTAktuell, Meinung

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Vor genau zehn Jahren hielt Guido Westerwelle eine Pressekonferenz, die zu den berühmtesten seiner Amtszeit werden sollte. Und zwar nicht, weil der damalige (designierte) Außenminister ein revolutionäres Konzept zu den Konflikten in Afghanistan oder im Nahen Osten präsentieren wollte, sondern weil er sich weigerte, die Frage eines BBC-Journalisten auf Englisch zu beantworten. Wir sind ja in Deutschland, sagte der FDP-Chef, und ja, in Deutschland ist es üblich, dass man Deutsch spricht.

Egal, ob Englisch die Weltsprache der Gegenwart ist, und egal, ob internationale Journalisten im Saal waren. Es folgte eine lange mediale Debatte: die einen begrüßten das nationale Selbstbewusstsein Westerwelles, das hier in Form vom Sprachstolz auftrat, die anderen machten sich über seinen Trotz lustig. Fakt ist, dass Westerwelle offenbar einen Nerv traf: Sprache.

Die Debatte um die Sprache ist eine, die immer wieder aufflammt. Manchmal genügt schon die Aussage eines unbekannten Landespolitikers oder Schulleiters, um die Gemüter zu erhitzen. Dabei sind die zentralen Fragen immer dieselben: wieviel Raum soll die deutsche Sprache den anderen überlassen? Sollen Fremdsprachen, die von Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen werden, gefördert und unterrichtet werden? Sind alle Sprachen gleichwertig?

Im Februar 2019 sorgte ein Vorschlag von Tayfun Keltek, SPD-Politiker und Vorsitzender des Integrationsrates NRW, für Schlagzeilen. Das Thema: die Sprache. Keltek schlug vor, in der Grundschule den Englischunterricht zu streichen und stattdessen Muttersprachen von Schülern mit Zuwanderungsgeschichte zu unterrichten.

Schließlich wird Mehrsprachigkeit allgemein als Gewinn betrachtet, und als solches gefördert. Allerdings nur solange die Sprache eine westeuropäische ist, am besten Englisch oder Französisch. Anders ist es, wenn es sich um Arabisch oder Türkisch handelt. „Es geht darum, den Lebensrealitäten der Kinder in unserem Land gerecht zu werden“, erklärte Keltek. Ihm ginge es gar nicht um das Türkische, sondern um die Sprachen, die von den Kindern zuhause gesprochen werden. „Angenommen, ein Kind spricht von Haus aus Italienisch und Deutsch, wäre es für die sprachliche Entwicklung dieses Kindes von großem Vorteil, diese Kenntnisse gerade in den ersten Schuljahren zu vertiefen und Italienisch auch in der Schriftsprache zu beherrschen“, schrieb er. Auch rein deutschsprachige Kinder würden davon profitieren, wenn die Herkunftssprachen der Mitschülerinnen an den Grundschulen unterrichtet würden, so Keltek weiter.

Dem Vorschlag des SPD-Politikers folgte eine mediale Debatte, die sich durchaus als aggressiv und aufgeheizt erwies. Die Facebook-Seite „SAT.1-NRW“ startete eine Umfrage, in der die Nutzer abstimmen konnten, ob sie für Englisch oder Türkisch sind. Die FAZ titelte: „Türkisch- statt Englischunterricht in der Grundschule?“, die BILD „Türkisch statt Englisch? Gebauer lehnt Vorstoß ab“. Dass der SPD-Politiker mit seinem Vorschlag – man möge ihn teilen oder nicht – einen Schritt in Richtung Inklusion machen wollte, wurde übersehen. An ihn wurden Beschimpfungen wie „Nationalist“ und „Islamisierer“ gerichtet, die Debatte polarisierte sich zwischen den Pro-Englisch- und den Pro-Türkisch-Lager. Dann wurde das Thema von aktuelleren Meldungen überrollt, und verschwand aus den Augen – vorerst.

Anfang August, mitten im Sommerloch, löste eine Aussage des CDU-Politikers Carsten Linnemann eine weitere Diskussion aus. Der Unionsfraktionsvize im Bundestag sagte in einem Interview: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Für betroffene Kinder schlug er eine Vorschulpflicht vor, notfalls müsse sogar die Einschulung zurückgestellt werden. Ist die Grundschule nicht etwa ein Ort für alle Kinder, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, fragten sich die Kritiker. Und wo, wenn nicht in der Grundschule, werden Sprachkenntnisse verfestigt?

In allen drei Beispielen geht es um die Sprache, über den lebhaft und zum Teil vergiftet debattiert wurde. Der Philosoph Jürgen Habermas schrieb einmal, dass das deutsche nationale Selbstbewusstsein sich immer noch um Kultur und Sprache dreht, das heißt um die Idee einer ethnischen Nation. Und zwar anders als in Ländern wie Frankreich, in dem zum Beispiel die Bürgerrechte eine größere Rolle gespielt haben, nach dem Motto: Franzose ist, wer französischer Staatsbürger ist – Habermas Aussage stammt aus der Vor-Marine-Le-Pen-Zeit.

Der hohe Stellenwert der Sprache für die Deutschen hat vornehmlich historische Gründe: vor der Reichsgründung bestand Deutschland aus einer Reihe von Kleinstaaten, die vor allem eine gemeinsame Sprache und kulturelle Aspekte teilten. So wurde die Sprache zum Klebstoff des Landes, und immer noch gehört sie zu den wichtigsten Aspekten des Deutschseins.

So inklusiv die Funktion der Sprache anfänglich war, so konservativ scheint sie heute zu sein. Deutschsein ist gleich deutsche Sprache. Umgekehrt funktioniert es aber nicht: Deutsch ist nicht, wer Deutsch spricht, sondern nur, wer deutschsprachige Ahnen hat. Und vor allem, wer sich zuhause nur auf Deutsch verständigt. So wird Sprache als Synonym für Blut verwendet – denn Blut stinkt im Schatten des Holocaust, Sprache hingegen duftet im Lichte von Goethe und Schiller.

Der Kampf der Sprachverteidiger, die jedes Mal eingreifen, wenn andere Sprachen einen Platz für sich reklamieren, ist also häufig nichts anderes als der Kampf derer, die das Deutschsein über die DNA bestimmen wollen. Die deutsche Sprache ist nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Sie wird von immer mehr Menschen gesprochen.

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6 Kommentare
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  1. Peter Enders sagt:

    Es freut mich sehr, dass Francesca Polestina das Thema Sprache aufgreift. In Gespraechenj ueber „Kasachisch oder Russisch?“ sage ich meinen kasachischen Studenten, „Ihr muesst Kasachisch sprechen, wenn Ihr Kasachen sein wollt – so wie ich Deutsch sprechen muss, wenn ich Deutscher sein will.“ Leider wird durch Sorglosigkeit, Bequemlichkeit, mangelnden Wortschatz, Effekthascherei und vermutlich auch politisch gewollt die Pflege der deutschen Sprache vernachlaessigt. Ihre fuer Wissenschaft und Technik so vorteilhafte Genauigkeit leidet darunter. –
    Da gibt es also doch etwas, was Westerwelle hervorhebt (hatte ich schon vergessen). –
    Die meisten Diskussionen ueber Volksbildung zeigen, dass dieses Land mindestens genauso ideologisch durchdrungen ist wie die DDR damals – leider. –
    „Und wo, wenn nicht in der Grundschule, werden Sprachkenntnisse verfestigt?“ Verfestigen, liebe Francesca Polestina, koennen Sie nur etwas, das bereits vorhanden ist. Wenn die Familien es nicht leisten, gehoert der elementare Spracherwerb in die Vorschule, sonst kommt in der Grundschule das Lernen zu kurz. Bei einzelnen, hinreichend begabten Schuelern kann das anders sein, wie ich von Freunden weiss, doch geht es oben nicht um solche Einzelfaelle. –
    „Franzose ist, wer französischer Staatsbürger ist“ – das klingt gut fuer gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Im uebrigen ist der Pass ein Stueck Papier. –
    Die Blut-und-Boden-Ideologie sehe ich hier nicht, im Unterschied zum Erbrecht. Wenn ich nicht Deutsch spreche, denke ich auch nicht Deutsch. Wie kann ich da Deutscher sein? Umgekehrt: Ich spreche fliessend Englisch und Russisch, bin ich deshalb schon Englaender und Russe?

  2. Kai Diekelmann sagt:

    Ob Deutsch = Sprache eigentlich ethnische Zugehörigkeit meint – geht das nicht am Kern des Problems vorbei? Das Problem ist doch eigentlich, dass es Zugehörigkeit aus zwei Sichtweisen gibt: mich zugehörig fühlen und jemanden als zugehörig ansehen. Der Streit geht m.E. meist darum, und beide „Seiten“ sind ungnädig in der gegenseitigen Schuldzuweisung:
    Weil Ihr mich nicht als eine/n von Euch seht, will ich auch nicht eine/r von Euch sein bzw. weil Du nicht eine/r von uns sein willst, gehörst Du auch nicht zu uns.
    Vorsicht bitte auch bei Vergleichen mit angeblich besser funktionierender Zugehörigkeit. Werden die Banlieu-Bewohner*innen mit nicht-französischen Wurzeln wirklich als Französinnen/Franzosen angesehen?
    In internationalen Studien wird Deutschland regelmäßig gutes Integrationsklima bescheinigt.

  3. Sebaldius sagt:

    So ein Quatsch.
    Unsere Ahnen die Germanen konnten sich vor 1000 Jahren noch nicht mal mit ihren eigenen Nachbarn im Dorf 50 Kilometer weiter verständigen. Weil sie alle ganz anderen Stämmen angehörten, und alle ganz unterschiedliche Dialekte sprachen. Die damals noch unterschiedlicher waren als heute Bayerisch und Ostfriesisch und Schwyzerdütsch.

    Es war im Lauf der Jahrhunderte eine gewaltige kulturelle Leistung gewesen, die deutsche Sprache landesweit in ganz Deutschland zu etablieren. Die polnischen Gastarbeiter, die vor 200 Jahren zu Hunderttausenden ins Ruhrgebiet eingewandert waren, wurden damals zusammen mit ihren Kindern zwangsweise per Gesetz verpflichtet, sauberes Deutsch zu lernen und zu sprechen. Und heute sind die alle so sehr deutsch geworden, dass man sie nur noch an ihren polnischen Namen erkennt, siehe Kommissar Schimansky.

    Der ehemalige US-amerikanische Aussenminister Henry Kissinger wurde zeit seines Lebens verspottet, weil er zwar perfektes Englisch beherrschte, aber nie seinen deutschen Akzent ablegen konnte. Es hat ihm aber nie was ausgemacht, im Gegenteil, er hat es als Kompliment genommen. So wie auch Terminator Schwarzenegger, oder Nobelpreisträger Einstein, und so viele andere deutsche Einwanderer.

    Eine ganz andere Sache ist es aber, wenn hier und heute sogar noch in der dritten Generation die Nachfahren der in den 60er Jahren eingewanderten türkischen Gastarbeiter immer noch keinen „ch“-Laut aussprechen können, und statt dessen nur Zischlaute von sich geben können, in der Art „isch liebe disch nischt!“ Warum tun die das, wollen die sich selbst herausstellen als ewige Türken und Migranten?

    Was einige Migranten nicht begreifen können oder wollen:
    Erstens: Deutsch ist eine der schönsten und reichsten Sprachen der Welt. Und wer es nicht beherrscht, der gewinnt nicht etwas, sondern der verliert etwas. Siehe Heinrich Heine, der auch kein Freund von Deutschland war, aber trotzdem in seinem Wintermärchen sagte: /Und als ich die deutsche Sprache vernahm,/Da ward mir seltsam zumute;/Ich meinte nicht anders,/als ob das Herz/Recht angenehm verblute./

    Und zweitens: Es ist eine reine Tatsachenfeststellung, und kein Werturteil, wenn man einen Migranten an seiner Sprache erkennt. Und ihm das dann auch zu verstehen gibt.
    Also, mal höchst undeutsch: Love it or leave it. Tertium non datur.

  4. Elfriede Reichert sagt:

    haben meine Mitkommentatoren den Satz übersehen:
    “ Deutsch ist nicht, wer Deutsch spricht, sondern nur, wer deutschsprachige Ahnen hat. “
    Da wird ein Schuh daraus. die sogenannte ethnische Zugehörigkeit wird auch gesucht, wenn jemand perfekt deutsch spricht – vielleicht auch mit einer Einfärbung durch einen Dialekt – wenn er oder sie eine schwarze Hautfarbe hat. Fragen Sie einmal einen schwarzen Deutschen, wie oft er die Frage nach der herkunft beantworten soll. „Und wo kommen Sie wirklich her?“
    Und das mit den polnischen Einwandern und ihrer Sprache: 1938 wurden jüdische Polen aus Deutschland ausgewiesen, ob sie nun Deutsch sprachen odr nicht (s

  5. Elfriede Reichert sagt:

    Mich packt der Zorn, haben meine Mitkommentatoren den Satz übersehen:
    “ Deutsch ist nicht, wer Deutsch spricht, sondern nur, wer deutschsprachige Ahnen hat. “
    Da wird ein Schuh daraus. die sogenannte ethnische Zugehörigkeit wird auch dann gesucht, wenn jemand perfekt deutsch spricht – vielleicht auch mit einer Einfärbung durch einen Dialekt – wenn er oder sie eine schwarze Hautfarbe hat. Fragen Sie einmal einen schwarzen Deutschen, wie oft er die Frage nach der Herkunft beantworten soll. „Und wo kommen Sie wirklich her?“
    Der Autor Dmitrij Kapitelmann – durch den Namen zu identifizieren als Zugewanderter – spricht von sich, dass er nicht durch seine Sprache und seine genetische Oberfläche als Zugewanderter verrät. (siehe: https://www.bpb.de/apuz/243856/was-ist-heimat-im-camp-der-bestmoeglichangekommenen?p=all )
    Und das mit den polnischen Einwandern und ihrer Sprache: 1938 wurden jüdische Polen aus Deutschland ausgewiesen, ob sie nun Deutsch sprachen oder nicht (siehe https://taz.de/Polnische-Juden-in-Deutschland/!5544850/ ).
    1939 wurde den polnisch sprachigen Deutschen ihr staatlich anerkanntes Minderheitsrecht entzogen – was man nicht alles lernt, wenn man zornig ist!

  6. Karlina sagt:

    Einen Fremden erkennt man visuell, man erkennt in sprachlich und man erkennt ihn „kulturell“ und anhand mentaler Grunddispositionen. Das gilt auch für sogenannte „Biodeutsche“. Selbst wenn jemand 40 Jahre hier war und scheinbar perfekt den hiesigen Dialekt spricht, wird der Insider z.B. sofort merken, ob jemand „Flüchtling“ ist (also von jemand abstammt, der 1945 vertrieben wurde)) oder nicht. Ein wesentliches Erkennungsmerkmal ist auch der Familienname. Wer Lindemann oder Kiebitz heißt, kommt definitiv nicht aus Bayern.



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