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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Replik

Der Maulwurfshügel

Timo Al-Farooq wirft Dalai Lama in einem Kommentar vor, sich abfällig über Refugees und Muslime geäußert zu haben. Axel Grafmanns, ehemaliger „Sea Watch“-Geschäftsführer, hält dagegen. Eine Replik.

Axel Grafmanns, Seenotretter, Sea Watch, Flüchtlinge, Portrait
Axel Grafmanns © privat, bearb. MiG

VONAxel Grafmanns

Axel Grafmanns studierte Konfliktmanagement & Mediation und führte als freiberuflicher Mediator, Coach und Trainer Anti-Rassismus Workshops und Teammediationen durch. Er arbeitete von 2016 bis 2018 als Geschäftsführer für Sea-Watch e.V. und ist gegenwärtig als Geschäftsführer für die Tibet Initiative Deutschland e.V. tätig.

DATUM29. Juli 2019

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RESSORTAktuell, Meinung

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Während einer vor kurzem abgehaltenen Konferenz in Indien von islamischen Verbänden zum Thema „Vielfalt in der islamischen Welt“ ist der Dalai Lama als Ehrengast eingeladen. Während der Konferenz äußert er Sympathie für die moslemischen Rohingya Flüchtlinge aus Myanmar und sagt u.a. „…Buddha würde diese Menschen schützen“. Islamische Würdenträger behandeln ihn auf der Konferenz mit großem Respekt, und schätzen insbesondere seine gewaltfreie Botschaft. Eine Abordnung aus dem Iran überreicht dem Dalai Lama Geschenke.

Nur wenige Wochen später, weit entfernt in Deutschland, erscheint ein Beitrag im Migazin mit dem klangvollen Titel: „Der Geflüchtete, der Geflüchtete hasst“. In dem Artikel wird dem Dalai Lama „Islamfeindlichkeit“ vorgeworfen. Basis des ganzen Artikels ist ein Interview der BBC vom 30. Juni 2019. Was den Autor besonders in Rage zu bringen scheint, sind die Aussagen zu Migration: „But whole Europe eventually become Muslim country? Impossible. Or African country? Also impossible.“ Der Autor wertet die Aussagen als rassistisch ab. Später wirft er ihm auch noch Sexismus vor, weil der Dalai Lama im BBC Interview eine „attraktive, weibliche“ Nachfolgerin als seine nächste Reinkarnation empfiehlt.

Wie ist dieser Gegensatz zu erklären? Ein rassistischer „Islamfeind“ auf einer Islamkonferenz in Indien als Ehrengast? Als ich noch Anti-Rassismus Workshops durchführte, war eines meiner Lieblingsbilder das von einem Maulwurf mit dunkler Sonnenbrille, der auf seinem erdigen Maulwurfshügel sitzt vor einem riesigen, schneebedeckten, steinigen Bergpanorama. In der Sprechblase des Maulwurfes steht die selbstbewußte Aussage „Richtige Berge sind aus lockerer, brauner Erde.“ Über dem Bild stand in roter Schrift „Vorsicht: Ethnozentrismus!“.

Es ist nicht notwendig, einen Religionsführer zu verehren. Es ist auch nicht notwendig, seine Ansichten zu teilen. Wenn ich allerdings einen Artikel über einen Religionsführer aus einem weit entfernten Kulturkreis schreibe, dann ist es aus meiner Sicht notwendig, den eigenen Maulwurfshügel mal für eine Weile zu verlassen. Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn man sich einmal das ganze Interview angeschaut hätte. Darin ist diese Aussage zu dem berühmten Bild des toten Kindes mit seinem toten Vater vom Juni 2019 an der US-amerikanischen Grenze im Fluss Rio Grande zu hören. „Ich war sehr traurig, als ich dieses Bild sah“ sagt der Dalai Lama. Und weiter: „Trump hat einen Mangel an moralischen Prinzipien“.

Schauen wir kurz nach Tibet – eine Möglichkeit, die Position des Dala Lamas zu Migration zu verstehen, wenn ich das denn will. Tibet ist seit vielen Jahrzehnten von der VR China völkerrechtswidrig besetzt. Tausende tibetische Menschen sind geflüchtet, blutige Konflikte mit der chinesischen Regierung prägen die jüngere Geschichte. Tibet ist eine Schatzkammer, nicht nur die meisten großen Flüsse Asiens entspringen im tibetischen Hochland, sondern auch viele Bodenschätze beherbergt das Land. Das Misstrauen der chinesischen Regierung gegenüber der tibetischen Bevölkerung führt dazu, dass die Ansiedlung von Han-Chinesen seit Jahrzehnten massiv gefördert wird.

Nach Angaben der tibetischen Exilregierung wohnen gegenwärtig 7,5 Millionen Han-Chinesen in Tibet, dem steht eine Zahl von 6 Millionen Tibetern gegenüber. Besonders in den großen Städten ist die Zwangssinisierung Tibets bemerkbar, was jeder bestätigen kann, der einmal in jüngerer Zeit in Lhasa war. Parallel dazu lässt sich eine Diskriminierung in Bezug auf Arbeitsplätze, Bildung, Kultur und Gesundheitsversorgung von tibetischen Menschen feststellen. Beispielhaft kann dafür der Aktivist Tashi Wangshuk genannt werden. Er sitzt bereits seit Jahren im Gefängnis und wird vermutlich gefoltert. Sein Verbrechen: Er wollte die tibetische Sprache unterrichten.

Aber auch das ist nichts wirklich Neues. In vielen siedlerkolonialen Konflikten ging man ähnlich vor, von Australien über Irland bis hin zu Namibia. Die native Kultur wird als minderwertig erklärt, und die zugewanderte als überlegen, um Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Die Situation im besetzten Tibet mit der geförderten Ansiedlung von Han Chinesen versucht, unverrückbare Realitäten zu schaffen. Tibet – nur noch als folkloristischer, etwas rückständiger Teil Chinas mit bunten traditionellen Trachten, Bräuchen und vielen touristischen Sehenswürdigkeiten dominiert von einer han-chinesischen Bevölkerungsmehrheit. Betrachte ich die vor diesem Hintergrund verständliche Aufforderung des Dalai Lamas an die Tibeter, wenn es denn einmal möglich ist nach Tibet zurück zu kehren, und das Land mit seiner Kultur wieder aufzubauen, dann erscheint das BBC-Interview in einem anderen Kontext. Er überträgt auf andere Geflüchtete das, was er von den Tibetern fordert und sich von der internationalen Gemeinschaft wünscht. Deshalb sagt er auch nach der kontroversen Aussage „Europa den Europäern“: „Die europäischen Länder sollten die Geflüchteten aufnehmen. Sie sollten Bildung und Training bekommen, damit sie in ihre eigenen Länder zurückkehren und diese wieder aufbauen können. Die europäischen Länder haben die moralische Verantwortung, diese Länder wieder aufzubauen.“

Interessant im Migazin Artikel ist weiterhin der Vergleich mit der „islamfeindliche(n) Glaubensschwester Aung San Suu Kyi“. Der katholische Papst in Rom wird auch nicht für die fragwürdige Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro verantwortlich gemacht, auch wenn sie beide dem christlichen Glauben folgen und aus Südamerika kommen. Mir stellt sich schon die Frage, warum nun gerade die Friedensnobelpreisträgerin aus Myanmar ins Feld geführt wird. Der Dalai Lama hat sich wiederholt für die Rohingya Flüchtlinge eingesetzt, und die birmanische Mehrheitsgesellschaft aufgefordert, die Gewalt zu beenden. Wenn der Autor den Friedensnobelpreis diskreditieren wollte, dann hätte sich vielleicht der Preisträger von 2012 empfohlen, die Europäische Union, die zehntausende tote geflüchtete Menschen auf dem Meeresgrund des Mittelmeers auf dem Gewissen hat? Oder auch Friedensnobelpreisträger Barack Obama, der tausende zivile Todesopfer mit seinem Drohnenkrieg zu verantworten hat?

Am 2. Juli 2019 veröffentlicht das Dalai Lama Office eine Klarstellung zum BBC Interview. Darin entschuldigt sich der Dalai Lama, falls er Menschen durch seine Aussagen verletzt haben sollte. Er erklärt auch, wie es zu der Aussage kam, seine Nachfolgerin solle „attraktiv“ sein. Die Aussage stammt aus dem Jahr 1992 während er ein Interview mit der Modezeitschrift Vogue gab und er angesichts des ungewohnten Ambientes einen Witz dem Fashion-Kontext entsprechend machte. Weiterhin wird in der Erklärung darauf verwiesen, dass der Dalai Lama sich ein Leben lang für Frauenrechte und Gleichstellung eingesetzt hat, auch und besonders innerhalb der exiltibetischen Gesellschaft. Schließlich ist einiges zum Thema Flucht und Migration zu lesen. In der Erklärung wird das Leid der geflüchteten Menschen anerkannt und Mitgefühl in den Mittelpunkt gestellt. Der Dalai Lama betont, dass alles getan werden muss, um Geflüchteten zu helfen, zumal auch über 100.00 Tibeter selbst ein Flüchtlingsschicksal zu erleiden hatten.

Kritische Artikel können hilfreich im Diskurs sein, wenn sie differenziert und nachvollziehbar sind oder neue Erkenntnisse bringen. Gerade der Dalai Lama fordert dazu immer wieder auf und wendet sich gegen eine kritiklose Verehrung. Und um das nochmal klarzustellen: Es geht nicht darum, seine Aussagen zu teilen, mir geht es um eine differenzierte Einordung als Grundlage für jede konstruktive Auseinandersetzung. Relativ am Endes des Artikels im Migazin schreibt der Autor „Ich bin kein Buddhismus Experte…“. Vielleicht wäre es aber sinnvoll gewesen, sich wenigstens rudimentär mit Tibet, der tibetischen Religion und der Person des Dalai Lamas zu beschäftigen, bevor ein so vernichtendes Urteil gefällt wird. Aber auf einem Maulwurfshügel, noch dazu mit Sonnenbrille, lassen sich die schneebedeckten Berge im Hintergrund eben gut ausblenden, auch wenn sie eigentlich sehr sichtbar sind.

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