MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Schule & Toleranz

Es blutet des Kants Herz und meines gleich mit

Die deutsche Bildungslandschaft war noch nie so düster wie heute: bornierte Lehrer – resignierte Schüler. Wenn Schule Toleranz fordert und stattdessen Intoleranz fördert.

schule, bildung, grundschule, realschule, hauptschule, gymnasium
Schule © dierk schaefer auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAsya Alacaoğlu

Asya Alacaoğlu, geb. 1994 in Köln, studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln. Großgeworden ist sie in einem sozialen Brennpunkt Kölns, wo sie bis heute lebt. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit. Zudem ist sie aktiv im Tierschutz.

DATUM23. Juli 2019

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Nie werde ich vergessen, wie die eigentliche Gesinnung meiner Lieblingslehrerin beim Thema islamistischer Terrorismus ans Tageslicht kam. Die Frau, die in der letzten Stunde noch von Kant und der Aufklärung gesprochen hatte, verriet sich am nächsten Tag ihrer eigenen moralischen Maßstäbe. Es war der Donnerstagmorgen nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, als unsere Lehrerin von dem dringenden Bedürfnis heimgesucht wurde, eine Sondersitzung zum Thema Presse-und Meinungsfreiheit machen zu müssen.

Ein auf den ersten Blick pädagogisch sinnvolles Vorhaben und gleichzeitig auch passend zu der aktuellen Unterrichtsreihe, der schwere Fehler aber war, eine Schülerin mit Kopftuch zur Rede zu stellen. „Und Büşra?“, fragte sie „Was hältst du von all dem? In einem freien Land sollte Satire doch erlaubt sein, oder nicht?“

Büşra, die mündlich ohnehin nicht besonders stark war, antwortete überrascht und verlegen zugleich „Ich find es nicht richtig, dass Menschen wegen so was sterben mussten.“ So sachlich wie auch deutlich die Antwort Büşras gewesen war, befriedigte es die Streitlust der Lehrerin an diesem Tag nicht und sie bohrte weiter nach, obwohl sich niemand zu dem Thema äußern wollte.

Hass lag in der Luft, vermischt mit Wut und Intoleranz, jeder Schüler konnte es spüren und ganz besonders diejenigen, die dem muslimischen Glauben angehörten. In meinem Gerechtigkeitssinn schwer verletzt von dieser Situation, meldete ich mich schließlich zu Wort, um der Offensive der Lehrerin entgegenzuwirken, doch verlor ich das Gefecht im Nu.

Die Lehrerin wollte mir nicht einmal zuhören und tat es auch gar nicht, sie schnitt mir jedes Mal das Wort ab, ihr Mund wie eine Waffe geladen und schussbereit für den nächsten Protest.

Wenn ich heute an diesen Tag zurückdenke, fällt mir eines ganz besonders auf und zwar die Tatsache, dass Rassismus nicht nur dort entsteht, wo Menschen in einfachen und unterprivilegierten Verhältnissen leben, sondern viel häufiger bei jenen, die zu den elitären Schichten unserer Gesellschaft gehören.

Die weit verbreitete Auffassung, Rassismus resultiere aus einem Mangel an Bildung und Prestige, mag in manchen Fällen vielleicht zutreffen, dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass Menschen mit einem hohen Bildungsgrad und gesellschaftlichem Ansehen nicht zu rassistischen Denkmustern neigen können. Bei einem genaueren Hinsehen auf die Produktionskräfte von Rassismen stellt sich schnell heraus, dass es gerade die Einflussreichen in unseren Reihen sind, die negative Stereotypen stiften, feindliche Narrative auf sie projizieren und auf diese Weise binäre Oppositionen schaffen, die sich letztlich in den Köpfen ihrer Zuhörer festsetzen und fortsetzen. Rassistische Sinnstiftung ist übrigens nicht nur in Schulen zu beobachten, sondern auch in der Politik und insbesondere in der heutigen Medienlandschaft – eben überall dort, wo Menschen Macht und Einfluss haben.

Wer Kant nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hat, dürfte wissen, dass Aufklärung ein nie endender Prozess ist, in dem sich der Mensch stetig weiterbildet. Dazu gehört auch, dass man als aufgeklärter Mensch die gegenwärtigen Verhältnisse annimmt und alteingesessene Strukturen überwindet.

Die aktuelle Bilanz zeigt, dass viele Bürger, insbesondere die Elite, immer noch dort stehen, wo die Welt noch vor ungefähr siebzig Jahren gestanden hat, allen voran die Lehrerschaft, von der so heutzutage so viel Rassismus und Intoleranz ausgeht. Der Blick des Einzelnen auf den vermeintlich Fremden und der Umgang mit ihm sagt so viel mehr über den Betrachter selbst und seine Gesinnung aus, dass man sich jedes Postulat über Toleranz und Menschlichkeit ersparen kann, wenn man seinem Gegenüber nicht mit ein wenig Anerkennung entgegen tritt.

Schule, die im Sinne der Aufklärung eigentlich ein Ort der Entfaltung und kritischen Urteilsbildung ist, erfüllt diesen Auftrag heute längst nicht mehr, was sich vor allem im Umgang von Lehrern mit muslimischen Schülern zeigt. Der Fall, von dem ich hier berichtet habe, ist keineswegs ein Einzelfall und die bildungspolitische Situation sieht im Grunde noch düsterer, als sie hier geschildet wurde.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

5 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Antoinette de Boer sagt:

    Ich verstehe die Wut einer schlecht gemachten Erfahrung sehr gut – aber der Inhalt dieses Artikels ist viel zu sehr verallgemeinernd und dadurch auch beleidigend gegenüber den Lehrern,die sich bemühen. – Ich kenne sehr viele engagierte Pädagogen,die sich gerade bei den Schülern um Differenzierung und Toleranz bemühen,die oft auch mit groben Verhaltensstöhrungen seitens mancher Schüler zu kämpfen haben,ein aggressieves Verhalten,welches nicht n u r der Schule angelastet werden darf – Die Probleme sind Vielschichtiger !

  2. Elfriede Reichert sagt:

    naja das mit Kant und der Toleranz ist ziemlich zweischneidig.
    Bis vor kurzem wusste ich nicht dass die Aufklärer ziemlich rassistisch waren ohne ich damit in irgendeiner Weise den Prozess der Aufklärung als obsolet bezeichnen will. Denn ich verstehe zu wenig von Philosophie.
    Aber Immanuel Kant sagt in seiner „Physischen Geographie“t: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die Gelben haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer. Und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ Also stehen für Kant die Weißen in ihrer Entwicklung innerhalb der Mesnchheit an der Spitze.
    solches Gedankengut ist auch heute noch in den Köpfen. Vielleicht nicht immer offen geäußert. Aber schon das Wort „Entwicklungsländer“ zeigt das.
    Ein anderes Beispiel fällt mir geraade nicht ein.
    Als ich nach dem Zitat gegoogelt habe, fand ich einen Eintrag unter „KANT steht gegen Rassismus und Intoleranz“ Ein Immanuel-Kant-Gymnasium klärt mit einem Musikabend auf und zeigt die Viellfalt der Welt. Vielleicht ein gutes Beispiel dafür, dass es Lehrer gibt, die den Aufklärungsprozess weiterführen.

  3. Peter Enders sagt:

    Ich stimme Elfriede Reichert zu. Kant hat nur darin recht, dass zu seiner Zeit die am weitesten (was nicht automatisch heißt: am besten) Staaten von Wißen beherrscht waren. Alles andere ist nicht nur rassistisch, sondern auch historisch falsch, s. das Pharaonenreich sowie das alte und das jetzige China.

  4. Peter Enders sagt:

    Kantsche Aufklärung und Religion sind allerdings unvereinbar. Den meisten Gläubigen, die ich kenne, spendet ihr religiöser Glaube Trost und Zuversicht. Das gönne ich ihnen natürlich. Nichtsdestoweniger neige ich zu Kants Urteil „selbstverschuldete Unmündigkeit“.
    Außerdem wurde und wird der religiöse Glauben nur zu oft missbraucht, um eigenes Machtstreben zu unterstützen.

  5. Elfriede Reichert sagt:

    Naja das mit „am weitesten“: was heißt das?
    Die Weißen waren am weitesten mit der Eroberung und der Ausbeutung anderer Länder – oder etwa nicht? Wissenschaft und Religion dienten diesen Zielen.
    ein Zitat aus Wikipedia:
    Anlässlich des 200. Jahrestages der Französischen Revolution machte der bis 2001 an der Sorbonne lehrende französische Philosoph Louis Sala-Molins darauf aufmerksam, dass keinem der Aufklärer an der Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien gelegen war – weder Condorcet, Diderot, Montesquieu noch Rousseau. Eine bekannte Ausnahme war Marquis de La Fayette. Sala-Molins hält die Einstellung zur Sklavenfrage und zu den Schwarzen für den entscheidenden Schwachpunkt im aufklärerischen Anspruch auf die als universell propagierten Menschenrechte



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...