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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940
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Frage

Wer ist eigentlich der Eritreer, von dem alle schreiben?

Der Täter von Wächtersbach, Roland K, ist inzwischen bundesweit bekannt. Wir kennen seine Gesinnung, sein Hobby, ja sogar seine Stammkneipe. Menschen, die ihn kennen, werden interviewt, erzählen über ihn. Und wer ist der Eritreer, von dem alle schreiben?

Sami Omar, Sami, Omar, MiGAZIN
Sami Omar © privat, bearb. MiG

VONSami Omar

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM25. Juli 2019

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Gleich passiert was! Ein mediales Feuerwerk aus Antifaschismus und Solidarität mit Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe zu Zielen rechter Gewalt werden. Man kann sich noch ein Brot machen, dann aber schnell zurück vor den Fernseher. Nebenbei twitter und Facebook. Gleich bäumt sich Deutschland in all seiner Vielfalt gegen rechte Gewalt auf. Ok., ne Cola noch schnell aus dem Kühlschrank. Aber flott. Gleich geht es los!

In Wächtersbach wurde aus einem fahrenden Auto auf einen Menschen geschossen. Von einem Rassisten, einem Sportschützen, der nach Polizeiangaben sechs Waffen besaß. Er prahlte mit seinem Vorhaben, jemanden zu erschießen in der Dorfkneipe. Nach der Tat kam er zurück in die Kneipe, um davon zu erzählen.

Der Nachbar sagt der „Hessenschau“ später: „Im Schützenverein war er. Er hat Waffen daheim gehabt. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es irgendwann einmal so kommt.“ Der Wirt berichtet, vor der Tat sei der Mann da gewesen und habe „ganz normal seine zwei, drei Bier getrunken“. Im WDR berichtet man vom Fund einer Gürtelschnalle mit Hakenkreuz bei dem Täter – offenbar ist noch Evidenz für seine Gesinnung notwendig, denn Mord aus rassistischen Motiven kam in Deutschland ja seit `45 nicht mehr vor.

Gleich kommen „Breaking News“, dann ein „Tagesthemen-Spezial“. Sie werden sicher sagen, dass Deutschland ein strukturelles Problem mit Rechtsextremismus hat, kein individuelles. Man wird Gerüchte ausräumen, der Schütze sei Polizist gewesen, weil man anerkennt, dass das eine Plausibilität ist. Das weiß man doch inzwischen. Und man wird bei dem Opfer von einem Geflüchteten oder von einer Person sprechen, nicht von einem Flüchtling – um das Diminutiv zu vermeiden.

Etzad, wie wir Schwaben sagen, schaun `mer mal:

Das Boulevardblatt „Bild“ macht mit einer möglichen Verbindung der Tat mit den Verbrechen von Andres Breivik vom 22. Juli 2011 einen Aufschlag. Von Roland K., dem Schützen von Wächtersbach war wohl kein Foto verfügbar, dafür blickt Breivik nun aus düsteren Augen in die Gesichter der angstlustigen Leserschaft.

Die „Hessenschau“ titelt geschickt: „Mutmaßlicher Rassist stirbt nach Schüssen auf Eritreer“ und macht damit klar, wer in dieser Geschichte wirklich von Interesse ist. Dem „Focus“ wollen wir in Güte den Versuch unterstellen, die Banalität des Bösen herauszuarbeiten, wenn er schreibt: „Ein rechtsextremer Hintergrund des Täters könne dagegen nicht bestätigt werden. Der mutmaßliche Schütze habe offenbar gezielt nach einem Opfer gesucht. Der 26-Jährige sei offenbar ein Zufallsopfer gewesen.“

Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagt ein Mann aus einem Nachbarort von Wächtersbach: „So was passiere doch täglich. Und überhaupt: Die Aufregung sei völlig übertrieben, der Eritreer lebe ja noch. Hier, in seiner Stammkneipe, soll der mutmaßliche Schütze die Tat angekündigt haben. Mit dem habe man ‚ganz normal reden können‘, sagt einer.“

Am 23.07. demonstrieren 400 tapfere Menschen am Ort gegen Rassismus. Manches Plakat behauptet, Rassismus habe dort keinen Platz – obwohl das Blut am Tatort noch sichtbar ist. Das ist vielleicht der Kern des Problems.

Wer der Eritreer war, von dem alle schreiben? Keine Ahnung! Er soll 26 Jahre alt sein – und schwarz!

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3 Kommentare
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  1. Ingo Giesen sagt:

    Vielen Dank für diesen gut ausgearbeiteten Text

  2. Bibu sagt:

    Es ist meiner Meinung nach total irritierend das ganze Cover mit einem Profilbild des Autors zu verziehen, wenn es im Artikel um die Identität einer anderen Person geht, über die man berichtet nicht präsentiert zu werden in den anderen Medien. Der Titel beinhaltet sogar eine „Wer“ Frage .Wenn es darum geht die Identität der besagten Person des Artikels zu schützen oder das Bild zu füllen, da es kein Bild der Person selbst geht, gibt es doch genug andere Möglichkeiten es so zu machen, ohne die Menschen so zu irritieren.

  3. Roman sagt:

    Lieber Sami Omar, vielen Dank für Ihre Kolumnen, auch diese hier. Sie hat mich zu Gedanken angeregt: Welche Details über den Eritreer sollte die Öffentlichkeit wissen? Was ist Privatsphäre und was im öffentlichen Interesse und warum? Diese Frage gilt natürlich auch für den Täter. Da kann man (wohlwollend) das Interesse an Details aus dem Leben noch nachvollziehen: Um zu verstehen, in welchem Wahn manche Menschen (nicht nur er) leben, auf welchen Plattformen sie sich äußern, von wo sie ihre Ideologie bekommen und mit wem sie sich vernetzen. Ein Interesse am Täter könnte also gleichzeitig Prävention sein (wenn man das Täterprofil analyisiert und daraus jetzt sinnvolle Konsequenzen zieht). Aber wie ist das bei dem Eritreer? Er hat nichts zu der Tat beigetragen; für nichts was er getan hat, wie er sich verhält, wie er aussieht, kann man ihm eine Mitverantwortung geben. Es gibt also keine Information über ihn, die uns als Gesellschaft weiter hilft. Oder vielleicht doch? – Empathie. Bisher ist er nur „26 Jahre und schwarz“. Damit fällt es Menschen, die nicht Mitte 20 und nicht schwarz sind schwerer, empathisch und damit solidarisch zu sein. Aber vielleicht ist er Vater, vieleicht ist er Fußballfan, vielleicht ist er im Roten Kreuz engagiert, vielleicht übt er auch meinen Beruf aus, vielleicht züchtet er Tomaten auf seinem Balkon? (Anm.: Das sind alles mutwillige Hypothesen und ich weiß tatsächlich ÜBERHAUPT NICHTS darüber). Wenn ich mehr Facetten kenne, umso mehr Gemeinsamkeiten sehe ich und nicht nur Trennendes, umso näher geht mir die Tat und umso mehr bin ich gewillt, etwas zu ändern, damit sich so etwas nicht wiederholt. Das würde für mehr Fokus auf den Eritreer statt auf den Täter sprechen. – Aber auf Kosten von Privatsphäre. Grüße



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