MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Buchtipp zum Wochenende

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Marvin Oppong, schwarz, deutsch, Journalist, musste in der Grundschule „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ spielen. In seinem neuen Buch „Ewig anders“ schreibt er über seine Erinnerungen daran und wie er heute darüber denkt. MiGAZIN veröffentlicht exklusiv einen Auszug aus dem Buch.

Ewig anders, Marvin Oppong, Buch, Rassismus, schwarz, deutsch, journalist
Ewig anders: schwarz, deutsch, Journalist - von Marvin Oppong © Dietz Verlag

Als Kind war ich auf einer katholischen Grundschule, sie war die nächste Grundschule zu unserem Haus. Heute heißt sie „Städt. katholische Bekenntnis-Grundschule“. Beim Sport in der schuleigenen Turnhalle haben wir das Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass mit „schwarzer Mann“ der Generaltypus einer dunkelhäutigen Person gemeint ist, die ja auch ich war. Ich habe mich als einziges schwarzes Kind in der Klasse von den Worten dieses Spiels massiv angesprochen und ausgegrenzt gefühlt. Obwohl ich in Sport immer gut war und ich schnell rennen kann – ich bin in Leichtathletik sogar Westfalenmeister mit einer Staffel –, war ich in dem Spiel immer sehr schnell ausgeschieden. Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass dies so war, weil manche von meinen Klassenkameraden von den entgegenkommenden Kindern eher mich gefangen haben, denn ich war ja auch der schwarze Mann, vor dem man nicht fliehen musste, dem man einen Strich durch die Rechnung machen und den man ins Aus verbannen konnte.

Ich höre heute noch den Satz des Spiels in meinen Ohren, verbunden mit einem Gefühl tiefer Demütigung, denn ich war immer der Überzeugung, dass man vor mir keine Angst haben müsse. Ich hatte nie Lust, das Spiel zu spielen, aber als Sechsjähriger traut man sich noch nicht, sich gegen seinen Lehrer aufzulehnen, und man ist auch nicht in der Lage zu verbalisieren, was einen an dem Spiel stört. Hätte ich was gesagt, wäre ich an dieser strengen katholischen Grundschule ohnehin gezwungen worden mitzuspielen.

Ich erinnere mich daran, dass ich den ersten Teil, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ weniger schlimm fand als den zweiten. Die Antwort auf die Frage könnte schließlich auch lauten: „Niemand! Wir sind doch keine Rassisten!“ Viel schlimmer fand ich den zweiten Teil. Bei dem „Und wenn er kommt, dann laufen wir“ habe ich mich irgendwie immer als vom Rest der Klasse abgestoßen und innerlich allein gefühlt.

Ich würde es meinen damals noch sehr jungen Klassenkameraden noch nicht einmal verübeln, wenn einer von ihnen in kindlicher Spontanität dachte, dass man bei dem Spiel auch mal auf „den schwarzen Mann“ losgehen kann, wenn man nicht vor ihm flüchtet.

Apropos fehlende Einordnung: In dem Wikipedia-Eintrag „Kinderschreckfigur“ wird erklärt, dies sei eine „fiktive Figur, mit der Kindern Angst eingejagt wird“. Unter „bekannten Kinderschreckfiguren“ wird unter der Kategorie „Warnung vor Fremden“ auch der „schwarze Mann“ genannt. Danach wird der „schwarze Mann“ auch „böser Mann“ genannt und „ist als Kinderschreckfigur im ganzen deutschsprachigen Gebiet bekannt. Je nach Region und Zeit verstand man darunter verschiedene Wesen: eine dunkle schattenhafte Gestalt, einen Mann mit schwarzer Kleidung und geschwärztem Gesicht (Schornsteinfeger) oder auch einen dunkelhäutigen Mann.“

Die Autorin des Buchs „Alte Kinderspiele“, die österreichische Historikerin Inge Friedl, teilte mir mit, soweit sie es habe recherchieren können, sei „der ‘schwarze Mann’ zunächst nicht rassistisch codiert“ gewesen. In ihrem Buch heißt es: „Der Schwarze Mann war lange im deutschsprachigen Raum eine bekannte Kinderschreckfigur und Teil der schwarzen Pädagogik. Man drohte den Kindern: ‘Wenn du nicht brav bist, holt dich der Schwarze Mann!’ Man stellte sich ihn als dunkle schattenhafte Gestalt vor oder einfach als Mann mit dunkler Kleidung.“ Obwohl jeder das Spiel kennt, gibt es dazu kaum Literatur. Friedl empfahl mir, mich an den Schweizer Universitätsdozenten Ulrich Schädler zu wenden. Er schrieb mir: „Das Spiel hat ÜBERHAUPT NICHTS mit Rassismus zu tun. Der schwarze Mann stellt den Tod dar. Das Spiel wird bei Fischart (Geschichtsklitterung, d. h. deutsche Version von Rabelais Gargantua mit der berühmten Spieleliste in Kapitel 22, 16. Jh.) als ‘Der schwarze Knab’ bezeichnet. Es ist anscheinend ein Überbleibsel der Pest- und Totentänze“. In Norddeutschland heiße das Spiel „Der wilde Mann“.

Doch gerade der Umstand, dass nicht klar ist, was gemeint ist und falsche Assoziationen geweckt werden können, ist das Problem. Da Kinder das Spiel in den meisten Fällen ohne kritische Einordnung spielen, sind rassistischen Phantasien Tür und Tor geöffnet und die Möglichkeit, dass eine dunkelhäutige Person gemeint ist, die einem einen Schrecken einjagen soll, immer vorhanden. Der „schwarze Mann“ wird, zudem völlig pauschalisierend, mit der Emotion Angst in Verbindung gebracht. Angst ist ja ohnehin ein deutsches Ding; ‘German Angst’ bereits ein geflügeltes Wort. Nach der Logik des Spiels, ist es völlig egal, warum weggerannt wird. Egal ob der schwarze Mann gefährlich ist oder etwas gemacht hat – man meidet ihn generell. Der zweite Teil des Spiels, „Und wenn er kommt, dann laufen wir!“, setzt die misstrauische Grundhaltung gegenüber jeder männlichen schwarzen Person fort. Zudem erzeugt sie durch das „wir“ eine Abgrenzung aller weißen Teilnehmer des Spiels gegenüber dem schwarzen Mann, der sich in der Minderheit befindet.

Mit Billigung des Lehrers wurde hier Rassismus gefördert, zwangsweise, denn mitspielen musste man, da dies Teil dessen war, was sich Unterricht nannte. Das Perfide: Ich wurde gezwungen, an meiner eigenen rassistischen Demontage mitzuwirken, weil ich mitspielen musste. Das Spiel haben Generationen von Schülerinnen und Schüler in Deutschland gespielt. So wird Rassistisches über Generationen hinweg spielerisch am Leben gehalten. Unheimlich finde ich das.

Wer beurteilt, wie schlimm das Spiel für schwarze Kinder ist und was man beim Thema Rassismus ansprechen darf? Ein Weißer, der selbst nie Betroffener war?

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...