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Auf Malta haben Flüchtlinge wenig Chancen

Eine Urlaubsinsel mit zwei Gesichtern: In Valletta, der imposanten Hauptstadt Maltas, strahlen die altehrwürdigen Steinhäuser prachtvoll. 15 Autominuten weiter im Flüchtlingslager Hal Far verfallen die gleichen beigen Gebäude in trostloser Umgebung. Außer Sichtweite der Touristen säumt Müll die Straße und drückt die Hitze. Im Schatten von Mauern und einzelnen Bäumen sitzen junge dunkelhäutige Männer, meist in ihre Handys vertieft.

„Malta ist nicht gut“, sagt ein Mann in einer Gruppe von Flüchtlingen aus dem Sudan in gebrochenem Englisch. Die Details überlässt er einem anderen Bewohner des Lagers. Der hagere 37-Jährige möchte seinen Namen nicht nennen, erzählt aber, dass er vor zehn Monaten mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer kam. Es gebe in Malta keine Perspektive. „Man kann hier keinen richtigen Job finden, wenn überhaupt auf dem Bau, aber das ist sehr gefährlich.“

Die Männer würden schwarz angeheuert, ohne Vertrag, ohne Versicherung. „Es ist schon passiert, dass Flüchtlinge von einem Rohbau gefallen sind, sie wurden nicht medizinisch versorgt.“ Auch der Lohn werde nicht immer ausgezahlt. Aber es interessiere keinen. „Sogar die Polizei weiß davon“, erzählt der Mann, der aus der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartum stammt.

Hilfe für ein Jahr

130 Euro im Monat erhielten die Bewohner des Camps, sagen die Männer, die angeben, vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen zu sein. Das Mittagessen sei kostenlos, den Rest des Tages müssten sie sich selbst versorgen. Auch das Wasser müssen sie zahlen, 50 Cent für die 2-Literflasche.

Wie lange das so bleibt, weiß man nicht: Malta sichert den Menschen Hilfen für ein Jahr zu, wie Marloes Arbouw von der Hilfsorganisation Hal Far Outreach erläutert. In der Zeit sollen sie einen Job und eine andere Unterkunft finden. Tun sie es nicht, droht ihnen die Ausweisung aus dem Camp, wenn neue Migranten nachkommen. „Das hat es bereits gegeben, und derzeit müssen etwa 100 Flüchtlinge damit rechnen, demnächst ausgewiesen zu werden“, sagt die Niederländerin.

Malta überfordert

„Die Wahrscheinlichkeit, als Flüchtling einen richtigen Job zu ergattern, ist minimal, im schlimmsten Fall droht ihnen ein Leben auf der Straße“, sagt die Freiwillige der Initiative, die sich als Brücke zwischen den Migranten und den vorhandenen Hilfsangeboten versteht. Und eine Wohnung zu finden sei selbst für Malteser extrem schwierig. „Malta ist überfordert mit der Versorgung der vielen Flüchtlinge. Die Ressourcen der Insel sind nicht geeignet dafür.“ Über 10.000 Flüchtlinge leben in dem Staat mit 400.000 Einwohnern.

Zwar sehen die Hilfsorganisationen die Hauptverantwortung für die Misere bei den nördlicheren europäischen Ländern, die Malta mit der Belastung allein lassen. Kritik an der maltesischen Regierung gibt es dennoch. So blockieren die Behörden immer wieder die Arbeit der privaten Seenotretter. „Weil wir von Malta aus operieren, brauchen wir für alles eine Erlaubnis“, erläutert Axel Steier von der deutschen Rettungsorganisation Mission Lifeline.

Gewöhnung an schlechte Nachrichten

Deren Schiff „Eleonore“ wartet seit Montag mit 101 Geretteten vor maltesischen Gewässern auf die Zuweisung eines Hafens. Weder Malta noch Italien sind bislang bereit dazu. Auch die Versorgung der Geretteten oder ein Crewwechsel wird immer wieder abgelehnt. Das erste Schiff der Organisation, die „Lifeline“, wurde im vergangenen Sommer beschlagnahmt und liegt seitdem im Hafen.

Im Zentrum von Valletta bekommt man von all dem wenig mit. „Natürlich ist uns bewusst, was im Mittelmeer passiert“, sagen zwei spanische Touristinnen, aus Valencia, ebenfalls am Mittelmeer, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. „Aber die Wahrheit ist, dass sich die schlechten Nachrichten so häufen, dass man sich daran gewöhnt.“

Gleiches Stadtbild

„Man blendet das schon aus“, sagt auch die deutsche Urlauberin Anke Tümmler. Es sei ja auch nicht ersichtlich, wer Flüchtling sei und wer nicht, weil die Menschen in Malta sehr vielfältig seien. Das Stadtbild habe sich seit ihrem letzten Aufenthalt vor fünf Jahren nicht verändert.

Die Malteser sehen die Flüchtlinge als Konkurrenz um knappe Ressourcen. „Wir sind eine kleine Insel, haben kein Wasser und nur ein Krankenhaus“, sagt ein Bootsfahrer, der sich als Tony vorstellt. „Die EU sollte die Leute in Libyen abfangen und von dort verteilen. Das würde auch Leben retten.“ Zudem sehe er ein Problem bei der Religion. Er sei nicht besonders religiös, aber bei Muslimen nehme die Religion sehr viel Raum ein. „Christen passen sich besser an unser Leben an.“

Rückkehrgedanken

Der Sudanese, der bereits seit zehn Monaten auf der Insel ist, überlegt, in seine Heimat zurückzukehren. „Wenn sich die Lage mit einer neuen Regierung verbessert, mache ich das.“ Die UN übernimmt bei freiwilliger Rückkehr die Transportkosten und finanziert den Flüchtlingen eine Ausbildung oder den Aufbau eines kleinen Unternehmens mit insgesamt 3.800 Euro. Dennoch wirkt der Mann sehr zögerlich. Ein weiteres Mal nach Europa zu kommen, werde nicht möglich sein, sagt er.

„Ich werde nie wieder zurückkehren“, sagt hingegen der 24-jährige Rudnan. Er komme aus der sudanesischen Kriegsregion Darfur. „Ich bin dort nicht sicher.“ Er ist seit etwa drei Monate auf Malta, wobei er die ersten 50 Tage im Gefängnis verbracht hat. „Wieso, weiß ich nicht.“ (epd/mig)