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„Aufnahme der Boatpeople aus Vietnam war Konsens“

Herr Oltmer, vor 40 Jahren gab es schon einmal Bootsflüchtlinge, die in der Bundesrepublik aufgenommen wurden. Nach dem Vietnamkrieg flohen Hunderttausende Menschen vor den Kommunisten aufs Meer. Warum war die Solidarität mit den Flüchtlingen damals so groß?

Jochen Oltmer: Es gab tatsächlich eine große Aufnahmebereitschaft in der Bundesrepublik – aber auch in anderen westlichen Staaten wie insbesondere in Frankreich, das aufgrund des Kolonialismus große Verbindungen zu Vietnam hatte. Für die Deutschen spielte aber vor allem der Vietnamkrieg die entscheidende Rolle. Für die einen auf der linken Seite des politischen Spektrums waren die sogenannten Boatpeople Opfer der amerikanischen Kriegspolitik.

Für die anderen auf der eher rechten, konservativen Seite, galten diese Menschen hingegen als Opfer der Kommunisten. In der Blockkonfrontation des Kalten Krieges war es wichtig, dass die Schutzsuchenden sowohl als Opfer der Amerikaner als auch als Opfer der Kommunisten angesehen werden konnten. Ihre Aufnahme ging deshalb für alle politischen Lager in Ordnung.

Welchen Einfluss hatten damals die Medien auf die Hilfsbereitschaft?

Jochen Oltmer: Ein anderer Faktor ist die über viele Jahre hinweg geführte mediale Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg. Dieser Krieg lief jeden Abend in der „Tagesschau“ um 20 Uhr. Für viele Menschen waren Vietnamesen die personifizierten Opfer der 1970er Jahre. Diese Perspektive erzeugte in den Industriestaaten die Vorstellung, dass man es hier mit enorm schutzbedürftigen Menschen zu tun habe. Das gilt allerdings nicht weltweit: In den Nachbarstaaten Vietnams sah man sie meist eher als Belastung und Bedrohung an.

Die Vietnamesen damals sind als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Ihr Status war also von vornherein geklärt. Für die Flüchtlinge heute gilt das in der Regel nicht. Spielt das eine Rolle für die gesellschaftliche Debatte?

Jochen Oltmer: Es ist richtig, dass die Bundesrepublik damals die Kontrolle über die Migrationsbewegung hatte. Vor allem die räumliche Distanz zu Vietnam war da entscheidend – denn niemand kam direkt von dort nach Deutschland. Es herrschte die Vorstellung vor, die Bewegung sei jederzeit beherrschbar. Die Situation 2015 hingegen förderte bei Vielen ein Gefühl des Kontrollverlusts, was gewiss dazu beigetragen hat, dass im Herbst 2015 ein Umschwung in der Aufnahmebereitschaft einsetzte. (epd/mig)