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Visionäre Wucht

US-Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison gestorben

Als sie 1993 als erste Afroamerikanerin den Literaturnobelpreis bekam, feierte das schwarze Amerika: Mit Wucht hatte Toni Morrison von tiefsitzendem Rassismus geschrieben – und davon, wo seine Wurzeln liegen. Jetzt ist sie in New York gestorben.

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"Gott, hilf dem Kind" von Toni Morrison © Rowohlt Buchverlag

Das Mädchen Pecola in „The Bluest Eye“ (Sehr blaue Augen) wünscht sich inbrünstig blaue Augen, damit alles gut wird; die Mutter Sethe in „Beloved“ (Menschenkind) tötet eines ihrer Kinder, um es von der Versklavung zu bewahren. Toni Morrisons Werke sind voll visionärer Wucht und poetischer Kraft. So sah es auch das Nobelkomitee vor 25 Jahren. Als erste schwarze Frau wurde Morrison am 7. Oktober 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Am Montag ist die die US-amerikanische Schriftstellerin und Professorin an der Universität Princeton in New York gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt.

Morrison erwecke einen grundlegenden Aspekt der amerikanischen Realität zum Leben, hatte das Nobelkomitee damals erklärt. Gemeint war: das Leben schwarzer Menschen in den USA und deren von Demütigung, Misshandlung und Widerstand geprägte Geschichte. Morrisons Hauptpersonen sind meist afrikanisch-amerikanische Frauen.

Oft geht es in ihren Werken – darunter das Familieepos „Song of Salomon“ (1979) und die Geschichte „Tar Baby“ (1983) – um die Folgen der Sklaverei, um tiefe seelische Wunden, die nicht verheilt sind, und um Liebe, die vor großen Herausforderungen steht. „Die Vereinigten Staaten wurden von Weißen für Weiße gegründet“, sagte Morrison noch im Frühjahr 2018 in einem Interview. „Amerikaner zu sein, heißt, weiß zu sein. Schwarze hatten diese Möglichkeit nie.“

Folgen der Sklaverei

Mit ihrem Roman „Beloved“ von 1987 ergründete Morrison besonders die psychologischen Folgen der Sklaverei – sie tat dies so eingehend, dass sie 1988 den Pulitzer-Preis gewann. Die „New York Times“ befragte 2006 einige hundert Persönlichkeiten aus der Welt der Literatur nach dem besten amerikanischen Roman der vergangenen 25 Jahre: Morrisons „Menschenkind“ bekam die meisten Stimmen – gefolgt von Don DeLillo (Unterwelt), Cormac McCarthy (Die Abendröte im Westen) und John Updike („Hasenherz“-Serie).

Als zweites von vier Kindern einer Arbeiterfamilie 1931 in Lorain/Ohio geboren, hatte Toni Morrison schon als Kind die Bücher von Jane Austen und Leo Tolstoi gelesen. Nach dem Studium wurde sie Lektorin beim Verlag Random House, fing relativ spät mit dem Schreiben an. Sie war berufstätig, alleinerziehende Mutter zweier Söhne und hatte wenig Zeit. Ihre Ehe war 1964 nach sechs Jahren gescheitert.

Missbrauch von Sprache

Morrisons erster Roman, „Sehr blaue Augen“, erschien 1970. Da war sie bereits 39 Jahre alt. Ihr letzter, „Gott, hilf dem Kind“, kam im Oktober 2017 in deutscher Übersetzung heraus. Darin kommt die Autorin auf die Hautfarbe zurück, den Umstand – so Morrison in einem Rundfunkinterview -, dass ein gesellschaftliches Ranking existiere, bei dem das „Hautprivileg“ sich nach Helligkeit der schwarzen Hautfarbe richtet. Im Roman verstößt ein Vater sein Baby mit sehr schwarzer Hautfarbe: Es könne nicht von ihm sein.

Schon lange vor der Ära Trump sprach Toni Morrison auch über den Missbrauch von Sprache: In ihrer Nobelpreisrede verurteilte sie Raubbau an der Sprache. Man erkenne diesen, wenn Sprechende auf nuancierte und komplexe Wortwahl verzichteten. „Repressive Sprache repräsentiert nicht nur Gewalt, sie ist Gewalt“, erklärte Morrison. Sie limitiere Wissen, ob als obskure Sprache des Staates oder als Pseudosprache („faux-language“) „inhaltsloser Medien“.

Die Bank am Straßenrand

Im Jahr 1989 beklagte Morrison in einem Interview, dass es in den USA kaum Mahnmale gebe, die an das Leben der Afrikaner erinnern, die versklavt worden sind: nicht einmal „eine kleine Bank am Straßenrand“. Die „Morrison Gesellschaft“ hat darum das Projekt „The Bench by the Road“ (Die Bank am Straßenrand) ins Leben gerufen: An Orten, die für schwarze US-Amerikaner wichtig sind, wurden bereits Bänke in ihrem Namen aufgestellt, zum Verweilen und Nachdenken.

Die erste wurde 2008 auf Sullivans Insel in South Carolina errichtet. Dort haben viele verschleppte Afrikaner Nordamerika betreten. Eine steht in Oberlin in Ohio, wo viele geflohen Sklaven Hilfe fanden, und eine in Baton Rouge in Louisiana. Dort hatten Afroamerikaner 1953 einen Boykott öffentlicher Verkehrsmittel organisiert, der zwei Jahre später Vorbild war für den historischen „Montgomery Bus Boycott“ in Alabama, initiiert von Rosa Parks. Morrison musste am Ende ihres Lebens feststellen: „Wir sind noch weit vom Ende von Rassismus und Hass entfernt.“ (epd/mig)

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