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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Studie

Jeder dritte Ausländer jobbt in kritischen Arbeitsverhältnissen

Bis in die 1980er Jahre dominierten sozialversicherungspflichtige und unbefristete Jobs den Arbeitsmarkt – das galt auch für Arbeitnehmer ohne deutschen Pass. Seit den 1990ern ist das anders.

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Ein Bauarbeiter © dustpuppy auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Jeder fünfte Job ist einer neuen Studie zufolge ein atypisches Arbeitsverhältnis. Rund 21 Prozent aller Anstellungen waren im Jahr 2017 zeitlich befristet, bei einer Leiharbeitsfirma, in einer Teilzeitstelle oder einem Minijob, wie die Hans-Böckler-Stiftung am Montag in Düsseldorf mitteilte. Diese Beschäftigungsverhältnisse werden in der Arbeitsmarktforschung als atypisch bezeichnet. Sie unterscheiden sich von einer unbefristeten und sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle, die die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre dominierte.

Besonders oft nehmen Frauen in Westdeutschland atypische Jobs an, wie aus der Studie hervorgeht. Häufig seien auch jüngere Beschäftigte, geringer Qualifizierte und Beschäftigte ohne deutschen Pass in solchen Stellen.

Höchstes Risiko bei Nicht-EU-Ausländern

Demnach variiert unter Ausländern die Wahrscheinlichkeit einer atypischen Beschäftigung nach der Herkunftsregion. Unter den deutschen Kernerwerbstätigen sind den aktuellen Zahlen zufolge 19,2 Prozent atypisch beschäftigt. Je weiter die Herkunftsregion von der Bundesrepublik entfernt ist, desto größer der Anteil der atypisch Beschäftigten. So sind die Quoten der EU-15 Ausländer mit 25,3 Prozent denen der Deutschen am nächsten, gefolgt von EU-28 Ausländern (30,1 Prozent). Nicht-EU-Ausländer hingegen weisen das höchste Risiko atypischer Beschäftigung auf (35,3 Prozent). Dieses Muster zeigt sich beinahe durchgehend bei beiden Geschlechtern in allen atypischen Erwerbsformen.

Der Studie zufolge unterscheiden sich die Anteile an den Arbeitsverhältnissen zudem in Ost- und Westdeutschland erheblich – und sie haben sich in den vergangenen Jahren weiter auseinanderentwickelt. In den ostdeutschen Bundesländern liegt der Anteil atypischer Jobs den Angaben zufolge überall unter 18 Prozent. Im Westen reicht er von knapp 18 Prozent bis über 23 Prozent.

Frauen oft atypisch beschäftigt

Bei der Verteilung auf die Geschlechter zeigt sich eine noch größere Ungleichheit. So sind bundesweit 30,5 Prozent aller erwerbstätigen Frauen atypisch beschäftigt, wobei Minijobs und Teilzeitarbeit dominieren. Unter den Männern haben 12,2 Prozent einen atypischen Job. Bei ihnen spielen Leiharbeit und befristete Beschäftigung eine vergleichsweise große Rolle, wie es in der Studie heißt.

Unter den 15- bis 24-Jährigen stecken 30,9 Prozent in atypischen Jobs. Wesentlicher Grund: Berufsanfänger erhalten häufig erst einmal nur einen befristeten Vertrag.

Bildungsabschluss entscheident

Auch der Bildungs- und Berufsabschluss beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, atypisch beschäftigt zu sein. Während 36,6 Prozent der Arbeitnehmer ohne anerkannte Berufsausbildung befristet, in Teilzeit oder Leiharbeit tätig sind, liegt die Quote bei Beschäftigten mit abgeschlossener Lehre oder Berufsfachschule bei 20,7 Prozent. Am niedrigsten ist sie laut Studie unter Menschen mit Hochschulabschluss: 14,3 Prozent.

Atypische Jobs haben laut Studienautor Eric Seils für die meisten Beschäftigten gravierende Folgen. So bekämen weit mehr als die Hälfte der vollzeitbeschäftigten Leiharbeiter einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle. „Befristet Beschäftigte haben ein niedrigeres Einkommen, leben häufiger in Armut und haben weniger Kinder als unbefristet Beschäftigte“, sagte Seils dem „Evangelischen Pressedienst“.

Entgegen diesem Trend

Teilzeit, Befristung und Leiharbeit waren von Anfang der 1990er Jahre bis zur Finanzkrise 2007/2008 auf dem Vormarsch, erläutern die Autoren Seils und Helge Baumann. Seit 2010 ist nach ihren Erkenntnissen der Anteil der atypischen Arbeitsverhältnisse an der sogenannten Kernerwerbstätigkeit wieder ein wenig gesunken. Er verharrte zuletzt bei rund 21 Prozent im Jahr 2017. Entgegen diesem Trend nahm im selben Vergleichszeitraum die atypische Beschäftigung unter Ausländern jedoch deutlich zu.

1991 betrug die Quote der atypisch Beschäftigten knapp 13 Prozent, auf dem Höhepunkt 2007 waren es 22,6 Prozent, wie aus der Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Stiftung hervorgeht. (epd/mig)

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