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Vor 75 Jahren schlug das Stauffenberg-Attentat auf Hitler fehl

Als Adolf Hitler sich gerade über den Eichentisch beugen will, um einen Blick auf die Landkarte zu werfen, reißt es ihm den Stuhl weg. Glassplitter, Holz, Isolierwolle und Papierfetzen fliegen durch die Luft, Rauch füllt den Raum. Es ist kurz nach 12.40 Uhr am 20. Juli 1944. In Hitlers Hauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen ist während einer Besprechung mit hohen Militärs eine Bombe explodiert.

Keine zehn Minuten zuvor hat Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) eine Tasche mit dem Sprengsatz in der Baracke deponiert. Anschließend verlässt er den Raum unter einem Vorwand. Er hört noch den Knall, ehe er in einen Wagen steigt, der ihn zu seinem Flugzeug Richtung Berlin bringt.

Das Attentat soll Auftakt zur „Operation Walküre“ sein, mit der die Verschwörer das NS-Regime stürzen, eine neue Regierung einsetzen und den aussichtslos gewordenen Krieg beenden wollen. Staatsoberhaupt soll Generaloberst Ludwig Beck werden, als neuer Reichskanzler ist der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler vorgesehen.

Der Putsch scheitert

Aber der Putsch scheitert: Hitler überlebt. Noch in der gleichen Nacht wendet er sich im Radio ans Volk. Die Verschwörer finden kaum noch jemanden, der sie unterstützt.

Das Regime nimmt grausam Rache. Die Widerstandsgruppe um Stauffenberg war eine Gruppe ziviler und militärischer Oppositioneller, unter ihnen Generäle, Offiziere und Verwaltungsbeamte mit einem großen Netzwerk. Die Gestapo deckt diese Verbindungen auf und verhaftet Hunderte Menschen. Anfang August beginnen die Schauprozesse vor dem Volksgerichtshof. Hitler lässt die Hinrichtungen filmen und schaut sie sich abends an.

Für die meisten war es Verrat

Stauffenberg ist da schon längst tot: Ein Erschießungskommando tötet ihn und weitere Mitwisser – Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht – noch in der Nacht auf den 21. Juli im Hof des Bendlerblocks in Berlin. Die Bundeswehr sieht sich heute in der Tradition des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime und untermauert das durch öffentliche Gelöbnisse neuer Rekruten am 20. Juli.

Doch nach 1945 war Widerstand im Bewusstsein der Deutschen zunächst nichts, worauf man hätte stolz sein können. „Die meisten haben es als Verrat angesehen“, erklärt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Er nennt noch einen weiteren Grund. Schon die bloße Existenz von Menschen, die sich den Nazis verweigerten oder sogar aktiv gegen sie arbeiteten, habe die Belasteten und Mitläufer daran erinnert, wie sie selbst sich hätten verhalten können. „Der Widerstand hat den Deutschen einen Spiegel vorgehalten“, so beschreibt es Tuchel, „und manchmal schaut man da nicht gern hinein.“

Lebenslüge vieler Deutscher

Auch der Historiker Wolfgang Benz, ehemals Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Berliner Technischen Universität, benennt als Grund die Lebenslüge vieler Deutscher: „Man habe nichts machen können gegen das Unheil. Das Vaterland sei in einer Gefahr gewesen, die größer und vor allem wichtiger gewesen sei als alles andere.“ Da habe es Erleichterung verschafft, jene als verabscheuungswürdige Landesverräter zu sehen, die in so einer Situation den Kopf des Regimes töten wollten. Hinzu kam: „Die Offiziere des 20. Juli waren dem Publikum weithin unbekannt“, urteilt Benz. „Es fehlten ihnen Schlachtenruhm und Heldenmythos.“

Erst mit Beginn der 1950er Jahre begann eine nennenswerte Zahl Deutscher, Widerstand gegen eine Diktatur als etwas Positives zu betrachten. Ein Auslöser für diesen – noch sehr zaghaften – Sinneswandel war der Volksaufstand des 17. Juni 1953, in dem sich Bürger der DDR gegen ihre Regierung auflehnten.

Andere Mutige vergessen

Das Gedenken an den Widerstand im Westen blieb zunächst stark auf die Wehrmacht und den 20. Juli bezogen. Andere mutige Menschen waren weitgehend vergessen. Erst in den 1980er Jahren weitete sich das Verständnis von Widerstand. „Neue Generationen haben neue Fragen gestellt“, so erklärt es Tuchel. Der Wunsch nach anderen Helden hatte auch den Grund, dass die Offiziere des 20. Juli keine Demokraten waren. Nahezu alle von ihnen hatten die Weimarer Republik verabscheut, viele sogar zunächst die Machtübernahme Hitlers begrüßt.

In der DDR gedachte man anfangs ausschließlich den Angehörigen des kommunistischen Widerstands. Aber selbst die SED-Führung hob Stauffenberg ab den 1980er Jahren auf ein Podest. „Es ging der DDR um internationale Anerkennung“, erklärt Tuchel. Sie habe damals im Kalten Krieg schlicht Verbündete gesucht, sprach von einer „Koalition der Vernunft“ und verlängerte diese Koalition gedanklich in die Vergangenheit. Die Stauffenberg-Verehrung im Osten Deutschlands sei also „rein instrumentell“ gewesen, urteilt Tuchel.

Nur zehn Gerechte

Die Offiziere des 20. Juli wussten, dass Deutschland militärisch verloren war: Die Alliierten hatten schon anderthalb Jahre zuvor deutlich gemacht, dass für sie nur eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands infrage käme. Die Widerständler wollten – nach der geplanten Machtübernahme – einen Separatfrieden mit den Alliierten aushandeln.

„Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin sind“, sagte Generalmajor Henning von Tresckow, einer der wichtigsten Köpfe der Opposition, „so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird.“ (epd/mig)